Nach längerer Pause erscheint sie wieder. Die Presseschau. Aber warum gerade eine ungerade Jahreszahl? Zunächst habe ich keine Lust mehr den Kriegsberichterstatter zu spielen und bei der Recherche zu einer anderen Sache stellte ich fest, dass - nach meiner Sicht - gerade das Jahr 1896 und vor allem das folgende Jahr besondere Neuigkeiten für Dresden brachte. Daher der Entschluss die Presseschau nicht mehr "vor 100 Jahren" zu nennen, sondern mit dem 1. Oktober 1896 zu beginnen und weiterhin folgend durchzuführen.
Quellen sind die jeweiligen Tageszeitungen die mit dem Kürzel DN für Dresdner Nachrichten, DA für Dresdner Anzeiger und DNN für die Neuesten Nachrichten benannt werden und sich in der SLUB-Dresden im Filmformat befinden.
Die ausgewählten Nachrichten und Texte sind in der damaligen Rechtschreibung geschrieben, Hervorhebungen sind original. Eventuelle Tippfehler bitte ich zu entschuldigen.
Und nun wünsche ich viel Freude beim Erkunden der ach so wichtigen Meldungen, welche Dresden vor 119 Jahren bewegte.


Mittwoch, 31. März 1897

Es wird wieder kälter, aber kein Regen:

"Am 29. März herrschte in Sachsen vorwiegend trübes Wetter mit ausgebreiteten Niederschlägen. Die Temperatur nahm von früh an beständig ab, nachdem sie in den Morgenstunden ziemlich hohe Werthe erreicht hatte, sodaß Minima und Mitteltemperatur nur wenig von einander verschiedene sind; die ersteren betragen 8 Gr. (Desden, Chemnitz) bis – 0,5 Gr. (Fichtelberg), die letzteren sind 10 Gr. (Colditz) bis + 1 Gr. an der Hochstation. Das Maximum hat Chemnitz mit 14,5 Gr. aufzuweisen. Schneetiefen Reitzenhain 15, Fichtelberg 50 Cmtr. Unter abnehmender Intensität hat die Depression im Norden von uns auch an Raum verloren und ihr Gebiet beschränkt sich nur noch auf die südliche skandinavische Halbinsel wie die Nord- und Ostsee. Von Westen über Südwesten hat eine starke Zunahme des Luftdrucks stattgefunden, sodaß zu dem Maximum im südlichen Irland noch ein zweites fast gleich hohes in Oesterreich kommt. Mit dieser Ausbreitung des hohen Drucks hat sich unter theilweiser Aufklarung trocknes, kälteres Wetter eingestellt und läßt das weitere Zurückgehen des tiefen Drucks auf fortschreitende Besserung der Wetterlage hoffen.
Aussichten: Trübe. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 16 Gr. Wärme, niedrigste 4 Gr. Wärme. Bewölkt, wechselnd mit bedeckt. Nordwestwind. (DN)"

Die Schwalben sind eingetroffen. Auch wenn es nur die "Fischpiebsen" sind:

"Schaaren von weißen, schwarzköpfigen Flußschwalben, im Volksmunde „Fischpiebsen“ genannt, beleben jetzt wiederum unsere Elbufer; besonders zahlreich sind diese Vögel auf den Wiesen und Saatfeldern zwischen Kaditz und Uebigau anzutreffen. Einige Pärchen der kleineren, selteneren Art haben als Brutstätte die Strompfeiler der Eisenbahnbrücke (fünfte Elbbrücke) ausersehen. Möglicherweise dürfte jedoch das Brutgeschäft kaum zu Ende geführt werden, da in nächster Zeit das Anfahren der Eisentheile erfolgen soll. (DA)"

Was soll denn das? Wenn die Vögel dort brüten, dann haben die Arbeiten an der neuen Eisenbahnbrücken eingestellt zu werden!
Eingestellt sind nun auch, bis nach Ostern, die öffentlichen und geschlossenen Tanzveranstaltungen:

"Die sogenannte geschlossene Zeit begann am gestrigen Montage, als dem Montage nach Lätare, die mit dem ersten Osterfeiertage zu Ende geht. Innerhalb dieser Zeit sind Tanzbelustigungen aller Art – sowohl an öffentlichen Orten, als auch in Privathäusern und in Localen geschlossener Gesellschaften – verboten. Dagegen ist auch weiterhin bis Mittwoch in der Charwoche und sodann vom 1. Osterfeiertag ab die Abhaltung von Concertmusiken und anderen mit Musikbegleitung verbundener Vergnügungen, sowie die Veranstaltung von Theatervorstellungen gestattet. (DNN)"

König Albert besucht nicht nur die Berufsmusiker sondern auch die Dilettanten, wie die Laienkünstler genannt werden (was ein Jahrhundert später ein so gar nicht gemeintes Schimpfwort ist):

"Se. Majestät der König wohnte gestern Abend im Vereinshaus dem Concert der Dreyßig´schen Singakademie bei. (DN)"

Fritze August war bei den Kindersoldaten:

"Se. Königl. Hoheit der Prinz Friedrich August hat sich gestern Vormittag, begleitet von dem Abtheilungschef im Kriegsministerium, Obersten d´ Elsa und dem Brigade-Adjutanten Premierleutnant v. Gerber, nach Kleinstruppen begeben, um der Prüfung der in der Unteroffiziersvorschule übertretenden Zöglinge der Soldatenknaben-Erziehungsanstalt beizuwohnen. Am Nachmittage kehrte Se. Königl. Hoheit wieder nach Dresden zurück. (DN)"

Zurück kehrt auch die Großherzogin:

"Ihre Kaiser. Königl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana kehrt am Freitag nach Salzburg zurück. (DN)"

Das immer erst etwas geschieht wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Es deutete sich ja schon an, dass nach der Auswertung des Feuerwehreinsatzes zum Kreuzkirchenbrand Dampfspritzen beschafft werden. Die Stadtväter machten nun dazu die Mittel flüssig:

"Ueber die Frage der Beschaffung von Dampfspritzen sind vom Feuerwehramt und dem Tiefbauausschuß Erörterungen angestellt worden. Hiernach beantragt der Ausschuß, zwei Dampfspritzen nebst Tendern und sonstigem Zubehör zu beschaffen und hierzu ein Berechnungsgeld von 42.000 Mk. zu bewilligen. Nach den herbeigezogenen Unterlagen stellt sich der ungefähre Aufwand für eine Dampfspritze auf 12.000 Mk., für einen Tender auf 2200 Mk., für Schläuche, Kuppelungen, Wasserbehälter, Standrohre, Verbindungsstücke etc. auf 6250 Mk. für eine Spritze. Hierzu kommen noch 530 Mk. für Vorrichtung der zur Aufnahme der Dampfspritzen bestimmten Räume. Der Rath bewilligte den geforderten Betrag. (DNN)"

Wie gestaltete sich der erste diesjährige Jahrmarkt? Ein Abschlussbericht:

"Der hiesige Ostermarkt, welcher von der Mehrzahl der Fieranten zu den besten der Dresdner Jahrmärkte gezählt wird, ist diesmal zwar durch die unmittelbare Nähe des Zinstermins, sowie durch die am gestrigen Haupttage herrschende unfreundliche Witterung bezüglich des Besuches beeinträchtigt worden, allein mit dem Geschäftsgange selbst konnet ein erheblicher Theil der Fabrikanten, Handwerker und Händler völlig zufrieden sein. Von den in Altstadt gebotenen Artikeln wurden in erster Linie in vogtländischen Weißwaaren, Eilenburger Kattun, thüringer Porzellan und Steingut Königsbrücker Thonwaaren recht namhafte Umsätze erzielt, während Lausitzer Leinwand, Damaste, gestreifte Bettzeuge, Inlette u. s. w. nicht minder Annaberger und Buchholzer Posamenten allerdings nur sehr mittelmäßiges Geschäft zu verzeichnen hatten. Von böhmischen Glaswaaren wurden Gebrauchsgegenstände ziemlich lebhaft abgenommen, Luxussachen dagegen spärlich gekauft. Die wenigen Kürschner, welche sich am Jüdenhofe eingefunden hatten, setzten nur belanglos in Hüten und Mützen um. Was die in den Neustädter Verkaufsständen erzielten Geschäfte anlangt, so ist darüber folgendes zu melden. Dem Böttchermarkte, der – wie regelmäßig – reich beschickt war, sind mindestens drei Viertheile der zugeführten Vorräthe entnommen worden, indeß die Tischler weit über die Hälfte ihrer Waaren verkauften und Finsterwalder Polstermöbel sogar vollständig abgenommen wurden. Weniger zufrieden allerdings können die zahlreich gekommenen Schuhmacher sein, welche nur am Freitag reichlich absetzten, am Montag aber der regnerischen und stürmischen Witterung halber, welche die Landleute vom Besuche des Marktes abhielt, wenig verkauften. Nicht minder klagten die erzgebirgischen Spielwaarenhändler, indeß Borstendorfer, Grünhainicher hölzerne Haus-, Küchen- und Gartengeräthe lebhafte Abnahme fanden. Die Korbmacher, welche auf der Kasernenstraße allerdings recht abseits gelegene Verkaufsstände inne haben und denen die mit ihren Waaren auf den Dörfern tagtäglich herumziehenden polnischen Händler bedeutende Konkurrenz bereiten, haben nur kleinen Umsatz zu verzeichnen gehabt, Recht leidliches Geschäft dagegen erzielten die Kleiderhändler, während die Wollwaarenhändler, wie immer auf den Frühlingsmärkten, wenig verkauften. Was den Ledermarkt anbetrifft, so waren namentlich Kipse wegen des am 13. des vorigen Monats erlassenen Einfuhrverbotes in nur sehr schwachen Posten vertreten und es würden sich vierfach größere Quanten, als am Platze waren, sofort Abnahme gefunden haben. Wildhäute waren ebenfalls wenig da und hatten mittelmäßigen Geschäftsgang. Auch in Roßleder mußten die Zufuhren als belanglos bezeichnet werden. Braune und weiße Schaffelle dagegen waren reichlich vorhanden und wurden vollständig abgenommen. Kalbfelle wurden lebhaft gefragt, nicht minder Sohlenleder, von welch letzterem jedoch so wenig am Platze war, daß die Gerber hierin bereits am Montag Vormittag vollständig ausverkauft hatten. Sogenannte graue Reh- und Rennthierfelle wurden leidlich gefragt. (DA)"

Nicht nur am neuen Hauptbahnhof geht es zügig voran, sondern auch am späteren Bahnhof Mitte. Und eine neue Straße wird an Stelle der alten Chaussee auch errichtet, die Könneritzstraße. Gar mit Straßenbahngleisen, damit später einmal eine Ringlinie geschaffen werden kann:

"Der innere Ausbau im Wartesaale, in den Schaltern, Diensträumen u. s. w. in der imposanten Halle der Haltestelle „Wettinerstraße“ ist nun soweit beendet, daß dieser Tage mit der Installirung der elektrischen Beleuchtung begonnen wurde. Diese, von der Firma „Helios“ (Köln-Ehrenfeld) ausgeführt, gestaltet sich, wie die Vorarbeiten andeuten, äußerst großartig. Die anliegende Könneritzstraße ist von der Ostra-Allee (bez. ehemalige Ostrabrücke) bis zur Jahnstraße nahezu fertiggestellt und mit Doppelgleisen der Straßenbahn belegt. An der Jahnstraße biegen zwei derselben nach dem Wettiner Gymnasium ab, während zwei später weiter nach der Ammonstraße (Ringbahn) geführt werden. Auch der letzte Trakt der Könneritzstraße bis zur Stiftsstraße ist bereits beschleust und wird jetzt das Planum der prächtigen Straße in Angriff genommen. – In der Nähe derselben, im Garten des Ehrlichen Gestifts neben dem städtischen Elektrizitätswerk, erhebt sich jetzt der in Holz ausgeführte Bau einer Interimskirche für die zum Abbruch kommende kleinste Kirche Dresdens, die Jacobi- oder Stiftskirche. Der Neubau zeigt nur eine Straßenfront von knapp 20 m und eine Tiefe von etwa 25 m. An den vier Seiten erheben sich thurmartige Aufbauten. Wenn auch räumlich beschränkt, wird doch das interimistische Gotteshaus einen gefälligen Anblick bieten. (DA)"

Richtig los geht es auch im Linckeschen Bade. Ostern soll schon wieder eröffnet werden:

"Das Etablissement zum Lincke´schen Bad geht mit dem 1. April pachtweise in die bewährten Hände des bisherigen Gewerbehauswirthes Herrn August Henner über. Herr Henner wird sämmtliche Räume einer gründlichen Neuvorrichtung unterziehen lassen, sodaß der große Saal und der schöne, den angenehmsten Aufenthalt bietende Parkgarten mit den Osterfeiertagen wieder einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden können. Herr Henner beabsichtigt, neben den besten Weinmarken von Schönrock´s Nachf. und Brems u. Co. an Bieren Felsenkeller Lager, Münchener Spaten und I. Aktien-Kulmbacher, außerdem noch das beliebte Pilsner Schankbier zu führen. Selbstverständlich wird auch für vorzügliche Küche Sorge getragen. Zur Veranstaltung von Festlichkeiten kann daher Vereinen und Gesellschaften das Etablissement angelegentlichst empfohlen werden. (DN)"

Das sind doch mal gute Nachrichten, so wie der morgige Speiseplan:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Panadesuppe. Hecht mit Parmesankäse gebacken. Gefüllte Kalbsbrust mit Salat. Mohnkuchen. – Für einfachere: Hammelfleisch mit Kartoffelstückchen. (DN)"

Stille oder geschlossene Zeit. Mit Tanzen ist da nix, außer auf der Bühne:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Entführung aus dem Serail. Ballet-Divertissement.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Hüttenbesitzer.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

In einem bekannten Kanon heißt es, dass kein Jahrmarkt ohne Dieb sei. Das schließt natürlich auch den Dresdner Osterjahrmarkt ein:

"Polizeibericht. Auf der Schloßstraße stürzte heute früh ein Arbeiter bei dem Reinigen eines Schaufensters von der Leiter und trug eine Wunde am Kinn, eine Verletzung am linken Knie, sowie einen Bruch des rechten Handgelenkes davon. – Bei dem Baue des Fluthkanales zwischen Leipziger und Großenhainer Straße ist gestern ein 33 Jahre alter Arbeiter auf einem Balken ausgeglitten und 6 m tief auf den Cementboden gestürzt, wodurch er eine Wunde am Kopfe und eine starke Gehhirnerschütterung erlitt. – An der Reißigerstraße wollte gestern ein Kutscher mit seinem zweispännigen Geschirre auf einen Steinablagerungsplatz fahren und trieb zu diesem Zwecke die Pferde mit der Peitsche an. Dabei schlug eines der Thiere aus und traf den unmittelbar über der Deichsel auf einem Brette sitzenden Führer. Er erlitt einen schweren Unterschenkelbruch. – Auf dem diesmaligen Jahrmarkte sind eine ganze Reihe von Taschendiebstählen verübt und zur Anzeige gebracht worden. Der Kriminalpolizei gelang es, am Montag zwei reisende, aus Lodz in Russisch-Polen stammende Taschendiebe, angeblich jüdische Kaufleute, auf frischer That in den Budenreihen am hiesigen Johanneum zu ergreifen. Ihnen wurde bis jetzt 6 verschiedene Taschendiebstähle nachgewiesen. Im Besitze derselben befanden sich noch ein viereckiges braunledernes Damenportemonnaie mit Kugelverschluß und mit einem Kleeblatte verziert, ein gelbledernes Geldsäckchen mit Kugelverschluß, das die Aufschrift „Fröhliche Weihnachten“ trägt, ein grünledernes, innen grau gefüttertes längliches Damenportemonnaie mit gelbem Bügel und Kugelverschluß, sowie ein Sackförmiges schwarzes Herrenportemonnaie mit weißem Bügel. In einem der Portemonnaies befand sich eine gelbe Messingmarke Nr. 1336. Ueber das Abhandenkommen dieser Portemonnaies liegen hier noch keine Anzeigen vor, weshalb die Eigenthümer derselben ersucht werden, sich baldigst bei der Kriminalabtheilung der hiesigen königlichen Polizeidirektion zu melden. – Auch wurde eine 43 Jahre alte, getrennt lebende Arbeitersehefrau beim Taschendiebstahl betroffen, festgenommen und einer ganzen Anzahl von Diebstählen überführt. – Außerdem wurde eine 27 Jahre alte Schlossersehefrau von der Kriminalpolizei auf frischer That ertappt, wie sie von einem Verkaufsstande auf dem Neumarkte Waaren entwendete. (DA)"

Verschwunden ist ein verrückt gewordener Schuster:

"Vermißt. Am Donnerstag Nachmittag hat sich ein hiesiger, in den 40er Jahren stehender Schuhmachermeister aus seiner Terrassenufer 9 gelegenen Wohnung entfernt und ist bis jetzt noch nicht dahin zurückgekehrt. Es ist anzunehmen, daß der Betreffende infolge plötzlich überkommener Geistesschwäche sich verirrt hat oder verunglückt ist. Bekleidet war der Vermißte mit dunkelblauem Kaisermantel, braungestreiftem Beinkleide, blauem Jacket, braunem, weichen Filzhute und Stiefeletten. Er hat eine silberne Uhr mit goldener Kette und Medaillon bei sich. (DNN)"

In Kaitz wurden Pferde scheu und durchbrachen mit ihrem Geschirr eine Mauer:

"Kaitz. Der bei dem Besitzer des Amtslehngutes Herrn Brendel bedienstete Kutscher verunglückte am Montag Abend insofern schwer, als das durchgehende Pferd mit dem Wagen, auf dem er saß, gegen eine Mauer prallte und diese zertrümmerte. Hierbei stürzte der Mann zu Boden und erlitt neben anderen Verletzungen einen Armbruch. (DA)"

Auf ins Heidelberger Faß. Zwar ohne Tanz, aber mit Musik:

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Dienstag, 30. März 1897

Zumindest Nachmittags soll der Regen aufhören. Meint der Wetterbericht:

"Fast die gleiche Witterung wie an den Vortagen herrschte auch am 28. März wieder in Sachsen. Bei wechselnder Bewölkung, jedoch vorwiegend trübem Wetter fanden überall zeitweise Niederschläge statt. Die Temperatur ging etwas zurück. Ihre Minima lagen zwischen 8 Gr. (Dresden) und – 2 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe schwankten von 9 bis 0 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug 13,2 Gr. (Dresden). Schneetiefe: Reitzenhain 15, Fichtelberg 50 Cmtr. Ueber den Skagerak  und dem südwestlichen Norwegen lagert eine Depression von 728 Mm., welche fast das ganze Witterungsgebiet beherrscht. Die höchsten Barometerstände werden bereits mit 754 Mm. auf Irland und mit 752 Mm. in Siebenbürgen erreicht. Eine kräftige, an der Küste stürmische cyklonale Luftbewegung, verbunden mit elektrischen Erscheinungen, bringt am Morgen bei trübem, sehr warmen Wetter mehrfach Niederschläge, die in Sachsen auch im Laufe des Vormittags eingetreten sind und zu einer Temperaturabnahme geführt haben. Mit der allmählichen Abflachung des nördlichen Minimums dürfte wieder eine Besserung der Wetterlage zu erwarten sein.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 12 Gr. Wärme, niedrigste 8 Gr. Wärme. Vormittags und Mittags Regen, Nachmittags bedeckt. Nordwestwind. (DN)"

Über die Beteiligung des Königs an den Trauerfeierlichkeiten in Thüringen wird berichtet:

"Se. Majestät der König begab sich in Begleitung des Generaladjutanten Generalleutnant v. Treitschke, des Flügeladjutanten Majors Freiherrn v. d. Bussche-Streithorst und des Oberstabsarztes Dr. Selle gestern früh 7 Uhr mittels Sonderzugs nach Leipzig und von dort um 9 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Zuge nach Weimar, um der feierlichen Beisetzung Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach beizuwohnen. Die Ankunft daselbst erfolgte 11 Uhr 24 Minuten. Se. Majestät ward am Bahnhofe von dem Prinzen Bernhard Heinrich empfangen. Der Monarch traf Abends 8 Uhr 29 Minuten wieder in Dresden ein. (DN)"

Berichtet wird auch über den ersten Jahrmarkt in diesem Jahre:

"Sonntag und noch dazu Jahrmarkt! Und da soll es nicht regnen?! Das wäre ja gegen jeder Tradition. So kam es dann gestern und vorgestern, wie es oft kommen mußte: es regnete, zwar nur einmal, aber der Einfachheit halber gleich den ganzen Tag. Hier und da huschte ein schüchterner Sonnenstrahl einmal flüchtig durch die belebten Straßen und Gassen, aber aus Respekt vor den vielen Regenschirmen und all´ dem praktischen und unpraktischen Jahrmarktskram stellte Frau Sonne gar bald ihr lustiges Lächeln ein und steckte ein bitterböses Gesicht auf. Natürlich hielt das die Menschen nicht ab, auf den Jahrmarkt zu gehen, man wird doch eine so liebe Gewohnheit nicht wegen der paar Regentropfen aufgeben?! Beileibe nicht; zu was hat man denn Regenschirme und seinen guten Humor. Ausgerüstet mit diesen beiden Familienutensilien, übersteht man schließlich auch den Dresdner Jahrmarkt. Wenn er nur nicht gar so ungünstig gefallen wäre dieses Mal; drei Tage vor dem Ersten – wer hat da noch Schätze übrig? Selbst Kapitalisten und Großgrundbesitzer überlegen da größere Ankäufe. Selbstverständlich giebt Niemand seine Kassenebbe zu, sondern macht eher drei Ausreden für eine: Du lieber Himmel, die sind ja so billig, fast wie die Brombeeren oder die Lausitzer Quirle. Die braven Ehemänner schwärmen auf einmal für die Ladengeschäfte und setzen ihren besseren Hälften, die gebieterisch den Jahrmarktsobolus fordern, mit zwingender Logik auseinander, daß man doch Alles hat, was es auf dem Jahrmarkt giebt, mindestens genau so gut in jeden besseren Laden kaufen kann. Aber irre machen gilt nicht; schließlich haben die Hausfrauen, die eben auf ihren Jahrmarkt schwören und treu zu ihm halten, doch das letzte Wort und ziehen mit den oft mühsam eroberten Groschen in das Gebiet der Quirle und Töpfe, der Pfefferkuchen- und Leinwandsmänner, um trotz des Gedränges und schlechten Wetters ihre Einkäufe zu machen. Natürlich geschieht das nie solo: der Mensch ist ein Gesellschaftsthier und man wird doch den alten Mummelgreis Aristoteles nicht Lügen strafen. Eine gute Freundin, getreue Nachbarn und dergleichen finden sich gewöhnlich zur rechten Zeit noch ein, und man rückt dann muthig und unverdrossen cliquen- und rottenweise in´s feindliche Lager. Daher de schöne Ausdruck: Käufer sind seltener als Läufer. Grob können die armen Hökerinnen dabei natürlich auch nicht werden, da sie ja nie wissen, wer zahlendes und wer berathendes Mitglied der handelnden Familienkarawane ist; so heißt es still halten und auf all´ die Fragen nach Preis etc. ruhig und höflich antworten, vollends bei solchem Wetter, wo man froh ist, wenn einem überhaupt Jemand zu nahe kommt. Allzu lebhaft war weder gestern. Noch vorgestern das Geschäft; an sich drängenden und stoßenden Menschen fehlte es zwar nicht, aber die kauflustigen Kräfte fehlten. Das beste Geschäft machten doch die Töpfer, die am wenigsten klagten. Alles in Allen ist aber die einst vielgepriesene Herrlichkeit der Messen und Jahrmärkte vorbei; sie haben sich, wie so Vieles, überlebt und sind heute eigentlich nur noch geduldet; über eine Weile – und sie werden nicht mehr sein, sie sind untergegangen im Strome der Alles ändernden Zeit. (DN)"

Gar Fritze August besuchte mit seinen beiden lauffähigen Prinzen das Getümmel:

"Unter den vielen Jahrmarktsbesuchern, die gestern gegen Mittag sich auf dem Geogplatz bewegten, um bei den zahlreich daselbst vertretenen Glaswaaren- und Steinguthändlern ihre Einkäufe zu bewirken, befand sich auch Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August. Derselbe erwartete, von der Eskadronbesichtigung des Gardereiterregiments kommend, daselbst halb 12 Uhr die beiden kleinen Prinzen Georg und Friedrich Christian, und unternahm mit denselben, zur Freude der Verkäufer und des Publikums, einen Rundgang, hier und da für die kleinen Prinzen Thiere und anderes Spielzeug einkaufend. Ueberall war man entzückt von den freudestrahlenden Gesichtern der Prinzlichen Söhne, die stolz und glücklich das vom „Papa“ Erworbene heimtrugen. (DN)"

Das Gewerbehaus in der Ostra-Allee wird aufgehübscht:

"Im Laufe dieses Frühjahrs wird im Gewerbehaus ein umfassender Umbau vorgenommen werden, welcher sich vorwiegend auf die Garderoberäume und die Retiraden erstreckt. Sowohl die Garderobe selbst als auch der vorgelagerte Raum sollen durch Herausnehmen von Wänden und Hinzunahme benachbarter Zimmer wesentlich vergrößert, der Zugang dazu erleichtert und künstlerisch verschönt werden. Für die Damen wird außerdem ein besonderer Ankleideraum projektirt. (DN)"

In Strehlen konnte ein geplantes Massaker an Straßenbäumen gerade noch verhindert werden:

"Ueber eine moderne Barbarei, welche jedoch noch in letzter Stunde verhindert worden ist, schreibt man uns aus Vorstadt Strehlen: Wohl jeder Dresdner kennt die herrliche Kastanien-Allee, mit der die Residenzstraße besetzt ist, und wohl nur wenige Straßen dürfte es in Dresden geben, welche sich im Sommer eines so herrlichen schützenden Blätterdaches erfreuen, als die vornehme, an der Königlichen Sommerresidenz hinführende Residenzstraße. Vorige Woche nun sah man plötzlich die schönen Bäume am Stamme mit einem weißen Ringe versehen, der bekanntlich das Todesurtheil für einen jeden Baum bedeutet. Den Anwohnern erschien es nahezu unglaublich, daß man die Straße ihres prächtigen Schmuckes berauben werde und ein dort wohnhafter namhafter Künstler zog an zuständiger Stelle Erkundigungen ein, um den Grund der auffälligen Maßnahmen zu ersehen. Da wurde ihm denn mitgetheilt, daß thatsächlich die Beseitigung der Bäume seitens des Tiefbauamtes geplant sei, weil – man höre und staune – die Straße zu feucht sei und weil durch die Bäume der Verkehr gehindert werde. Auf den energischen Protest des Künstlers, dem sich sofort die übrigen Anwohner anschlossen, ist erfreulicher Weise das Fällen der Bäume unterlassen worden, aber man sollte es doch wirklich kaum für möglich halten, daß in unserer Gartenstadt Dresden so etwas vorkommen kann. Während andere Großstädte Hunderttausende ausgeben, um schöne Alleen zu erhalten, will man dieselben bei uns beseitigen und zwar aus Gründen, die absolut nicht stichhaltig sind. Daß eine mit dichten Bäumen besetzte Straße nicht so trocken sein kann, als eine solche ohne Bäume, ist natürlich, doch hat sich an der Residenzstraße noch niemals hieraus ein Nachtheil für die dort liegenden Grundstücke gezeigt. Ebenso ist der Verkehr auf der Residenzstraße ein so geringer, daß man dieselbe als eine der ruhigsten Straßen Dresdens bezeichnen kann. Es wäre also thatsächlich eine moderne Barbarei gewesen, wenn die Bäume rasirt worden wären. Der Plan des Tiefbauamtes erscheint übrigens umso unglaublicher, weil gerade die Königlichen Majestäten, welche die Straße im Sommer oft mehrmals passiren, ihre Freude über die herrliche schattige Allee ausgesprochen haben. Uebrigens ist auf der Bergstraße ein gleiches Vorgehen des Tiefbauamtes geplant. (DNN)"

Wir wussten es schon immer. In Cotta springen nicht nur die Frösche herum, nein, da wohnen auch die heiratsfreudigsten aber auch die gierigsten Leute:

"Der Name des Dorfes Cotta ist slavischen Ursprungs. Es giebt in Sachsen über 20 Dörfer dieses Namens. Wie urkundliche Belege von Cotta bei Pirna darthun, schrieb man es 1328 Kottowe, 1468 Cottaw, 1495 Kottew. Von der slavischen Sprachwurzel „Chot“ d. i.: gierig, Buhle, Bräutigam, Gatte, kommt der Eigenname Chot, dessen Besitz Chotow heißt, also Bräutigams- oder Gierigsdorf. (DN)"

Im Dresdner Westen, dem dazu prädestinierten Dresdner Gebiet, beginnt die Baumblut:

"Ein voll aufgeblühter Aprikosenbaum befindet sich im Rauer´schen Garten (Gasthof Stetzsch). Viele bereits in vollem Blütenschmuck stehende Corneliuskirschbäume (gelbblühend) bemerkt man in dortiger Gegend, so in Brießnitz, Kemnitz etc. (DN)"

Bevor wir dorthin wandern, müssen wir uns stärken:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Blumenkohlsuppe. Spinat mit Eiern. Rinderbraten mit Salat. Dampfnudeln mit Vanillesauce. – Für einfachere: Bier- und Milchsuppe. Deutsches Beefsteak mit Spinat und Bratkartoffeln. (DN)"

Was bringen uns die Dresdner Bühnen:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Zar und Zimmermann.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 7 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

In Kaditz gab es einen Knall und dann war die Kette in der Elbe zerrissen:

"Kaditz. Am gestrigen Sonntag Nachmittag war wiederum auf der Elbe eine Verkehrsstörung durch das Hochwasser eingetreten. Bei dem zu Berg mit 8 Kähnen fahrenden Kettendampfer Nr. 4 der Gesellschaft „Kette“ zersprang nämlich plötzlich mit lautem Krachen die Leitkette und der gesammte Schleppzug wurde bis kurz vor die hiesige Dampfschiffhaltestelle getrieben. Doch gelang es den emsig arbeitenden Schiffsmannschaften, die Schiffe zu verankern. Die Landung der Dampfschiffe wurde etwas behindert. Heute morgen arbeiten mehrere Dampfer an dem Aufsuchen der Kette. (DA)"

Noch schlimmer ging es einem Schiffer an der Niderwarthaer Elbbrücke:

"Gestern Vormittag in der 10. Stunde havarirte das dem Schiffseigner August Käpel aus Dammhast, Kreis Templin, Provinz Brandenburg, gehörige und mit 18 Waggons Braunkohlen beladene Fahrzeug an der Eisenbahnbrücke in Niederwartha. Das Fahrzeug wurde vom Winde gegen den mittleren Brückenpfeiler gedrückt. Durch den Anprall rollten die über Bordhöhe aufgebauten Kohlen in die Elbe, das Fahrzeug schöpfte Wasser und wendete kurz unterhalb der Brücke völlig um, wobei die Ladung und das Inventar vollständig verloren gingen. Die Mannschaft, die Frau und ein Kind des Schiffseigners konnten sich noch rechtzeitig im eignen Boote retten, bei welcher Gelegenheit einige am Orte anwesende Fischer hilfsbereit mit eingriffen. Das mit dem Boden nach oben schwimmende Wrack trieb bei Kötitz gegenüber Gauernitz an Land. Die Mannschaft und Familie des Schiffers fanden bei dem Fährmeister Thiele in Kötitz in bereitwilliger Weise Unterkommen. Von der Habe der Mannschaft konnte nur wenig gerettet werden. (DN)"

Aber auch auf dem Landwege ist man vor Widrigkeiten nicht gefeit. Glücklicherweise kam da gerade eine Straßenbahn des Weges:

"Am Freitag Abend sank auf der Dürerstraße ein Möbelwagen an einer frisch beschotterten Stelle mit einem Rade so tief ein, daß es trotz aller Anstrengungen nicht gelingen wollte, den Wagen wieder heraus zu fahren. Schließlich kam man auf die Idee, das Gefährt mit einem elektrischen Motorwagen der Straßenbahn zu verbinden und nun gelang es sofort, den Widerspenstigen flott zu machen. (DN)"

Die Polizei hat uns amtlich auch noch etwas zu sagen:

"Polizeibericht. In der Gaststube einer Schankwirthschaft auf der großen Meißner Straße hat vor ungefähr 3 Wochen ein unbekannter, etwa 30 Jahre alter Mann, welcher sich fr einen Schriftsetzer ausgegeben, einen grauen Leinwandkoffer stehen gelassen und angeführt, er habe noch einige Wege zu gehen und wolle denselben später abholen. Der Mann ist nicht wiedergekommen. Der Koffer enthält getragene Kleidungsstücke, sowie 4 rothe und 2 blaue karrirte Taschentücher und ist nunmehr an die königliche Polizeidirektion abgeliefert worden. – Am Freitag Abend ist auf der Pohlandstraße ein Herr mit seinem Zweirade gestürzt und hat sich eine starke Quetschung des linken Unterarmes zugezogen. – Auf der Alaunstraße ist letzten Freitag Nachmittag ein 9 Jahre alter Knabe in eine Droschke hineingelaufen, umgerissen und überfahren worden. Das Kind erlitt einen Oberschenkelbruch. – In der Nacht zum Montage ist in einem Hausgrundstücke der Reitbahnstraße ein 65 Jahre alter Mann, wahrscheinlich infolge eines Ohnmachtsanfalles, eine Treppe hinabgestürzt. Der Verunglückte erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. – Am Sonnabend früh verbrannte sich in ihrer in der Wilsdruffer Vorstadt gelegenen Wohnung eine 35 Jahre alte Frau infolge Zerspringens eines mit Spiritus gefüllten Gefäßes, dem sie mit einem angebrannten Streichhölzchen zu nahe gekommen war. Die Frau erlitt Verletzungen an beiden Oberschenkeln, am linken Arme und an der linken Hand. Sie wurde dem Stadtkrankenhause zugeführt. (DA)"

Besitzwechsel im Linckeschen Bade. Das alte Zeugs wird verrammscht:

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Montag, 29. März 1897

Montag ist es und wir kommen gleich, wie stets ohne Wetterbericht bzw. Wettervorhersage zur Hofberichterstattung:

"Se. Majestät der König wohnte gestern Vormittag dem Gottesdienste in der Kath. Hofkirche bei. Halb 12 Uhr ertheilte der Monarch im Residenzschloß mehrere Audienzen. Nachmittags fand daselbst Familientafel statt, an der Ihre Kaiserl. Königl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana und Ihre Königl. Hoheiten Prinz Friedrich August und Johann Georg nebst Gemahlinnen theilnahmen. (DN)"

Der Winterdreck muss auch in den Museen verschwinden:

"Die Sammlung des Mathematisch-Physikalischen Salons im Zwinger bleibt wegen Hauptreinigung von heute bis zum 17. April geschlossen. (DN)"

Dann wird noch gemeldet, dass der Wasserstand der Elbe wieder gefallen ist:

"Die Dampfer der Sächsisch-Böhmischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft können infolge des eingetretenen Wasserrückganges an den Stationen Dresden-Neustadt und Brießnitz wieder landen. (DA)"

Womit wir schon wieder beim heutigen Theaterzettel wären:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Tannhäuser.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: John Gabriel Borkmann.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Was sagt der morgige Speiseplan:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Fleischbrühe mit Eierstand. Pökelzunge mit Spinat. Rennthierfricandeau mit Salat. Reispudding mit Hagebuttensauce. – Für einfachere: Rindfleisch mit Nudeln. (DN)"

Beinahe wäre das Musenhaus in der Pirnaischen Vorstadt abgebrannt:

"Vorvergangene Nacht in der 1. Stunde rückte ein Löschzug der Feuerwehr zu einem in dem Grundstück Pirnaische Straße 29  (Musenhaus) entstandenen Brande aus. In dem Saale des dortigen Etablissements hielt der Radfahrerbund ein Fest ab, bei welcher Gelegenheit einer der Festtheilnehmer auf die Idee kam, einen Schwärmer loszubrennen. Letzterer fuhr in einen ca. 70 Quadratmeter großen aufgespannten Zeugprospekt und setzte diesen in Brand. Außer diesem Prospekt fielen dem Feuer noch zwei Fahnen und ein Vorhang zum Opfer. Bedienstete in Gemeinschaft mit Festtheilnehmern vermochten den Brand, noch ehe er größeren Umfang annahm und bevor die Feuerwehr eintraf selbst zu ersticken. Verletzungen hat Niemand davongetragen. (DN)"

Bleibt uns heute nur noch Onkel Schnörke mit seinem Briefkasten:

"Briefkasten.

*** Ab. Zwickau. „Kann der große Camelienbaum im Schloßgarten zu Pillnitz zur Zeit der Blüthe besichtigt werden, und wann trifft voraussichtlich die Blüthe ein?“ – Die berühmte 200jährige Camelie im Schloßgarten zu Pillnitz bei Dresden zeigt auch in diesem Jahre außerordentlich viel Knospen, so daß man im Mai des Jahres auf Tausende von Blumen rechnen kann. Dieser Camelienbaum ist der größte in ganz Europa und steht in der freien Erde, wo er vortrefflich gedeiht. Er ist 7 bis 8 Meter hoch und hat einen Umfang von etwa 25 bis 30 Meter. Im Winter wird er regelmäßig mit einem umfangreichen Holzgebäude überbaut, in dem mehrere Familien bequem Platz finden könnten. Eine besondere Heizungsanlage sorgt dafür, daß es dem frischgrünen Baum nicht zu kalt wird. Die Erlaubniß zur Besichtigung des Herrlichen Baumes ist beim Königl. Hofgärtner in Pillnitz zu erlangen.

*** Treuer Ab. „1) Warum nicht und wann wird wohl die Linie Schäferstraße – Striesen der Dresdner Straßenbahn wenigstens bis zum Altmarkt oder Georgplatz elektrisch betrieben, da doch die Anlagen hierzu längst fertig sind und zum Theil von anderen Linien benutzt werden? Durch Einführung des elektrischen Betriebes, wenn auch nur theilweise, würde sich betr. Gesellschaft gewiß den Dank vieler Bewohner der Johann- und Striesener Vorstadt erwerben. 2) Ist ein absehbarer Zeitraum vorhanden, wann wohl die Linie der Deutschen Straßenbahn-Gesellschaft vom Ausstellungsplatze resp. der Stübelallee durch Gruna nach Striesen ausgebaut werden dürfte, sodaß hierdurch der gelben Linie eine Konkurrenz geschaffen würde?“ – 1) Die Ausrüstung der Motorwagen mit unterirdischen Stromabnehmern wird von der Dresdner Straßenbahn bereits energisch betrieben, und sie hofft, schon im Laufe des Monats April den Betrieb mit einer beschränkten Anzahl Wagen zwischen Altmarkt und Striesen aufnehmen zu können. Ob jedoch dem Publikum mit dem dadurch nothwendig werdenden Umsteigen auf dem Altmarkte gedient ist, ist freilich eine andere Frage. 2) Die elektrische Linie Ausstellungsplatz, Stübel-Allee, Gruna, Seidnitz etc. hat wohl erst in 2 bis 3 Jahren Aussicht auf Inangriffnahme. Es giebt innerhalb der Stadt noch zu viel zu ordnen.

*** Langj. Abonnentinnen. „Stand zwischen dem Brühlschen Palais und dem Finanzhause ein Haus dazwischen, worin ein Uhrmacher Walker sein Geschäft hatte, was später zum Finanzhause dazu genommen wurde?“ – Ein Haus stand nicht dazwischen, sondern das Uhrmacher-Geschäft war neben dem Brühlschen Palais. Dieses Parterre wurde später zum Finanzhaus genommen.

*** F. H. Geyer. „Obwohl ich kein Freund des äußeren Prunks bei Begräbnissen bin, möchte ich doch nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die äußere Erscheinung des Friedhofssängerchors resp. die Hüte der betr. Herren einen einheitlichen Charakter, also entweder durchweg halbhohe schwarze Filz- oder am richtigsten Cylinderhüte aufweisen möchten. Jedenfalls ist die Honorirung und die Stellung der betreffenden eine solche, daß dieser Wunsch wohl nicht unberechtigt ist und schließlich ist es doch auch der Würde der betreffenden Feier angemessen.“ – Sie scheinen für den Friedhofschor eine Art Uniform zu wünschen. So scheinbar berechtigt Ihr Wunsch ist, so läßt sich derselbe doch infolge der Eigenartigkeit der Verhältnisse, die hier klar zu legen zu weit führen würde, nicht erfüllen. Die Herren tragen schwarze oder wenigstens tiefdunkle Kleidung und, wie sie wünschen, halbhohe schwarze Filzhüte. Cylinderhüte haben sich durchaus nicht bewährt. Die Ueberzieher sind gleichfalls aus dunklen Stoffen und höchstens einige Aushilfskräfte werden bei Neuanschaffungen noch darauf Bedacht zu nehmen haben. Sie überschätzen jedenfalls das Einkommen dieser Herren. Gleich wie die Dienste unter eine große Anzahl von Mitgliedern vertheilt werden, so vertheilt sich auch der Verdienst, der lediglich als ein Nebenverdienst für stimmbegabte und von der Zeit unabhängige Professionisten, Berufssänger etc. zu betrachten ist. Schwarze Garderobe ist bekanntlich ziemlich kostspielig und trägt sich leichter ab wie andersfarbige. Bei Wind und Wetter, wo man nicht gern einen Hund hinausjagt, walten die Sänger unverdrossen ihres Berufs und dabei geht es ebenso über die Kleidung wie über die Gesundheit. Sie haben jedenfalls einmal einen Gesangverein einen Gefälligkeitsdienst ausüben sehen; diese Herren legen sich allerdings zumeist keinen Zwang in ihrer Kleidung auf. (alles DN)"

Ein rassiges Reitpferd ist zu verkaufen. Wer hat daran Interesse:

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Sonntag, 28. März 1897

Klar doch. Es ist Sonntag, außerdem Jahrmarktsonntag, und das soll es regnen. Es ist eben mit der Vogelwiese:

"Bei wenig veränderter Temperatur und vorwiegend trübem Wetter fanden am 26. März vereinzelt schwache Niederschläge statt. Dabei herrschte eine auffrischende, stellenweise stürmische Westströmung. Die Minima der Temperatur gingen von 7,5 Gr. (Dresden) herab bis – 1 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 9 Gr. (Leipzig) und + 1 Gr. an der Hochstation. Schneetiefe am Fichtelberg 60 Cmtr. Abermals hat sich der tiefe Druck von dem nordwestlichen Minimum ziemlich rasch in südöstlicher Richtung ausgebreitet, sodaß nur im Süden und Südwesten noch ein Barometerstand von 760 bis 765 Mm. – Maximum Clermont – herrscht. Mit dem Einsetzen einer starken bis stürmischen Westströmung ist das Wetter von Neuem trübe und regnerisch geworden, auch hat eine weiter Temperaturzunahme stattgefunden. Infolge des schnellen Wechsels in der Druckvertheilung dürfte die Wetterlage auch weiterhin zu trübem Wetter mit Niederschlägen neigen.
Aussichten: Niederschläge. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 16 Gr. Wärme, niedrigste 7 Gr. Wärme. Heiter, bewölkt, regnerisch, bedeckt. Nordwestwind. (DN)"

Morgen begibt sich, wie schon kurz gemeldet, unser König zum Begräbnis nach Thüringen:

"Neuerer Bestimmung zufolge begiebt sich Se. Majestät der König erst Montag früh nach Weimar zu den Beisetzungsfeierlichkeiten und zwar mittelst Sonderzugs. In der Begleitung des Monarchen befinden sich Se. Excellenz der Generaladjutant Generalleutnant v. Treitschke und der Flügeladjutant Major v. d. Bussche-Streithorst. (DN)"

Die Trauerfestivitäten reißen nicht ab:

"Auf Allerhöchsten Befehl wird am Königl. Hofe die Trauer wegen erfolgten Ablebens Ihrer Königl. Hoheit der verwittweten Herzogin Louise von Montpensier, Infantin von Spanien, auf eine Woche, vom 28. März bis mit 3. April, sowie Sr. Durchlacht des Prinzen Albrecht v. Waldeck und Pyrmont auf drei Tage, vom 28. bis mit 30. d. M., in Verbindung mit der bereits angelegten getragen. (DN)"

Wer von den Prinzenfamilien haben sich Gerhard Hauptmanns "Glocke" im Theater angeschaut? Klar doch:

"Der Erstaufführung von Gerhart Hauptmann´s Märchendrama „Die versunkene Glocke“ im Königl. Schauspielhause wohnten Ihre Kaiserl. Königl. Hoheit Frau Prinzeß Friedrich August, Ihre Kaiserl. Hoheit die Großherzogin von Toskana und Prinz Johann Georg mit Gemahlin, Königl. Hoheiten, bei. (DN)"

Fritze August, der mit dem eigensinnigen Kunstverstand, natürlich nicht. Zuvor hat er aber seine Noch-Gattin  standesgemäß hübsch gemacht, zumindest ihr das nötige Kleingeld dafür gegeben:

"Ihre Kaiserl. Königl. Hoheit Prinzeß Friedrich August, sowie Ihre Durchlaucht Prinzessin Feodora von Schleswig-Holstein beehrten vorgestern das Putz- und Modewaarenhaus C. Heinrich Barthel, Waisenhausstraße, mit Einkäufen. (DN)"

Aber das Geld geht den Wettinern anscheinend nie aus, wie sonst könnte man den kostspieligen Schlossumbau finanzieren:

"Der Umbau des Königlichen Residenzschlosses ist nunmehr nahezu bis zu dem Georgenthore vorgeschritten, welches noch ein Ueberrest des einstigen von Herzog Georg im Jahre 1534 erbauten prachtvollen Georgenschlosses ist. Dasselbe fiel bekanntlich im Jahre 1701 einem verheerenden Brande zum Opfer. Dieses alte Georgenschloß war mit herrlichen Skulpturen über und über bedeckt, welche den menschlichen Sündenfall und die darauf folgende Strafe des Todes darstellten. Von den Schönheiten dieser Skulpturen macht man sich einen Begriff, wenn man sich die heute noch vorhandenen Ueberreste derselben betrachtet. Namentlich ist das nach dem Schloßplatze zu gelegene Mittelthor noch sehr gut erhalten. Unmittelbar über demselben zeigt sich noch heute ein schön gearbeiteter Todtenkopf in einem runden Schilde und rechts und links wird das Thor flankirt von zwei zierlichen Säulen. Auch die zwischen dem ersten und zweiten Stockwerke eingesetzten Wappen, sowie der berühmte, auf dem Neustädter Friedhofe zu Dresden aufbewahrte „Todtentanz“ sind noch spärliche Reste der einstigen Herrlichkeit, welche nunmehr wahrscheinlich auch dem Schloßumbau zum Opfer fallen dürften. Das Georgenthor war seiner Zeit eine Sehenswürdigkeit Dresdens und wurde viel von fremden Fürstlichkeiten besichtigt. Der bereits erwähnte Schloßbrand, dem das prachtvolle Georgenschloß fast vollständig zum Opfer fiel, kam am 25. März 1701 zum Ausbruch und griff bei den unzureichenden Löscheinrichtungen der damaligen Zeit so rasend um sich, daß binnen einer Stunde die Dachungen der ganzen Seite des Schlosses vom Thurme bis zum Stallgebäude in hellen Flammen standen. Das Georgenschloß erstand leider nicht wieder aus der Asche, doch ist es nicht unwahrscheinlich, daß der Brand des Schlosses die Anregung zu dem Plan gab, ein neues Schloß zu bauen, aus dessen Vorhof im Jahre 1710 nach den Entwürfen des Oberlandbaumeisters Daniel Pöppelmann der jetzige Zwinger entstand, der ja noch heute, eine Zierde der sächsischen Residenz, die Großartigkeit des leider unvollendet gebliebenen Planes erkennen läßt. (DNN)"

Mal sehen wenn das ganze Schloss fertig ist. Ich glaube aber, dass es wohl nie fertig werden wird.
Fertig werden soll der neue schicke Hauptbahnhof im nächsten Jahr. So wird es zumindest bestimmt:

"Nach nunmehr feststehenden Bestimmungen des Königl. Finanzministeriums ist der Tag der feierlichen Uebernahme des Dresdner Hauptbahnhofes für den 1. Juli 1898 bestimmt. Es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß die Arbeiten bis dahin vollständig beendet sind. Das günstige Winterwetter gestattete es, daß die Arbeiten an dem Hallenbau fast gar nicht unterbrochen zu werden brauchten. Die große Eingangshalle des zukünftigen Hauptbahnhofes ist in den Sandsteinarbeiten der Fronte im Wesentlichen fertiggestellt, ebenso die beiden Thüren zur Seiten derselben. Das Eisengerüst für die mächtige Kuppel ist aufgerichtet und die riesige Halle des Mittelbaues geht ihrer Vollendung entgegen; sie ist schon zum größten Theil mit Glas eingedeckt. Auch der dritte nach Altstadt zu gelegene Bogenraum ist dermaßen in Angriff genommen, daß seine Fertigstellung demnächst zu erwarten steht. (DNN)"

Weil wir gerade bei der Eisenbahn sind. Achtung ihr Verschwörungstheoretiker, schnell die Aluhüte aufgesetzt:

"Größere Posten Kriegsmaterial gehen jetzt seit mehreren Tagen mit der Bahn hier durch. Ein nach Bodenbach fahrender Güterzug beförderte in Stärke von etwa 60 Achsen die vollständige Armirung einer kriegsstarken Abtheilung Feldartillerie, bestehend aus 12 Geschützen und den dazu gehörigen Protzen, Munitions- und Bagagewagen. Ein an Achsenzahl noch stärkerer Zug rangirte in Dresden-Friedrichstadt. Die Muthmaßung, daß diese von Krupp in Essen kommenden Geschütze vielleicht berufen seien, in der Lösung der orientalischen Frage ein Wörtchen mitzusprechen, dürfte nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen sein, wenn auch weder griechische noch türkische Schriftzeichen bemerkbar waren. Ein weiterer Zug mit etwa 30 graubeplanten Proviantwagen beladen, folgte 4 Uhr 45 Min. in derselben Richtung. (DNN)"

Der Weg für die Errichtung einer evangelischen Kirche aus den Mitteln des Hampelschen Nachlasses ist frei. Testamentarische Festlegungen die gegen das lautende Gesetz verstoßen sind nichtig und der wichtigste Punkt; die katholische Kirche verzichtet auf das ihr eventuell zustehende Erbe ihres abtrünnigen Gliedes:

"Wie man erzählt, verzichtet die katholische Kirche auf jeden Erbanspruch an den Nachlaß des bekannten Fabrikanten Hampel. Dieser hatte, wie erinnerlich, die Stadt Dresden zum Universalerben seines beträchtlichen Vermögens eingesetzt, unter der Bedingung, daß ihm die Stadt eine evangelische Kirche erbaut, in welcher er und seine Frau in einer Gruft beigesetzt werden. Bis zum Jahre 1904 sollte der Grundstein zu dieser evangelischen Kirche gelegt sein. Sollte aber aus irgend einem Grunde sich der Erfüllung dieser Bestimmungen ein Hinderniß entgegenstellen, so sollte die katholische Kirche als Erbe eintreten und eine katholische Kirche bauen. Es hat nun offenbar der katholischen Kirche nicht angemessen erscheinen wollen, unter solchen Voraussetzungen als Nacherbe aufzutreten, den  Hampel war, wie man weiß, Katholik, und es war sicherlich eigenthümlich, daß ein Katholik das Geld zum Bau einer evangelischen Kirche testamentarisch vermacht und seine eigene Kirche übergeht. Uebrigens fragt es sich recht sehr, ob es zu einer Beisetzung der Gebeine Hampel´s in dieser Kirche kommt. Derartige Begräbnisse in einer Kirche sind durch das Gesetz verboten. Durch ein Testament aber können, wie die Juristen sagen, gesetzliche Bestimmungen niemals außer Kraft gesetzt werden. Deshalb, weil Jemand in seinem Testamente Kapitalien an die Erfüllung von Bedingungen knüpft, die entweder gegen die Gesetze oder die guten Sitten verstoßen und deshalb nicht ausgeführt werden dürfen, verliert ein Testament im Uebrigen nicht an Sittlichkeit. (DN)"

Am Vorabend des 1. April werden, kein Aprilscherz, in Löbtau in der dortigen Wilsdrufferstraße, die einmal Kesselsdorfer Straße heißen wird, schicke Wohngebäude übergeben:

"Die Genossenschaft „Schwerterheim“ vollzieht am 31. d. M. nachmittags 4 Uhr die Einweihung ihres in Löbtau errichteten schmucken Doppelhauses. Dasselbe enthält 26 freundliche Wohnungen, welche an würdige Familien billig vermiethet werden. (DN)"

Es werde Licht. Haben uns ja die Stadtväter hoch und heilig versprochen. In der König-Johann-Straße ist man dabei, dieses Versprechen zu erfüllen:

"Seit vorgestern sind die Arbeiten zur Beleuchtung der König-Johannstraße mit elektrischem Licht im Gange. Die Lampen werden nicht, wie in den anderen Straßen, von Drähten, die an den Häusern befestigt sind, gehalten, sondern man errichtet dort geschmackvoll verzierte eiserne Masten als Träger. (DN)"

Und an diese Masten könnte man ja dann vielleicht gar die Oberleitung für die Straßenbahn anbringen. Ich meine dann, wenn man von der störanfälligen unterirdischen Stromzuführung restlos die Schnauze voll hat. Aber seit einigen Tagen scheint es wieder mal zu funktionieren. Na klar, der Schnee ist ja weg.
Weg gehen auch die ausgeleierten Gleise auf der Grunaer Straße:

"Wegen Gleislegungs- und Asphaltirungsarbeiten in der Grunaer Straße können die Motorwagen der Deutschen Straßenbahngesellschaft von Montag den 29. d. M. an von und nach Striesen-Blasewitz nur bis zum Platz J (Ausstellung) verkehren. – Die Grunaer Straße vom Pirnaischen Platz bis Cirkusstraße bleibt vom obigen Tage an für den Fahr- und Reitverkehr gesperrt. (DA)"

Die "Dresdner Nachrichten" vermelden dazu noch die Einrichtung eines Schienenersatzverkehrs auf ... Schienen:

"… Auf der Grunaerstraße werden Interimsgleise gelegt, und auf diesen fahren Wagen mit Pferdebetrieb bis zum Altmarkt. (DN)"

Auch in der Sächsischen Schweiz werden in den nächsten Tagen die ersten Gleise verlegt:

"Schandau. Die Vorarbeiten zum Baue der elektrischen Straßenbahn Schandau – Großer Wasserfall sind so weit gediehen, daß man im Laufe nächster Woche mit dem Legen der Schienengeleise zu beginnen gedenkt. (DNN)"

Und schließlich die letzte Straßenbahnmeldung, ein Berichtigung:

"Die in der gestrigen Nummer unseres Blattes gebrachte Meldung, daß laut einer polizeilichen Verfügung die Beamten, Schaffner etc. der Dresdner Straßenbahngesellschaft nicht länger als 10 Stunden täglich im Dienst beschäftigt werden dürften, ist nach einer uns gewordenen Mittheilung insofern unrichtig, als die Polizei nie dieses oder ein ähnliches Verlangen an die Direktion der Gesellschaft gestellt hat, daß letztere vielmehr freiwillig ihren Bediensteten diese Erleichterung geschaffen und zum Theil bereits durchgeführt hat. (DN)"

Eine Meldung aus Blasewitz, welche die dortigen Bürger erfreuen wird. Der Goldesel, gemeint ist die Elbbrücke, wirft so viel Dukaten ab, dass damit Straßenbauarbeiten durchgeführt werden können:

"Blasewitz. In der letzten Gemeinderathssitzung wurde der Herabsetzung des Zinsfußes der Brückenbauanleihe von 4 auf 3 ½ Proc. zugestimmt und beschlossen, die 66833 Mk. 55 Pf. betragenden Kosten der Convertirung zu übernehmen. Hierbei konnte der Herr Vorsitzende Vorstand Paulus noch die erfreuliche Mittheilung machen, daß das Ministerium genehmigt habe, daß von den Ueberschüssen der Brücke 75.000 Mk. und zwar 60.000 Mk. von Loschwitz und 15.000 Mk. von Blasewitz zur Vornahme von Straßencorrectionen verwendet werden dürfen, mit welcher Vertheilung der Gemeinderath sein Einverständniß erklärte. (DNN)"

Morgen gibt es Gepökeltes. Sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Klasse:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Champignonsuppe. Ragout von Kalbskopf. Pökelschweinsbraten mit Erbsenmus. Portugieser Reis. – Für einfachere: Pökelschweinsknöchel mit Sauerkraut. (DN)"

Und heute gibt es im Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Orpheus und Eurydike.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 7 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Vormittags: Anfang ½ 4 Uhr: „Eine tolle Nacht“; Abends: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Gefälschte offizielle Anschreiben um die Bevölkerung zu verunsichern. Kommt euch das nicht irgendwie bekannt vor? Außerdem meldet die Polizei:

"Polizeibericht. Gegenwärtig werden hier durch die Post gedruckte Zufertigungen versendet, nach deren Inhalt der Adressat bei Vermeidung einer Geldstrafe bis 300 Mk. ev. Haftstrafe und zwangsweiser Vorführung aufgefordert wird, sich nach dem Bertillon´schen  System messen zu lassen. Im Eingange dieser Vorladung ist gesagt, daß laut Verfügung vom 23. Dez. 1893, Absatz 1. § 5, sämmtliche deutsche Staatsangehörige, soweit sie das 18. Lebensjahr überschritten haben, behufs genannter Kontrole und zur größeren Sicherheit bei etwa nöthig werdenden Feststellungen von Personen zu messen sind. Die Bezeichnung einer Behörde fehlt. Gleichwohl ist die Zufertigung täuschend der Form einer behördlichen nachgeahmt. Wendet man das Formular um, so ist eine Karrikatur des Meßverfahrens zu sehen. Auf diesen Unfug wird hiermit aufmerksam gemacht. – Am 23. ds. M. Nachmittags gegen 4 Uhr ist bei einem Goldarbeiter in der Pirnaischen Vorstadt ein etwa 8 Jahre alter Knabe erschienen und hat eine goldene Damenremontoiruhr Nr. 2504 mit Doublekette und daran befindlichen zwei Anhängseln zum Kaufe angeboten, wobei er erzählt hat, Eduard Kühn zu heißen, auf der Cirkusstraße zu wohnen und die Uhr von seiner Mutter geschenkt erhalten zu haben. Da sich die Angaben als unwahr herausgestellt haben und ein Diebstahl vorliegen dürfte, so werden etwaige sachdienliche Mittheilungen an die Kriminalabtheilung der Königl. Polizeidirektion erbeten. – Verschiedene Verletzungen am Kopfe erlitt am Freitag Vormittag ein Arbeiter auf der Könneritzstraße. Denselben hat am Schleusenbau eine aus den Gleisen gerathene und in die Tiefe gestürzte Hebemaschine getroffen. Er wurde dem Stadtkrankenhause zugeführt. – Auf der Reichsstraße wurde am Donnerstag Abend eine Frau von einem langsam fahrenden Straßenbahnwagen angestoßen und umgeworfen, wodurch sie einige leichte Verletzungen am Kopfe erlitt. Dem betreffenden Wagenführer ist eine Schuld nicht beizumessen. – Am Donnerstag Abend ist in der Albrechtstraße ein Dienstmädchen bei dem Schließen eines Fensters aus einem dritten Obergeschosse auf die Erde gestürzt und hat einen Armbruch erlitten. Die Verunglückte wurde in das Stadtkrankenhaus überführt. (DN)"

Wow. Die Matthäus-Passion in der Deubener Kirche in Volksaufführung durch das Volk und mit der von Burgk´schen Bergkapelle. Da hab´sch gleich Lust hinzupilgern:

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Sonnabend, 27. März 1897

Das war es dann wohl schon wieder mit den warmen Tagen:

"Am 25. März trat bei vorwiegend trübem Wetter mit zeitweisen Niederschlägen eine Temperaturabnahme ein. Zwar lagen die Minima noch zwischen 0 Gr. (Fichtelberg) und 9 Gr. (Dresden), doch gingen die Mittelwerthe von 10 Gr. (Dresden) herab bis 1 Gr. (Fichtelberg) und das Maximum betrug nur 11,7 Gr. (Leipzig). Schneetiefen Reitzenhain 20, Fichtelberg 60 Cmtr. Die bisherige Depression ist nach Osten fortgeschritten und lagert an der norddeutschen Ostseeküste. Ein neues Minimum des Luftdrucks kommt von Westen und beide werden durch hohen Druck getrennt, welcher sich von seinem Maximum im Südwesten ziemlich rasch in nördlicher Richtung bis nach Jütland ausgebreitet hat. Trotz der bei uns nordwestlichen Strömung hält doch das zwar trübe, aber trockne, warme Wetter an, da die Winde über England vom Kontinent abgelenkt werden. Mit der weiteren Ausbreitung des hohen Drucks von Süden her dürfte sich auch wieder Aufklarung einstellen.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 10,5 Gr. Wärme, niedrigste 7 Gr. Wärme. Vormitt. Regen, Mittags bedeckt, Nachm. bewölkt. Nordwestwind. (DN)"

Und wieder ließ Onkel Albert antanzen:

"Se. Majestät der König nahm gestern Vormittag die Vorträge der Herren Staatsminister, sowie militärische Meldungen im Residenzschlosse entgegen. Später fand unter Vorsitz Sr. Majestät eine Sitzung im Gesammtministerium statt. (DN)"

Fritze August war dienstlich auf Reisen:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August begab sich gestern Vormittag in Begleitung des persönlichen Adjutanten Herrn Rittmeister v. Trümpling nach Großenhain zur Eskadronbesichtigung und kehrte Nachmittags nach Dresden zurück. (DN)"

Die warme Witterung regt natürlich die Bautätigkeit an. So zum Beispiel auch am neuen Bahnpostgebäude:

"Unter allen wieder in Angriff genommenen Staatsbauten fällt das am Südwestende des Centralbahnhofes, Zwickauer Straße, entstehende Bahnpostgebäude ganz besonders durch große Ausdehnung auf. Die Fundirung mußte, da der Boden sehr locker ist, zum Theil sogar aus Schwemmsand besteht, in ganz besonders festem Cementbeton und Sandsteinquadern ausgeführt werden. Der Unterbau wurde in Granitwürfeln hergestellt. Die Obertheile des Baues, mit dessen Ausführung Herr Baumeister Helm-Dresden betraut ist, besteht zumeist aus feuer- und wetterfesten Chamotteziegeln. Einige noch zum Abbruch bestimmte Gebäude der ehemals dort befindlichen Heizhausverwaltung hintern noch die völlige Ausnutzung des Bauareals. (DA)"

Der Frühjahrsjahrmarkt beginnt und auf dem Altmarkt hat man die "alte Stadt" wieder errichtet. Gehässigerweise wird nebenbei bemerkt, dass das alles eigentlich nur verbrauchte Baracken sind, soll sich doch der neu gegründete Verein darum kümmern:

"Seit Anfang dieser Woche hat man auf dem Altmarkte die bekannte hölzerne „alte Stadt“ in altdresdnerischen Baustil wieder errichtet zur Erquickung des architektonischen Schönheitssinns! Aelteste Leute wollen behaupten, dieselben geschwärzten hölzernen Paläste schon vor 60 Jahren als alte Baracken bewundert zu haben. Es ist also jetzt Gelegenheit gegeben, für den Kunstgewerbeverein historische Musterbaue im Interesse der alten Architektur zu sammeln. (DN)"

Ein Jubiläum galt es zu begehen. Man findet doch immer etwas zu feiern und wenn es die Wiederkehr des Beginn des Straßenbahnbaues ist:

"Gestern vor 25 Jahren wurde in Blasewitz der Beginn der Arbeiten zu der Pferdebahnlinie Blasewitz – Plauen festlich begangen, nachdem am 19. März auf der Eliasstraße der erste Spatenstich hierzu gethan worden war. Die Einweihung dieser ersten Dresdner Pferdeisenbahn erfolgte am 25. September 1872. (DN)"

Übrigens, die Bediensteten beider Straßenbahngesellschaften dürfen nur noch 10 Stunden am Tage arbeiten:

"Die Bediensteten der Dresdner Straßenbahnen dürfen vom 1. April an zu Folge einer polizeilichen Anordnung nicht mehr länger als 10 Stunden täglich im Dienste beschäftigt werden. Beide Gesellschaften haben diese Einrichtung schon seit 15. März auf einzelnen ihrer Linien nach und nach eingeführt. Natürlich erfordert diese Reform des Straßenbahnbetriebes auch eine Vermehrung der Mannschaften der beiden Gesellschaften, da die Dienstzeit der Leute sich oft auf 14 bis 18 Stunden täglich ausdehnte. (DNN)"

Allerdings nehme ich die Aussage über "... bis 18 Stunden" auch nicht ganz ab. Zumindest nicht im Fahrdienst.
In Froschcotte wurde wieder ein Kriegergrab ausgebuddelt:

"Cotta. Beim Ausschachten des Schulneubaues, Wölfnitzstraße, stieß man gestern auf ein ziemlich gut erhaltenes Skelett eines Mannes und die Gerippe zweier Pferde. Jedenfalls stammen die Ueberreste aus den Franzosenkriegen 1813. (DA)"

Morgen ist Sonntag, und da gibt es sicherlich ein ordentliches Schmeckerchen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Julienne-Suppe. Karpfen blau mit Butter, Kalbsrücken mit Gemüse. Gebratene Schnepfen mit Salat. Fürst Pückler. – Für einfachere: Legirter Suppe. Karpfen polnisch mit Rothkraut. (DN)"

Die Dresdner Bühnen hauen heute auf die Bretter:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Die Opernprobe. Cavalleria Rusticana. Sonne und Erde.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 7 Uhr: Die versunkene Glocke.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Das grobe Hemd."

Auf der Antonstraße haben sich zwei Pferdebahnwagen ineinander verkeilt:

"Zusammenstoß. Auf der Antonstraße fuhren am Mittwoch Vormittag zwei Pferdebahnwagen derart gegeneinander, daß ihre Trennung durch elektrische Straßenbahnwagen bewerkstelligt werden mußte. Beide Wagen waren stark beschädigt. Bei dem Zusammenprall wurden zwei Beamte der Bahn am Kopfe leicht verletzt. (DNN)"

Die Feuerwehr rückte auch aus, hatte aber nichts zu tun:

"Heute Vormittag gegen 11 Uhr wurde die Feuerwehr nach dem Grundstück Wilsdruffer Straße 13 gerufen, woselbst in einer Küche im 4. Obergeschoß, vermuthlich durch Herausspringen von Funken aus der Feuerung der Kochmaschine in vor dieser gelegenes altes Bettstroh, Feuer entstanden war. Durch die entstandene Hitze waren mehrere Fensterscheiben gesprungen, ein sonstiger Schaden war aber nicht entstanden. Die Feuerwehr konnte, da sie bei ihrem Eintreffen den unbedeutenden Brand bereits von den Hausbewohnern gelöscht vorfand, gleich wieder abrücken. (DA)"

O, da wurde wohl die Frau Grimm vom Gericht zu einer öffentlichen Entschuldigung verdonnert:

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Freitag, 26. März 1897

Packt die Badehose ein, denn heute sollen es gar 18 Grad Wärme werden. Aber Sturm und Regen macht die Sache nicht gerade angenehm:

"Bei durchweg trocknem, vielfach heiterem Wetter fand am 24. März eine noch stärkere Wärmezunahme als an den Vortagen statt. Die Minima der Temperatur lagen zwischen 0 Gr. (Fichtelberg) und 7 Gr. (Dresden, Leipzig), die Mittelwerthe stiegen von 4,5 Gr. an der Hochstation bis 12 Gr. (Dresden, Colditz) und das Maximimum blieb nur am Fichtelberg noch unter 10 Gr. und überschritt mehrfach 15 Gr. (Leipzig 16,6 Gr.). Am Abend traten Gewittererscheinungen mit Regenfall ein. Schneetiefe: Reitzenhain 24, Fichtelberg 60 Cmtr. Auf seiner in östlicher Richtung verlaufenden Bahn ist das Minimum des Luftdrucks über der südlichen skandinavischen Halbinsel angelangt und erstreckt seine Wirkung weit nach dem Kontinent herein bis nach Südosten. Gleichzeitig hat eine Zunahme des hohen Drucks im Südwesten stattgefunden (Clermont 770 Mm.), auch breitet sich derselbe stark nach Westen aus. Das Wetter ist unter starken bis stürmischen Westwinden wolkig bis trübe, jedoch noch vorwiegend trocken und anhaltend warm. Mit der weiteren Fortpflanzung des tiefen Drucks nach Osten ist der Eintritt von Niederschlägen zu vermuthen.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 18 Gr. Wärme, niedrigste 10 Gr. Wärme. Bewölkt, wechselnd mit Regen, stürmisch. Nordwestwind. (DN)"

Und vorgestern gab es schon Wind und Blitz und Donner:

"Vorgestern Abend fanden hierselbst wiederum elektrische Entladungen statt. Der mit dem Gewitter verbundene Wind hielt mit geringen Unterbrechungen bis gestern an. (DN)"

Der König war erst in der Kirche und hat dann antanzen lassen:

"Se. Majestät der König wohnte gestern, am Feste Mariä Verkündigung, Vormittags von halb 11 bis halb 12 Uhr dem Gottesdienst in der katholischen Hofkirche bei und nahm sodann im Residenzschloß die Vorträge der Departementschefs der Königl. Hofstaaten entgegen. (DN)"

Gespeist wurde natürlich auch:

"Bei St. Majestät dem König fand gestern Nachmittag im Residenzschloß Tafel statt, an welcher Ihre Kaierl. Königl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana, Ihre Königl. Hoheiten der Herzog Thomas von Genua, Prinz und Prinzessin Friedrich August, Prinz und Prinzessin Johann Georg mit den Damen und Herren vom Dienst theilnahmen. (DN)"

Außerdem wird noch Hoftrauer angelegt. Drei Wochen lang:

"Wegen Ablebens Ihrer Königl. Hoheit der Frau Großherzogin von Sachsen-Weimar wird am hiesigen Königl. Hofe die Trauer auf die Dauer von 3 Wochen, von heute bis 15. April, angelegt. (DN)"

Inkognito und unter falschen Namen reiste die dänische Kronprinzessin durch die sächsische Residenzstadt. Aber sie ließ sich auf dem Bahnhof ein Souper bringen:

"Vorgestern Abend halb 10 Uhr passirte unter dem Namen einer Gräfin Kronberg die Kronprinzessin von Dänemark, von Hamburg kommend, hier durch. Bei Herrn Hoflieferant John auf dem Altstädter Hauptbahnhof war ein kaltes Souper mit Thee telegrahisch bestellt, welches im Coupé servirt wurde."

Und wir können bald von der Schäferstraße bis zur Berlinerstraße reisen. Durch die Institutsstraße aber ohne Souper:

"Das Projekt der Durchführung bezw. Verlängerung der Institutsstraße von der Schäferstraße nach der Berlinerstraße geht nunmehr seiner Verwirklichung entgegen, indem man jetzt die an der Schäferstraße stehenden Gebäude des vormaligen Bayrisch-Brauhaus-Areals zum Abbruch bringt und damit Raum für die zu verlängernde Institutsstraße gewinnt. Der nicht zu Straßenzwecken benöthigte Theil des Areals wird zu Neubauten von Wohnhäusern ausgenützt werden. (DN)"

Diners und Soupers gibt es zu Hause:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Schwarzwurzelsuppe. Leberpudding mit Sardellensauce. Frische Schweinskeule mit Salat. Spritzkuchen. – Für einfachere: Sauer Linsen mit Blutwurst. (DN)"

Und vielleicht wird uns das in farbigen Strümpfen mit Blümchen serviert. Der letzte Schrei aus Paris:

"Die letzten Tage der – schwarzen Strümpfe. Aus Paris kommt die Mittheilung, daß dort von den Modeschöpfern große Massen von weißen, gestrickten, mit kleinen Blümchen verzierten Seidenstrümpfen auf den Markt geworfen werden. Auch graue, rosa, blaßblaue Strümpfe mit Stickereien und Blumenzier fangen an zu erscheinen und noch andere Neuerungen werden geplant. Man macht in den Kreisen der Beherrscher der Mode alle Anstrengungen, die schwarzen Strümpfe, die seit Jahren in Paris allein als möglich galten, zu verdrängen. (DN)"

Ich sage ja. Keine schwarzen Strümpfe mehr, da kann es mit der Menschheit nur noch abwärts gehen. Da hilft nur noch die Götterdämmerung. In der Oper fängst man damit schon an:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 6 Uhr: Götterdämmerung.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Krieg im Frieden.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Zum ersten Male. Das grobe Hemd."

Was meldet uns die Polizei:

"Polizeibericht. Bei dem befestigen eines Schildes an einem Hause der Mosczinskystraße stürzte am Dienstage ein Schlosser mit der Leiter um und zog sich einen Kniescheibenbruch und eine Verletzung im Gesichte zu. – In der Neustädter Gasanstalt erlitt am Dienstage ein Maschinenwärter bei dem Nachfüllen von Kohlen in einen Ofen dadurch, daß ihm dabei die Flammen entgegenschlugen, Brandwunden im Gesichte und an den Armen. – Ein 37 Jahre alter, bereits vorbestrafter Arbeiter, der in den letzten Tagen wiederholt gelbe Spielmarken bezw. Denkmünzen für Zwanzigmarkstücke verausgabt hat, wurde polizeilich ermittelt und festgenommen. – In der städtischen Markthalle auf dem Antonsplatze sind in jüngster Zeit einige Taschendiebstähle vorgekommen. Die Besucher der Markthalle werden deshalb erneut gewarnt. (DA)"

Und in Blasewitz erst. Da wurde in der Kneipe gegen das Kaiserhaus gewettert. Na die Brüder wurden von den Patrioten aber an die frische Luft gesetzt und nun beschäftigt sich die Polizei mit den Verruchten:

"In Blasewitz ergingen sich am Montag Abend in einem dortigen Restaurant zwei Männer, ein Böttchermeister und ein Scharwerksmaurer, in Beleidigungen gegen das Kaiserhaus. Die Maulhelden wurden von dem entrüsteten Publikum an die Luft befördert und die Polizei hat bei der Dresdner Staatsanwaltschaft den Fall bereits zur Anzeige gebracht. (DN)"

Auch in Blasewitz. Ein Kind rannte in ein Geschirr:

"Gestern Nachmittag zwischen 2 und 3 Uhr wurde in Ober-Blasewitz von einem einspännigen Geschirr ein etwa 4jähriges Kind überfahren. Dasselbe kam zum Glück nur mit einigen Hautabschürfungen davon. Den Kutscher trifft, wie Augenzeugen bestätigen, keine Schuld, da das Kind direkt vom Fußweg aus in das Geschirr hineingelaufen war. (DN)"

Tüchtige Näherin gesucht. Eine Arbeitsprobe sollte sie aber vorlegen können:

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Donnerstag, 25. März 1897

Leute, genießt den Tag bei wahrlich frühlingshaften Temperaturen; denn am Abend soll es wieder regnen:

"Unter weiterer rascher Wärmezunahme herrschte am 23. März in Sachsen vorwiegend trübes Wetter mit zeitweisen Niederschlägen, die besonders in den Morgenstunden auftraten und im Osten des Landes ca. 6 Mm. erreichten. Die Minima der Temperatur gingen von 6 Gr. (Chemnitz) nur herab bis 1 Gr. (Reitzenhain, Fichtelberg), die Mittelwerthe stiegen von 2 Gr. an den Hochstationen bis 11 Gr. Leipzig, Colditz) und das Maximum betrug 13,8 Gr. (Leipzig). Schneetiefe Reitzenhain 28, Fichtelberg 60 Cmtr. Das Nord- und Ostseegebiet werden von tiefem Druck bedeckt, welcher sein Minimum mit 773 Mm. über dem nordwestlichen Schottland hat und sich sowohl in östlicher wie südöstlicher Richtung weit nach dem Kontinent herein erstreckt. Süd- und Ost-Europa haben hohen Druck über 760 Mm. aufzuweisen, der im südlichen Frankreich und im Nordosten Maxima von 765 Mm. erreicht. Infolge dieser unregelmäßigen Druckvertheilung herrscht noch immer eine westliche Strömung vor und bedingt Fortdauer der wolkigen, warmen, meist trocknen Witterung. Da jedoch der tiefe Druck von Westen her an Ausbreitung zu gewinnen scheint, wird die Wetterlage wieder eine unsichere.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 15 Gr. Wärme, niedrigste 8 Gr. Wärme. Heiter, leicht bewölkt, Abends Regen. Südwestwind. (DN)"

Tante ´Rola ist noch bis Anfang April in Mentone:

"Der Aufenthalt Ihrer Majestät der Königin in Mentone ist bis Freitag den 2. April in Aussicht genommen. (DN)"

Fritze August war in Meißen. Zur Besichtigung und zum Weintrinken. Meißner Wein und ohne Zusätze:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August traf vorgestern Vormittag mit dem Personenzuge 8 Uhr 23 Min. in Meißen ein und begab sich zu Fuß nach dem Königl. Bezirkskommando behufs Abhaltung einer ökonomischen Musterung. Dieselbe war gegen ½ 11 Uhr beendet. Se. Königl. Hoheit begab sich danach in Begleitung der Offiziere des Königl. Bezirkskommandos nach der Weinstube des Hoflieferanten Otto Horn, wo ein gemeinschaftliches Frühstück eingenommen wurde. Der Prinz kehrte 12 Uhr 39 Min. wieder nach Dresden zurück. (DN)"

Das Kammerherrnkarussell bei Albert hat sich auch wieder gedreht:

"Den Kammerherrndienst bei Sr. Majestät dem König hat am gestrigen Tage der Königl. Kammerherr v. Oppell auf die Dauer bis zum 3. April übernommen. (DN)"

Und nun ist es amtlich, Dresden wächst am 1. April:

"Die Einverleibung von Pieschen und Trachenberge erfolgt am 1. April. (DN)"

Am 1. April geht es auch in Regelspur nach Königsbrück:

"Nachdem die Umbauarbeiten auf der Linie Klotzsche – Königsbrück nunmehr beendet sind, wird die Ueberleitung vom schmalspurigen zum vollspurigen Betrieb am 1. April d. J. stattfinden. In Folge dieser Ueberleitung verkehrt Zug 1336 als letzter Schmalspurzug fahrplanmäßig, Zug 1335 verkehrt als erster Vollspurzug statt 3 Uhr 31 Min. erst 3 Uhr 36 Min. Nachmittags ab Klotzsche, Bedarfsgüterzug 3432 verkehrt bereits gegen 11 Uhr Vormittags ab Königsbrück, Bedarfsgüterszug 3433 fällt aus. Die Einführung der vierten Wagenklasse auf der Linie Klotzsche – Königsbrück erfolgt erst am 1. Mai d. J. (DNN)"

Ostermädchen in die Blumenindustrie:

"Bei Herannahen des Osterfestes wird es gewiß für viele Eltern von großem Interesse sein, einen Hinweis zu erhalten, welchem Gewerbe sie ihre Töchter zuführen sollen. Dresden nimmt bekanntlich den ersten Platz in der Fabrikation künstlicher Blumen ein und ist, wie man uns seitens der Vereinigung Dresdner Blumen- und Schmuckfederfabrikanten schreibt, den Eltern genügend Gelegenheit geboten, ihre Töchter in dieser Branche ausbilden zu lassen. Blumenarbeit ist geistanregend und so lohnend, daß sie für viele Familien eine sichere Existenz bietet. (DN)"

Na das kann ja was werden:

"Wegen Nichtbewilligung ihrer Forderungen stellten in den Dresdner Faßfabriken die Böttcher die Arbeit ein. Die Brauerei-Böttcher wollen, wenn ihre Forderungen abgelehnt werden, am 29. März in den Streik eintreten. (DN)"

Hauptsache unsere Hausfrauen streiken nicht:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Legirte Suppe. Zander mit Senfsauce. Kaiserschnitzel mit Prinzeßkartoffeln. Arme Ritter. – Für einfachere: Hafermehlsuppe. Schellfisch mit holländischer Sauce. (DN)"

Die Theater bieten uns heute leichte Kost:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Freischütz.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: John Gabriel Borkmann.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Viel hat uns die Polizei zu erzählen:

"Polizeibericht. Eine schwere Quetschung der Unterschenkel und der rechten Hand trug am Sonnabend Nachmittag ein Kutscher an der Lessingstraße davon. Dort wurden die vor den von ihm geleiteten Lastwagen geschirrten Pferde scheu und gingen durch. Der Kutscher wurde vom Bocke geschleudert und überfahren. – Auf einem Neubaue in der Glashütter Straße stürzte am Montag Nachmittag ein Arbeiter aus dem ersten Obergeschoß in das Parterre und erlitt innere Verletzungen, so daß er in das Stadtkrankenhaus gebracht werden mußte. – In der Bergstraße fiel am Montag Nachmittag ein Maurer von einem vor einem Neubaue aufgestellten Gerüste und zog sich eine Kopfverletzung zu. – Nach den Angaben einiger wegen Diebstahls zur Anzeige gekommenen Schulknaben haben diese am Nachmittage des 27. Februar vor der Kunsthandlung von Besser am Altmarkte einer Dame aus der Kleidertasche ein Geldtäschchen mit einem baaren Inhalte von etwas über 20 M. gestohlen. Da über diesen Taschendiebstahl von der Verlustträgerin bisher keine Anzeige erstattet worden ist, wird dieselbe ersucht, sich bei der königlichen Polizeidirektion zu melden. – Zwei 14jährige, schlecht beleumundete und auch schon vorbestrafte Schulknaben wurden gestern von der Kriminalpolizei auf frischer That betroffen, wie sie vor dem Schaufenster eines am Altmarkte gelegenen Geschäftshauses versuchten, Taschendiebstähle zu verüben. Zur Hauptpolizei gebracht, wurde bei dem einen ein blaugefüttertes Damenportemonnaie vorgefunden, dessen Seitentheile von Holz und auf der einen Seite mit den Worten „Baden-Baden“, auf der anderen Seite mit einem Vogel geziert sind. Die Knaben haben zugegeben, dieses Portemonnaie einer Dame aus der Tasche gestohlen zu haben. Eine diesbezügliche Anzeige liegt jedoch hier nicht vor, weshalb die Verlustträgerin ersucht wird, sich baldigst bei der Kriminalabtheilung der hiesigen königlichen Polizeidirektion zu melden. – In der Leipziger Vorstadt versuchte am Dienstag Abend eine 34 Jahre alte Frau, Mutter von 7 Kindern, sich zu vergiften. Sie wurde in das Stadtkrankenhaus gebracht. – Verschiedene Brandwunden erlitt am Montag in der Leipziger Vorstadt eine 21 Jahre alte Frau in ihrer Wohnung durch Karbolsäure, die ihr aus einer zerbrochenen Flasche über den Körper geflossen war. (DA)"

Weiteres aus dem Löbtauer Hundezwinger:

"Löbtau. Ungeachtet erlassener Bekanntmachungen befinden sich in dem Hundezwinger hiesiger Gemeinde noch drei herrenloses Hunde und zwar 1 schwarzer Schottländer, 1 schwarzer Pudel und ein gelber Jagdhund, über welche nunmehr zu Gunsten der Armenkasse verfügt werden wird. (DN)"

Tja, wenn man das so sieht:

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Mittwoch, 24. März 1897

Das Wetter wird besser, kann ja auch nur noch besser werden:

"Nur vereinzelt brachte der 22. März noch Niederschläge und verlief im Uebrigen meist trübe und bei zunehmender Temperatur. Die Minima gingen von 5 G. (Chemnitz) herab bis – 3 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 7 Gr. (Chemnitz, Colditz, Schneeberg) und 2 Gr. an der Hochstation. Das Maximum betrug 10,4 Gr. (Schneeberg). Schneetiefe Reitzenhain 35 Cmtr., Fichtelberg 60 Cmtr. Der Kern der westlichen Depression hat sich nach Nordosten verlegt, doch breitet sich von ihm tiefer Druck in südöstlicher Richtung bis nach Sachsen und dem nördlichen Bayern aus; auch über Nordwestdeutschland hat sich ein Theilminimum gelagert. Obgleich daher bei dem hohen Druck im Südosten die Wetterlage eine günstige zu nennen ist, herrscht unter südwestlichen Winden noch immer trübes Wetter mit stellenweisen Niederschlägen, doch hat von Süden her eine starke Wärmezunahme stattgefunden. Mit dem Verschwinden der Unregelmäßigkeiten im Luftdruck dürfte auf weitere Besserung der Wetterlage zu hoffen sein.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 16 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Früh Regen, bedeckt, heiter. Nordwestwind. (DN)"

Der König ist nun wirklich wieder zu Hause:

"Se. Majestät der König ist gestern Abend ¼ 10 Uhr von Berlin hier wieder eingetroffen. (DN)"

Abwarten und Tee trinken. Bei Fritze August:

"Bei Ihren Königlichen Hoheiten Prinz und Prinzeß Friedrich August fand gestern Abend eine größere Theegesellschaft statt. (DN)"

Es folgt der ausführliche Bericht über den Dresdner Kaiserlichterglanz:

"Dem trüben Tage der Centenarfeier folgte wenigstens ein leidlich schöner Abend, ja so gegen 6 und 7 Uhr lag sogar etwas wie Vorfrühling in der Luft, und selbst als es später mit dem Eintreten der völligen Dunkelheit kühler ward, blieb die Luft ruhig und still, so daß die Illumination nichts an Wirksamkeit einbüßte und überall voll und ganz zur Geltung kam. Im Ganzen war die Betheiligung an derselben seitens der Bürgerschaft eigentlich lebhafter und zahlreicher, als man Anfangs gedacht hatte, und nicht nur das Centrum, sondern auch die Vorstädte prangten kurz nach 7 Uh schon im strahlenden Lichterglanz. In den Straßen der inneren Stadt herrschte natürlich ein starkes Gedränge. Aber die von der Königl. Polizeidirektion getroffenen Maßregeln, - im inneren Verkehr war in den Abendstunden der Wagenverkehr ausgeschlossen – bewährten sich vortrefflich, ebenso trug die strenge Vorschrift, „rechts zu gehen“, wesentlich zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei. Das nach vielen Tausenden zählende Publikum bewahrte eine musterhafte Haltung. Nirgends ist es zu irgendwelchen Auseinandersetzung mit den Aufsichtsorganen gekommen. Inmitten der dichtgedrängten Menge bewegten sich sowohl Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August, sowie Ihre Kaiserl. und Königl. Hoheiten die Frau Goßherzogin von Toscana und Prinzessin Friedrich August zu Fuß. Bei der Beleuchtung waren die Talgnäpfchen, die immer, zumal wenn ganze Häuserfaçaden durchgehend mit ihnen dekorirt sind, sich noch recht hübsch ausnehmen, auch vorgestern Abend am reichlichsten verwendet worden und hielten sich selbst an zugigen, frei gelegenen Stellen sehr gut. Selbstverständlich können sie eine Konkurrenz mit dem elektrischen Lichte nicht aushalten; überstrahlte doch die von Tausenden von Glühlampen gezierte „Dresdner Bank“ die ganze König Johannstraße vom Pirnaischen Platz bis zum Altmarkt. Dieser war durch Gasfackeln geziert, die das Licht ihrer zuckenden Flammen auf das Marmorbild der Germania warfen, die in der wirksamen gärtnerischen Umrahmung des Herrn Meurer malerisch aussah, und im Verein mit der reichen Illumination der anliegenden Gebäude, von denen namentlich die elektrisch beleuchteten Cafés Metropole und Central, das Geschäftshaus von A. Renner und die Marienapotheke auffielen, den ganzen Platz bestrahlten. Das Rathhaus war von oben bis unten mit Talgnäpfchen garnirt, die freilich sehr klein ausgefallen waren, sodaß sie schon kurz vor 10 Uhr ihre Leuchtkraft aufgaben. Af der Schloßstraße schoß natürlich die elektrische Dekoration des Hauses Pupke den Vogel ab, die neben der von Ebeling u. Cröner auf der Pragerstraße und Knauer´s Blumenhalle auf der König-Johannstraße zu den effektvollsten der ganzen Stadt gehörte. Auf der Seestraße fielen die Transparentbilder am Hause Günther u. Rudolph auf, während Café König und das Victoriahaus durch die wahrhaft verschwenderische Fülle elektrischer Glühlampen bestachen. In reicher Gasdekoration erglänzten die beiden Postgebäude, das Hotel Bellevue (W mit Krone und Schleifen), Helbig´s Etablissement, Alt-Gaßmeyer, Reichsadler, Stadt Gotha (Schloßstraße): auf der Wilsdrufferstraße präsentirten sich das Konfektionshaus von Jacoby, das Geschäftslokal von Bernhard Rüdiger, das Hotel zum Goldnen Engel und das Café Beyer am vortheilhaftesten, während auf dem Postplatz neben dem Hotel Weber das Stadt-Café, das Cigarrengeschäft der Firma L. Wolf, deren sämmtliche Filialen festlich dekorirt waren, erwähnenswerth sind. Auf der Marienstraße erglänzten in Auer´s Gasglühlicht die „Dresdner Nachrichten“, daneben nahmen sich geschmackvoll die „Die Raben“ mit Initialen in Gas aus. Am Centralbahnhof gefiel am meisten das Kaiser Wilhelm-Hotel, das durch mehr als 500 in allen Farben prangende Lampions erleuchtet war. Recht apart nahm sich das Geschäftshaus der Cartonnagenfabrik von Fröhlich (Am See) aus, das mit farbigen Papierlaternen besteckt war. Auf der Moritzstraße war die Illumination des „Löwenbräu“ am glänzendsten, auf der Landhausstraße die des Stadthauses. Von der Waisenhausstraße hob sich das erleuchtete Putzgeschäft der Firma Heinrich Barthel ab, das in seiner ganzen Front äußerst reich illuminirt war. Die Grunaerstraße erhielt durch die Illumination der Firma Heilborn u. Co., C. G. Heinrich und Steigerwald u. Kaiser Licht und Leben. Auf der Pragerstraße dürfen die brillant beleuchteten dekorativen Arrangements des Hauses Kreinsen und der Uelzenschen Wollweberei nicht vergessen werden, die schon am Tage berechtigtes Aufsehen erregten. Von den Vorstädten schien die Johannvorstadt sich am meisten hervorgethan zu haben; so war z. B. das Haus des Fabrikanten F. Hoffmann auf der Nicolaistraße strahlend erleuchtet. In der Umgebung Dresdens hatten es die Villenbesitzer nicht an den nöthigen Lichterglanz fehlen lassen. Eine Sehenswürdigkeit geradezu war die Beleuchtung der Hahnschen Villa auf der Thiergartenstraße. – In Dresden-Neustadt nahmen sich am stattlichsten der Markt und die Hauptstraße aus, auf denen das Rathhaus, die Hotels zum Kaiserhof, zu den Vier Jahreszeiten, zum Kronprinz, das Café Pollender und die Plötner´sche Musikalienhandlung auffielen. Unter den dekorirten und erleuchteten Schaufenstern fielen die des Hauses A. Fasser Nachf. besonders auf. An erleuchteten Privatgebäuden hatte die Bautznerstraße eine glänzende Fülle aufzuweisen, sodaß kaum eine andere Straße in Neustadt sich mit ihr in dieser Hinsicht messen konnte. Die Beleuchtung des Königl. Finanzministeriums und der Eschebach´schen Werke gewann ungemein durch ihre direkte Lage am Wasser. Das Schauspielhaus hatte keine besondere Lichtdekoration erhalten, während die Hofoper in der Mitte des großen Balkons ein prächtiges W mit der Kaiserkrone in farbigen Glühlampen zeigte. – Einen schönen Geammteindruck aus der Vogelperspektive von dem beleuchteten Stadtbild erhielt man von der Terrasse aus: von besonderer Wirkung waren hier der taghell erleuchtete Landungsplatz der dampfschiffe und die dunklen Silhouetten der Kirchen, die in ihrem tiefen Schwarz in malerischen Kontrast zu den flammenden Lichtmeer zu ihren Füßen traten. – Mit einer bösen Dissonanz schloß die prachtvolle Beleuchtung der Vorderfront des Cafés König. Kurz nach 11 Uhr hüllte sich der ganze zauberische Glühlichtreichthum plötzlich in tiefe Finsterniß, indem die städtische Beleuchtung plötzlich versagte und zwar derart, daß auch die sämmtlichen Räume der Gutenbergpassage in vollständiges Dunkel getaucht wurden und darin auch während der ganzen Nacht verharren mußten. Der städtische Transformator im Souterrain war infolge des starken elektrischen Stromes zerschmolzen und – die Illumination unfreiwilliger Weise damit sofort beendet. (DN)"

Tja, da hammor den Salat. Was brachte es uns? Zerstörte Elektroeinrichtungen.
Die Staatsbahn ist gescheiter. Die verlässt sich nicht auf das störanfällige Dresdner Lichtnetz. Und kommt dabei auch noch billiger:

"Die elektrische Beleuchtung der Dresdner Bahnhöfe, für den Betrieb der elektrischen Gepäckaufzüge im Altstädter Hauptbahnhofe, den Antrieb der Maschinen im Werkstättenbahnhofe und die Bedienung der Krahne am König-Alberthafen hat die sächsische Staatseisenbahnverwaltung ein eigenes Elektrizitätswerk in Dresden-Friedrichstadt ungefähr 4 Kilometer vom Altstädter Personenbahnhofe entfernt, errichtet. In diesem Werke sind gegenwärtig 5 Dampfkessel von je 150 Quadratmeter Heizfläche für 8 Atmosphären Druck und 4 Dampfdynamomaschinen von je 330 Pferdestärken und 440 Kilowatt Maximalleistung aufgestellt. Die Aufstellung einer fünften Dampfdynamomaschine von 600 Pferdestärken und 220 Kilowatt Maximalleistung wird in den nächsten Tagen vollendet sein, sodaß das Werk dann über eine Maschinenleistung von rund 2000 Pferdestärken verfügt. In erster Linie war das Werk bestimmt, die für die Beleuchtung und Kraftübertragung erforderliche elektrische Energie für die sämmtlichen Dresdner Bahnhöfe zu liefern, es ist aber auch der Verkehrs- und Winterhafen, sowie der Werkstättenbahnhof in Dresden-Friedrichstadt an dasselbe angeschlossen worden, sodaß es durch den starken Motorenbetrieb am Tage und den bedeutenden Lichtbetrieb während der Nacht eine sehr rationelle Ausastung erfährt. Gegenwärtig sind an das Werk angeschlossen 127 Elektromotoren mit einem Kraftverbrauche von rund 750 Pferdestärken, 606 Bogenlampen mit einem Kraftverbrauche von rund 440 Pferdestärken und 3240 Glühlampen mit einem Kraftverbrauche von rund 350 Pferdestärken, zusammen also 1540 Pferdestärken. Hiervon sind aber höchstens 2/3 gleichzeitig im Gebrauch, sodaß thatsächlich in der Zeit der stärksten Belastung rund 1000 Pferdstärken erforderlich sind, wovon gegenwärtig auf den Personenhauptbahnhof 200 Pferdestärken entfallen. Mit der Vollendung dieses Bahnhofs wird sich aber sein Stromverbrauch nahezu verdoppeln. Zur Fortleitung des elektrischen Stroms nach den Verbrauchsstellen sind 313 Kilometer oberirdische und 2 Kilometer unterirdische Leitungen mit einem Kupfergewicht von 95.000 Kilogramm vorhanden. Im vergangenen Jahre bezifferte sich der Verbrauch an Kohlenstiften für die Bogenlampen auf rund 172.000 Stück mit einer Gesammtlänge von 43.000 Metern, der Verbrauch an Glühlampen auf 3500 Stück, der Verbrauch an Braunkohlen zur Kesselheizung auf rund 6 Millionen Kilogramm = 600 Eisenbahnwagenladungen. Mit dieser Kohlenmenge wurden rund 2700 Kubikmeter Wasser verdampft. Die Selbstkosten stellen sich für die Staatseisenbahnverwaltung wesentlich niedriger als die Preise, die ihr von öffentlichen Elektrizitätswerken berechnet werden müßten, sodaß das Werk auch vom wirthschaftlichen Standpunkte aus als eine sehr nutzbringende Anlage erscheint. (DN)"

Für den Wiederaufbau der Kreuzkirche wird schon eifrig gesammelt und aus dem Brandschutt, aus den durchglühten Kupferplatten des Daches, werden Gedenkmedaillen gefertigt und verkauft:

"Zum Besten des Kreuzkirchen-Baufonds bringt die Münzanstalt von Ricard Diller hier, Johannesstraße 9, eine 33 Mm. Durchmesser haltende Gedenkmünze zum Verkauf. Preis pro Stück 1 Mark. Da hiervon 25 Proz. dem vorgenannten Baufonds zufließen, die sehr hübsch ausgeführte Münze: Vorderseite die brennende Kirche und im Abschnitt 1792-1897: Rückseite das Kreuz mit der Aufschrift „Jesais 64, 11-12“, sowie den Text: „Gedenkmünze geprägt aus dem Kupfer der Bedachung der am 16. Februar 1897 vollständig ausgebrannten Kreuzkirche zu Dresden“ trägt, wird solche zweifelsohne von den Parochianern, wie auch anderseits, als wirkliches Andenken gern gekauft werden, was im Interesse des guten Zwecks doppelt zu wünschen ist. (DN)"

Ab Ostern geht die Rennsaison wieder los mit einer Neuerung, der Innenraum des Parcours in Reick bleibt von Zuschauern frei:

"Auf dem Rennplatze in Reick war bisher ein Theil der Zuschauer auf den billigen Plätzen auf das Innere der Rennbahn verwiesen. Dies störte öfters die Möglichkeit, die einzelnen Pferde genau in ihrem Laufe zu verfolgen, und wenn ja einmal ein Unfall sich zutrug, so stürzten Hunderte dieser Besucher auf die Unfallstelle los. Um dies für die Folge zu verhüten, wird vom nächsten Renntage ab der betreffende Zuschauerraum ebenfalls außerhalb der Rennbahnfläche hergestellt und somit das Innere völlig frei gehalten. (DA)"

Jahrmarkt ist ja auch bald. Leute, kauft irdene Töppe:

"Angesichts des nächsten Montag hier stattfindenden Jahrmarkts empfiehlt es sich, Käufer und Käuferinnen von Kochgeschirr speziell auf die Elstraer Topfwaaren aufmerksam zu machen. Die in nächster Nähe von Elstra vorhandenen Thongruben liefern seit undenklichen Zeiten ein so vorzügliches Material, daß die daraus gefertigten Topfwaaren durch die modernen eisernen, bezw. emaillirten Kochgeschirre nicht vom Markte haben verdrängt werden können. Die Glasuren dieser thönernen Gefäße bestehen ausschließlich aus einem feingeschlämmten Lehm, der gesundheitsschädliche Bestandtheile absolut nicht enthält und in dessen Billigkeit die auffallend niedrigen Preise, die für dergleichen Geschirre gefordert werden, zum großen Theile ihre Erklärung finden. Ein Hauptvorrang dieser Topfwaaren, die man auf den hiesigen Mäkten direkt vom Töpfermeister selbst kaufen kann, besteht in ihrer Sauberkeit, sowie darin, daß die in ihnen zubereiteten und aufbewahrten Speisen ein unverändertes Aussehen behalten und im Wohlgeschmack keinerlei Einbuße erleiden. Als eine der renommirtesten Elstraer Töpferfirmen ist diejenige des Herrn Rentner Wagner bekannt, deren Artikel während des hiesigen Jahrmarkts am Pirnaischen Platz und an der Johann Georgen-Allee zu finden sind. (DN)"

Mittagessen im Tontopf. Morgen gibt es:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Sagosuppe. Hamburger Rauchfleisch mit Rosenkohl. Junge gebratene Tauben mit Kompot. Semmelpudding mit Himbeersauce. – Für einfachere: Kartoffelsuppe. Eierkuchen mit Backobst. (DN)"

Was steht auf dem heutigen Theaterzettel:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Odysseus´ Heimkehr.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Zopf und Schwert.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Heute meldet die Polizei einen Selbstmord nach dem anderen:

"Polizeibericht. In der Bodenkammer eines Hauses der Südvorstadt wurde heute früh ein bei den Angehörigen wohnhafter junger Mensch erhängt aufgefunden. – Auf dem Schloßplatze ist in der Nacht zum Montage ein aus einem Dorfe bei Dresden hierhergekommener 17 Jahre alter Lehrling in besinnungslosem Zustand aufgefunden und in das Stadtkrankenhaus gebracht worden, wo er im Laufe des gestrigen Tages verstarb. Der junge Mensch hatte sich wahrscheinlich vergiftet, die Erörterungen sind noch im Gange. – Von der Marienbrücke ist am Montag Abend ein älterer Mann unter Zurücklassung eines Hutes und eines Notizbuches in die Elbe gesprungen und im Wasser verschwunden. Nach einer Aufzeichnung in dem Notizbuche ist der Mann in Döhlen wohnhaft gewesen. (DA)"

Übrigens, wenn es mal irgendwo qualm, vergewissert euch erst ob es wirklich brennt:

"Gestern Abend kurz nach ¼ 9 Uhr rückte ein Löschzug der Feuerwehr nach dem Grundstücke Moritzstraße 1 aus. Daselbst hatten Straßenpassanten den oberhalb des Daches aus dem Abzugsrohre einer Dampfheizungsanlage entströmenden und vermuthlich durch den Luftzug herniedergedrückten Rauch als von einem entstehenden Brande ausgehend gehalten und daher die Alarmirung der Feuerwehr veranlaßt. Letztere rückte nach Feststellung des Sachverhaltes gleich wieder ab. Besser wäre es, wenn sich die derartige Feuermeldungen machenden Personen vorher von der Ursache solchen Rauches überzeugen wollten, was gerade in diesem Falle auch nicht schwer gewesen wäre. Das Ausrücken der Wehr war gerade gestern Abend mit Gefahr verbunden, weil in allen Straßen Menschenmassen angesammelt waren. (DA)"

Na komm schon Süße. Was biste denn vor mir abgehauen:

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Dienstag, 23. März 1897

Altkaisergeburtstag. Da wurde gefeiert und da kann man sich nicht mit solchen Nebensächlichkeiten wie dem Weiterleiten von Wettermeldungen abgeben. Aber dennoch, Hut ab, wurde daraus was gebastelt:

"Soweit die spärlich eingegangenen Nachrichten erkennen lassen, ist der 21. März in Sachsen vorwiegend trübe und mit stellenweisen schwachen Niederschlägen verlaufen. Die Temperatur ging ziemlich bedeutend herab. Ihre Minima lagen zwischen etwa 2 Gr. (Chemnitz) und – 7 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe zwischen ca. 4 Gr. (Schneeberg) und – 2,5 Gr. an der Hochstation. Das Maximum betrug in Chemnitz 6,7 Gr. Schneetiefe auf dem Fichtelberg 70 Cmtr. Vom Süden aus hat sich der hohe Druck über Centraleuropa bis nach dem äußersten Norden ausgebreitet, dadurch die beiden Depressionsgebiete im Nordosten und Westen voneinander trennend. Das ersterer ist im allmählichen Verschwinden begriffen, doch wird unsere Wetterlage noch immer davon beeinflußt, sodaß bei westlichen Winden fortdauernd meist trübes Wetter mit zeitweisen Niederschlägen herrscht. Die zweite Depression kommt vom nordwestlichen Irland und lenkt bereits die Winde über England und an der Küste vom Festland ab. Mit ihrer mittleren Ausbildung und Annäherung ist auch bei uns auf einen günstigen Einfluß der Wetterlage zu hoffen.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 8 Gr. Wärme, niedrigste 5,5 Gr. Wärme. Vorm. Regen, Nachm. bedeckt. Südwestwind. (DN)"

Bevor die gestern genannten hohen Herrschaften abschwirrten, gab es noch einmal Kaffeeklatsch:

"Bei Ihren königlichen Hoheiten dem Prinzen und der Frau Prinzessin Johann Georg fand gestern, Sonntag, nachmittag 6 Uhr Familientafel statt, an der Ihre kaiserliche und königliche Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana und Ihre königlichen Hoheiten Prinz Georg, Prinz und Frau Prinzessin Friedrich August, Prinz Albert und Prinzessin Mathilde theilnahmen. (DA)"

Seitenweise wird über die patriotischen Feiern berichtet, zumindest beim Lesen des Berichtes über Dresdens Straßen wird einem nicht gleich übel, das Andere ersparen wir uns:

"Kaiser Wilhelm-Jahrhundertfeier. Trüb brach der Tag an, und Jupiter pluvius schien mehr als je zu allerhand märzlichen Extravaganzen geneigt, als einen Tag mit dem berühmten „Kaiserwetter“ heraufzuführen, so daß man schon froh war, wenn nicht zu der Nässe von unten noch die sanft nieselnde Feuchtigkeit von oben kam. Doch das that nichts zur Sache: denn der wack´re Deutsche fürcht´ sich nicht, geht seines Weges Schritt für Schritt. Die wehenden Flaggen und Fahnen, die bunt geschmückten Thürme und Häuser, die froh gestimmte wogende Menge auf Straßen und Plätzen – Alles das gab dem gestrigen Tag den entschiedenen festlichen Charakter. Schon in den trüben Morgenstunden war es lebhafter als sonst in der Stadt und im Verlauf des Vor- und Nachmittags nahm das Gedränge in den Hauptstraßen derartig zu, daß oft nur ein mühsames Vorwärtskommen Wagen und Fußgängern – letztere mit Kornblumen geschmückt – ermöglicht war. Die hauptsächlichsten und ausgiebigsten Dekorationen waren im Centrum der Stadt zu beobachten, während in den Vorstädten bis auf vereinzelten Flaggenschmuck von einem Umsichgreifen und sichtbaren Zeichen der Centenarfeier nur wenig zu bemerken war. Auffallend war es, daß auch in den Hauptstraßen der inneren Stadt eigentlich nicht übermäßig viel für die Dekoration gethan war, und daß z. B. eine Reihe der renommirtesten Firmen dieselbe ganz unterlassen hatten. Viel mag dazu beigetragen haben, daß die Stadt als solche, als maßgebende Körperschaft wenig zu dem Festgewand der Residenz beigetragen hatte. Der Altmarkt bekam wie immer durch die zwar nicht sehr geschmackvolle, aber immerhin wirksame Ausstattung des Rathhauses mit den bekannten rothweißen Schabracken seinen typischen Chrakter, während sich Meister Henze´s prächtige Germania diesmal vortheilhafter als sonst päsentirte in einer verschwenderischen Fülle von Lorbeer- und Palmenbäumen, Guirlanden mit farbigen Schleifen, die dem an sich schönen Bilde des Siegesdenkmals Farbe und Leben gaben. Von den dekorirten Schaufenstern seien die von Carl Schneider, die sich unstreitig mit den kaiserlichen Standbildern am besten ausnahmen, ferner die der Firma C. Anschütz Nachf., Adolph Renner, Ewald v. Freiberg, Krause und Preifer namentlich erwähnt. Im reichsten Flaggenschmuck erglänzte die König-Johannstraße, auf der das Konfektionshaus Wilhelm Thierbach, die Anhäuser´sche Porzellan-Niederlage, das Magazin der Ginanth´schen Eisenhüttenwerke, die Blumen- und Federfabrik von Clara Rehschuh duch zum Theil recht geschmackvolle Dekorationen auffielen. Den Vogel schoß hier – natürlich – das Schaufenster der Blumenhalle von Hermann Pressel (Inhaber: Paul Knauer) ab, das zu den am stilvollsten und künstlerisch werthvollsten hinsichtlich der Gesamtdekoration gehörte und die Blicke der Passanten unausgesetzt auf sich zog. Aus einer Fülle kostbarer Blumenarrangements, Palmen und Lorbeere erhob sich die Büste es alten Kaisers; bei aller Einfachheit ein Arrangement, das mit wahrhaft künstlerischem Geschmack Originalität und Wirksamkeit verband und höchster Bewunderung werth war. Im reichen Schmucke des elektrischen Lichts erstrahlten die beiden Riesenschaufenster der Firma Steigerwald u. Kaiser, welche der Amalienstraße zugewandt sind und die Büsten der Kaiser in Stoff-Drapirungen und Kornblumen-Arrangements zeigten, ähnlich wie auf der Wilsdrufferstraße die Fenster des Konfektionshauses Jacoby, die namentlich durch die starke Verwendung von Kornblumen an malerischem Eindruck gewannen. Auf der Schloßstraße waren neben den schon vorgestern ausführlich gewürdigten Dekorationen der Firma Friedrich Pachtmann und H. Pupke die Fenster der Kunsthandlung von Ernst Arnold sehenswerth, welche nur Bilder aus dem Leben des alten Kaisers und eine stattliche Anzahl von Porträts des Monarchen aus allen Lebensabschnitten enthalten. Dadurch sind auch auf der Pragerstraße die Auslagen der Emil Richter´schen und A. Ernst´schen Kunsthandlung aktuell geworden. Neben dem Schaufenster von Ed. Pachtmann, das im Rahmen viele Kunstgegenstände die Bronzebüste des Kaisers aufweist, der Auslage des Modemagazins von Carl Lemaire, das ganz in Blau gehalten war, fielen der dekorative Schaufensterschmuck der Kreinsen´schen Broncewaarenniederlage und der Fabrik von Beleuchtungsgegenständen Ebeling u. Kröner besonders auf. Das Kreinen´sche Schaufenster zeigt als Mittelstück das Niederwalddenkmal, darüber auf einer Säule die Büste des alten Kaisers, rechts und links davon die Standbilder Kaiser Wilhelms II und Bismarck´s – sämmtlich in Bronze; beleuchtet wird das Ganze von zwei prachtvollen hohen Vasen, aus denen elektrische Blumen hervorsprießen. Noch origineller muthet die Dekoration von Ebeling und Cröner an mit ihrem klassischen Anstrich. In schlichter, aber deutlicher Weise sind die Verse einer lateinischen Hymne von Felix Dahn: „Domitor Lutetiae – Unitae Germaniae Magnus Imperator“. Links ist die Stadt Paris durch ein Bild mit der Vendome-Säule angedeutet, über der ein schwarzer Nachtvogel schwebt, daneben hängt die Karte des als geeint deutlich markirten Deutschlands, wobei der Reichsadler mit Elsaß-Lothringen besonders hervortritt und rechts in einer überwältigenden Fülle von Licht grüßt die Büste des Kaisers, umrankt von immergrünen Epheu und Kaiserblumen. – Recht geschmackvoll nehmen sich die Schaufenster der Firma R. Seelig u. Co. und der Niederlage der Sächs. Porzellanfabrik Potschappel aus. Ziemlich leer an Schmuck ist die Seestraße ausgegangen; nur die Dekoration der Alfenidefabrik von Henniger u. Co. ist hier erwähnenswerth. Durch eine Kolossalbüste des Kaisers aus Chokolade, die mehr als 3 Centner wiegt, that sich Jordan u. Timäus (Schloßstraße) hervor. – Auf eine ebenso aparte wie liebenswürdige Idee waren die Schiffsmannschaften des Dampfers „Kaiser Wilhelm“ gekommen: sie hatten das Fahrzeug in effektvoller weise von oben bis unten mit frischen Tannenreisig dekorirt, das hie und da von Kornblumenbouquets unterbrochen wurde. Das Schiff bot vom Terrassenufer aus einen entzückenden Anblick. (DN)"

Der Kaiser aus Schokolade. Naja.
Abends dann die Illumination, darüber zunächst ein kurzer Bericht:

"Ueber die gestrige Illumination im Allgemeinen werden wir morgen berichten. Hervorgehoben seien zunächst die Façaden der Kaiserl. Postgebäude am Postplatz und Am See, welche an den Hauptfronten eine große Fülle von Gasdekorationen aufwiesen. Der Mittelbau des Postgebäudes am Postplatz mit der hellerleuchteten Kaiserkrone geziert, umgeben von vier Sternen, gewährten insgesammt einen imposanten Anblick. – Auch das „Nachichteum“ in der Marienstraße hatte eine sehr effektvolle Illumination durch Gas-Glühlicht-Lampen, ausgeführt von der Deutschen Gasglühlicht-Gesellschaft (hiesiger Vertreter Herr Soenderup, Waisenhausstraße und Johannisallee 5) veranstaltet und zwar durch zwei Gas-Glühlicht-Guirlanden à 100 Flammen, welche sich in 1. und 2. Etage über die zwei Häuserfronten hinzog und einen großartigen Lichteffekt erzielten. Diese Art Verwendung von Gasglühlicht zur äußeren Dekoration und Illumination geschah hier in Dresden zum ersten Male (selbst in Berlin hat man damit noch keine Versuche gemacht) und wird seiner effektvollen Wirkung halber gewiß ferner viel Nachahmung finden, zumal diese Art Beleuchtung auch durch Regen und Wind wenig beeinträchtigt werden kann. – Im Café König brillirte die großartig dekorirte elektrische Glühlicht-Beleuchtung an der Ringstraßen-Vorderfronte. Man erblickt über dem Hauptportale einen von Stoffen in den üppigsten Farben hergestellten Baldachin, umgeben von elektrischen Sonnen, Lorbeer- und Eichenzweigen mit den Jahreszahlen 1797 und 1897, durchspickt und garnirt mit ca. 500 farbige Glühlampen. – Auch das benachbarte Viktoriahaus des Herrn Hofjuwelier Mau hatte seine prächtige elektrische Beleuchtung ebenso wie früher entfaltet und bildete eine hellleuchtende Zierde der Seestraße. (DN)"

So richtig Wichtiges schreiben die Zeitungen heute allerdings auch nicht.
Doch, das Essen ist immer ganz besonders wichtig, damit steigt oder fällt die Stimmung. Auch zu Hause:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Griesnocken. Gebackene grüne Heringe mit Citrone. Rinderbraten mit Salat. Käsekolatschen. – Für einfachere: Griessuppe. Schinken mit Maccaroni. (DN)"

Neben dem gestrigen Theater gibt es heute natürlich auch richtige und ordentliche Aufführungen:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Der Postillion von Lonjumeau. Ballet-Divertissement.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Ein Glas Wasser.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: ´s Nullerl."

Die Häuser auf der Waisenhausstraße, die dem neuen Theater Platz schaffen müssen, die wehren sich:

"Dresdner Polizeibericht. Gerüsteinsturz. Heute Vormittag ist auf der Waisenhausstraße ein Theil eines Gerüstes, welches vor einem im Abbruch befindlichen Gebäudes aufgestellt war, zusammengebrochen. Zwei Arbeiter sind mit herabgestürzt. Der Eine hatte eine starke Erschütterung erlitten und wurde in das Stadtkrankenhaus gebracht. Der Andere war weniger verletzt und kehrte in seine Wohnung zurück. (DNN)"

Außerdem meldet noch die Polizei:

"Gestohlen.  Aus einem Grundstück an der Huttenstraße ist in der Zeit vom 14. zum 16. d. M. ein Pneumatik-Rover (System Columbia) mit schwarzgeränderten Korkgriffen, der linke Griff ist mit Gipseinsatz versehen, Genickbefestigung mit Patent „Siksay“, Namensschild: Ehrig Otto, Huttenstraße 28, gestohlen worden. Ferner wurden in der Nacht zum 15. d. M. aus einem Neubaue in der Nähe des Hüblerplatzes 13 Stück hochstämmige Rosenstöcke mit Blumentöpfen, sowie am 16. d. M. eine Kiste, gez. „H. St. 10202“, enthaltend Cigarren, aus einem Güterboden der Königlichen Staatseisenbahn gestohlen. (DNN)"

Und zur Geburtstagsnachfeier in Schlachtenpanorama:

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Montag, 22. März 1897

Am heutigen Montag geht die Presseschau besonders schnell vonstatten, da die Gazetten voll von Beiträgen des 100jährigen Geburtstages des Altkaisers sind. Und das müssen wir uns wirklich nicht antun.
Wetter gibt es, wie montags immer, auch keins aber dafür wird von einem "Bruderkuss" berichtet:

"Se. Majestät der König traf vorgestern Abend nach 10 ½ Uhr, empfangen vom Kaiser, dem Prinzen Heinrich mit dessen Söhnen und anderen Fürstlichkeiten, in Berlin ein. Die Majestäten küßten sich und das Publikum brach wiederholt in stürmische Hurrahs aus. Der Kaiser begleitete den König nach dem Schlosse. Gegen 11 ¼ Uhr traf der König von Württemberg mit fast halbstündiger Verspätung ein, weshalb Prinz Heinrich in Vertretung des Kaisers den hohen Gast empfing und nach dem Schlosse geleitete. (DN)"

Schorsch der Ältere, Mathilde und Klein-Albert sind nun auch entfleucht:

"Ihre Kgl. Hoheiten Prinz Georg, Prinzeß Mathilde und Prinz Albert haben sich gestern Abend nach Meran in Südtirol begeben. (DN)"

Gespeist wurde bei Schorschs dem Jüngeren:

"Bei Ihren Königl. Hoheiten Prinz und Prinzeß Johann Georg fand gestern Nachmittag 6 Uhr Familientafel statt, an der Ihre K. Kgl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana, die Prinzen und Prinzessinnen des Kgl. Hauses theilnahmen. (DN)"

Auch in der katholischen Hofkirche wurde, schon gestern, des Altkaisers gedacht:

"Zur Erinnerung an den 100jährigen Geburtstag Kaiser Wilhelm I. fand gestern vormittag 11 Uhr in der katholischen Hofkirche Tedeum statt. Ihre Königl. Hoheiten die Prinzen und Prinzessinnen wohnten der kirchlichen Feier bei. (DN)"

In der Oper gibt es zum Kaisertag eine Festaufführung der Meistersinger, im Schauspielhaus wäre zum heutigen Tag Schillers Räuber angebrachter gewesen:, während das Residenztheater wohl den Kaiser namentlich nennt:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 6 Uhr: Die Meistersinger von Nürnberg.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang 6 Uhr: Die Hermannschlacht.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: ´s Nullerl."

Damit wären wir schon beim morgigen Speisezettel:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Durchgestrichene Schotensuppe. Fricasée von Kalbfleisch mit Reisrand. Hammelkeule mit Endiviensalat. Pfannkuchen. – Für einfachere: Rindfleisch mit Reis und Blumenkohl. (DN)"

In Onkel Schnörkes Briefkastenecke sind zwei Zuschriften bzw. deren Antworten interessant:

"*** Alte Abonnentin. Plauen b. Dr. „Ich wohne mit meinem guten Manne in einem feinen Hause, unsere Logis ist so hübsch, daß wir höchst ungern ziehen, doch können wir es kaum mit ansehen, wie in einer oberen Etage weiblicher Unfug getrieben wird. Können wir bei der Polizei Anzeige machen?“ – Melden Sie die Sache nur dem Herrn Gemeinde-Vostand, der wird schon für Ordnung schaffen.

*** Einfache Batenka. „Giebt es eigentlich weniger holde, blonde Herren, als dunkle oder führt mich nur der Zufall immer zu dunklen Herren?“ – Wenn man die Unbehaarten mit zu den Blonden zählt, giebt es allerdings von dieser Farbe weit mehr. Sie sind wahrscheinlich selbst blond; darin liegt bei Ihnen der Zug zum Gegensatz."

Onkel Schnörke, Du Böser Du. Wolltest sicherlich sagen: "Sie sind wahrscheinlich selbst blond ... wenn Sie solche Fragen stellen."
Festvorstellung des Zirkus zum Altkaisergeburtstag und die 40 wilden Weiber sind auch mit dabei:

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Sonntag, 21. März 1897

Und wieder hat es gedonnert, jetzt soll es sich aber aufheitern:

"Die Niederschläge, welche in der Zeit vom Mittag des 18. zum 19. fielen, erreichten ihren größten Betrag mit 7,5 mm. in Leipzig und auch der Nachmittag des 19. brachte noch überall Regen, bez. im Gebirge Schneefall. Am Abend stellten sich wiederum Gewittererscheinungen ein, auch herrschte vielfach stürmisches Wetter. Die Temperatur ging langsam zurück, ihre Minima lagen zwischen 6,5 Gr. (Dresden) und – 2 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe betrugen 8,5 bis – 1 Gr. an denselben Stationen und das Maximum war 12,2 Gr. (Leipzig). Schneetiefen: Reitzenhain 32, Fichtelberg 70 Cmtr. Mit einem Barometerstand unter 740 Mm. erreichte der Luftdruck sein Minimum an der deutschen Ostseeküste (Memel 738 Mm.). Hoher Druck über 765 Mm. erstreckt sich vom südlichen Kanal nach Frankreich und dem Elsaß herein (Maximum Clermont 767 Mm.). Eine starke bis stürmische Nordwestströmung ruft bei vorwiegend trübem Wetter ausgebreitete Niederschläge hervor, auch hat sich ein allmählicher Temperaturrückgang eingestellt. Die starke Zunahme des Luftdrucks im Westen – über 15 Mm. gegen den Vortag – läßt den Fortbestand dieser Wetterlage vermuthen.
Aussichten: Aufheiternd. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 12 Gr. Wärme, niedrigste 7 Gr. Wärme. Regen, wechselnd mit bedeckt. Westwind. (DN)"

Wie gestern schon gemeldet, so haben wir unseren König wieder ... gehabt. Der ist nämlich schon wieder weg:

"Se. Majestät der König, welcher am 18. März früh 1 Uhr 19 Min. von Mentone abgereist war, ist vorgestern Abend, wie bereits kurz gemeldet, 8 Uhr 4 Min. mit dem fahrplanmäßigen Schnellzuge in bestem Wohlsein hier wieder eingetroffen. Im allerhöchsten Gefolge befanden sich: Generaladjutant Generalleutnant v. Treitschke, Excell., der Königl. Leibarzt Geh. Rath Dr. Fiedler und der Legationssekretär v. Nostitz-Drzewiecki. Zur Begrüßung Se. Majestät hatte Ihre Königl. Hoheiten die Prinzen Johann Georg und Albert sich in Begleitung ihrer persönlichen Adjutanten  auf dem Böhmischen Bahnhofe eingefunden. Ferner waren zum Empfange anwesend: Ihre Excellenzen Oberhofmarschall Graf Vitzthum v. Eckstädt, Oberstallmeister v. Ehrenstein, Generaladjutant Generalleutnant z. D. v. Minckwitz, Stadtkommandant Generalleutnant v. Zeschau und Kämmerer Wirkl. Geh. Rath v. Metzsch, ferner Hofmarschall v. Carlowitz-Hartitzsch, Generaldirektor der Staatseisenbahnen Geh. Rath Hoffmann, Flügeladjutant vom Dienst Major v. Ehrenthal und Regierungsrath Köttig in Vertretung des Polizeipräsidenten. Nachdem Se. Majestät die Königl. Prinzen und die zum Empfange erschienenen Herren begrüßt hatte, begab derselbe sich zu Wagen in´s Königl. Residenzschloß, woselbst um 9 Uhr Familienthee stattfand, an welchem Ihre Kaiserl. u. Königl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana und die Prinzen und Prinzessinnen des Königl. Hauses, Königl. Hoheiten, theilnahmen. Im Laufe des gestrigen Vormittags nahm Se. Majestät der König die Vorträge der Herren Staatsminister im Residenzschloß entgegen. Abends 7 Uhr 20 Min. reiste der Monarch in Begleitung Sr. Excell. Des Generaladjutanten Generalleutnants v. Treitschke, des Flügeladjutanten Majors v. Ehrenthal und des Königl. Arztes Stabsarzt Dr. Kampf nach Berlin, um, der Einladung Sr. Majestät des deutschen Kaisers folgend, an der Gedenkfeier des 100jährigen Geburtstags Kaiser Wilhelm´s I. theilzunehmen. Ueber die Zeit der Rückkehr Sr. Majestät des Königs, welcher in Berlin im Königl. Schlosse Wohnung nahm, ist noch keine Bestimmung getroffen. (DN)"

Fritze Augustens ließen bitten:

"Ihre Königl. Hoheiten Prinz und Prinzeß Friedrich August empfingen gestern Mittag Ihre Durchlauchten den Prinz und die Prinzessin von Schönburg-Hermsdorf. (DN)"

Ach so. Morgen ist ja großer Kaisergeburtstag:

"Anläßlich der Feier des 100. Geburtstags des Kaisers Wilhelm I. werden morgen sämmtliche Militärgebäude flaggen. Die Wachen und Posten tragen tagsüber den Paradeanzug. Die Truppentheile werden im Laufe des Vormittags Appells abgehalten. Auf Befehl des kommandirenden Generals Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Georg findet halb 1 Uhr Mittags die Paroleausgabe für die Garnison Dresden in Verbindung mit der Wachparade auf dem Theaterplatze statt. An der Paroleausgabe, welche durch den Kommandeur des Königl. 1. Division N. 23, Generalleutnant v. aab, Excellenz, abgehalten wird, werden die Generale, Offiziere, Sanitätsoffiziere, Auditeure de Garnison theilnehmen. Die Offizierskorps de Garnison versammeln sich Nachmittags in ihren Kasinos zu Festdiners. (DN)"

Die Postgebäude, und nicht nur die, werden hell erleuchtet sein:

"Zur Centenarfeier des Kaisers Wilhelm I. werden unter anderen öffentlichen Gebäuden die kaiserlichen Hauptpostgebäude am Postplatze und am See mit großartigen Illuminationskörpern (Gasdekorationen) versehen, und zwar werden über 40.000 Flammen brennen. Die Wirkung dieser Beleuchtungen wird großartig sein. Mit der Herstellung der Anlagen wurde die hiesige Firma Hermann Liebold wieder betraut. (DN)"

In der Neustadt geht es aufwärts, also beschwert euch nicht. Jetzt bekommt ihr gar eine Radfahrhalle:

"Auch Dresden-Neustadt wird nächstens eine Radfahrbahn erhalten und zwar in dem Konsul Wiedemann´schen Grundstück auf der Antonstraße, nahe dem Albertplatz. Auf dem großen Platze in genanntem Grundstück wird eine überdeckte, von der Witterung geschützte große Radfahrhalle errichtet, in welchen nach der außen ersichtlichen Firma hauptsächlich die „Wanderer-Fahrräder“, bei der Anlernung und Uebung im Radfahren zur Verwendung kommen. (DN)"

Auch an die Fahrgäste der 4. Eisenbahnklasse wird gedacht, die bekommen demnächst Sitzgelegenheiten:

"Die Wagen der 4. Klasse der sächsischen Staats-Eisenbahnen boten bekanntlich den darin reisenden Passagieren keine Sitzgelegenheit. Seit einiger Zeit hat man jedoch auf verschiedenen Linien der sächsischen Bahnen, vorläufig in einigen Zügen, diese Wagen probeweise mit einigen fest eingebauten Sitzbänken versehen. Gewöhnlich sind in diesen Wagen je die Bänke quer so angebracht, daß auf der einen Wagenseite noch ein breiter Gang zum Abstellen des Gepäcks bez. zum Verkehr der Reisenden und der Fahrdienstbeamten übrig bleibt. Dafern sich diese Einrichtung bewähren sollte, dürfte dieselbe allgemein eingeführt werden. (DNN)"

Wir bleiben noch in der Neustadt:

"Auf dem fiskalischen Areal an der Wiesenthorstraße, dem Hospitalplatz etc., welches noch zum größten Theil mit alten Gebäuden besetzt ist, die ehemals als Kasernenräume, Magazine oder Ställe dem Militär gedient haben, soll demnächst ein größerer Abbruch dieser Bauten erfolgen. Die Vergebung dieser Abtragungsarbeiten wird jetzt öffentlich ausgeschrieben. (DN)"

Morgen wird die neue Feuerwache in der Johannstadt bezogen:

"Die neuerbaute Feuerwache Dürerstraße 51 wird morgen früh von der städtischen Feuerwehr bezogen werden. Von diesem Zeitpunkte ab werden die bisherigen kleinen Feuerwachen mit Handgeräth in den Grundstücken Gerokstraße 1, Hauptstraße 3 (Neustädter Rathhaus) und Moritzburger Straße 70 eingezogen. Es ist aber Vorsorge getroffen, daß entweder in diesen Grundstücken oder in deren unmittelbarer Nähe sich Feuer-Meldestellen befinden. (DN)"

Pfusch am Bau oder Sturmschaden. Das ist hier die Frage. Glücklicherweise kam kein Mensch zu Schaden:

"In dem benachbarten Prohlis war man seit Wochen mit dem Aufführen einer mächtigen Dampfesse beschäftigt. Noch im Laufe dieser Woche sollte sie bekrönt werden. Am Donnerstag morgens bestiegen die Mauer den Bau und wollten eben die Arbeit aufnehmen, als sich der Schornstein nach der einen Seite senkte. Rasch befahl der Maurerpolier das Verlassen des Bauwerks und man kletterte schleunigst herab. Kurze Zeit, nachdem die Arbeiter den Boden erreicht hatten, vernahm man ein unheimliches Bersten und Krachen und wenige Minuten später legte sich das Bauwerk zur Seite und brach zusammen. (DA)"

Dominoeffekt auch zwischen Tolkewitz und Laubegast, denn es war nicht nur ein Mast, welcher vom Sturm geknickt wurde:

"Tolkewitz. Auf der Tolkewitz – Laubegaster Linie sind vorgestern 15 Mastenstangen der elektrischen Straßenbahn durch den Sturm niedergeworfen worden, so daß die elektrische Bahn bis zur Beseitigung dieser Schäden den Verkehr mittels der Accumulatoren bewerkstelligen mußte. (DA)"

Sturmschäden auch im Westen der Stadt:

"Auch in den westlichen Vororten haben die Stürme am Donnerstag und Freitag beinahe in den gleichen Abendstunden beträchtlichen Schaden angerichtet. So wurden in dem prächtigen Park des Schlosses zu Briesnitz mehrere der riesigen Eichen zu Boden geschmettert, sowie Verplankungen und Ziegelmauern umgeweht. In Cotta fielen mehrere Wind-Turbinen dem Sturme zum Opfer. In Stetzsch wurde der kürzlich erst erbaute Steigerthurm der dortigen freiwilligen Feuerwehr auf dem Hofe des Rauer´schen Gasthofs durch den Sturm zu Boden geworfen. Zum Glück sind jedoch nirgends Personen verletzt worden. (DN)"

Wie auch im Norden:

"Neben verschiedenem anderen Schaden, den der am Freitag daherbrausende Sturm verübte, hat derselbe auch gegen ¾ 8 Uhr Abends ein vor einem Neubau in der Conradstraße aufgerichtetes, drei Stock hohes Gerüst umgeworfen. Dadurch wurde der Verkehr auf der Straße vollständig gesperrt. Erst nachdem die telephonisch herbeigerufene städtische Feuerwehr eingegriffen hatte, gelang es, das lästige Hinderniß in etwa dreiviertel Stunden wieder zu beseitigen. (DN)"

Schauen wir auf das Programm des Guckkastenkinos Nr. 1:

"Von morgen Sonntag ab stellt das Panorama international, Marienstraße („3 Raben“), 50 Ansichten von Oberitalien aus, und zwar die Gebiete des Lago Maggiore, des Luganer und des Lecco-Sees. (DA)"

Und Nr. 2:

"Fuhrmann´s Kaiser-Panorama im Redlich-Hause, Eingang Ringstraße, (früher Moritz-Allee) bringt von morgen Sonntag ab die berühmtesten und schönsten Gegenden von Süd-Italien, insbesondere Ansichten von Neapel, Herkusanum, Pompeji, Insel Capri, Ischia u. s. w. (DA)"

Auch auf der Jungfernbastei klingt es morgen patriotisch:

"Auf dem königlichen Belvedere finden morgen Sonntag zwei große patriotische Konzerte statt. Zur Aufführung gelangen unter anderem Kaiser Wilhelms Lieblingsmelodien, großes Tongemälde von Lenhardt, Kaiser Wilhelm der Große, Tongemälde von R. Eilenberg, der Fanfarenmarsch Unter dem Kyffhäuser, Sr. Majestät dem Kaiser gewidmet, und Jubellied, Sr. Majestät dem König gewidmet, von L. Schröder. (DA)"

Was bringen uns heute die Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Undine.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: „Eine tolle Nacht“.
Residenz-Theater: nachmittags: Anfang ½ 4 Uhr: Frühling; abends: Anfang ½ 8 Uhr: s´ Nullerl."

Zum morgigen großen Kaisergeburtstag gibt es was Gutes:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Krafbrühe in Tassen mit Kaviarschnitte. Gebackenen Karpfen mit Citrone. Junge Gans mit Gurkensalat. Omelette souflée. – Für einfachere: Linsensuppe. Schweinskoteletten mit Spinat. (DN)"

Schlüpfrige Schienen und schon geschieht es:

"Auf der Kreuzung der Marschallstraße mit der Gerichtsstraße stieß am Freitag Nachmittag ein Motorwagen der Dresdner Straßenbahn gegen den hinteren Theil eines mit Steinen beladenen zweispännigen Lastgeschirrs. Letzteres war aus der Gerichtsstraße, von der Ziegelstraße her, gekommen, um das Terrassenufer zu erreichen und hatte schon zur Hälfte das schon zur Hälfte das befahrbare Gleis passirt, als der elektrische Wagen herankam. Dem Anschein nach wirkten, was bei der durch den Regen herbeigeführten Glätte der Schienen erklärlich war, die offenbar angewendeten Bremsen nicht so stark, daß der Anprall vermieden werden konnte. Dem Wagen wurde der Perron eingedrückt, doch erfuhr niemand dabei eine Verletzung. (DN)"

Auch die Polizei meldet uns amtlich etwas:

"Polizeibericht. Derjenige Dieb, der in letzter Zeit wiederholt von Rollwagen weg ganze Fässer Butter stahl und dann an hiesige Händler verkaufte, ist als der in Neu-Ostra wohnhafte, zuletzt mit 2 ½ Jahren Zuchthaus vorbestrafte Handarbeiter Max Gnauck von der hiesigen Kriminalpolizei ermittelt und festgenommen worden. Demselben sind 14 verschiedene Fälle, die er auch eingeräumt hat, nachgewiesen worden. – Ein 17jähriger Kaufmannslehrling wurde wegen Erbrechens von Abort-Automaten in Haft genommen. Von der Kriminalpolizei sind demselben 12 Stück nachgewiesen worden. – Auf dem Theaterplatze hat am 5. März abends nach 10 Uhr ein hier wohnhafter Schuhmachergehilfe, Rud. Plöger, ein goldenes Kettenarmband mit Kettchen im Werthe von vielleicht 200 Mk. gefunden und es am Freitag an die königliche Polizeidirektion abgeliefert. Eine Verlustanzeige ist noch nicht erstattet. (DA)"

Sowie die Kameraden der Feuerwehr:

"Vorgestern Abend in der 8. Stunde wurde die Feuerwehr nach dem Grundstück Windmühlenstraße 15b alarmirt. Es war ein Schornsteinbrand entstanden, dessen Unterdrückung nur kurze Zeit in Anspruch nahm. (DN)"

Erst zur Projektchorprobe, dann zum Einzugsschmaus. Das würde auch mir gefallen:

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Sonnabend, 20. März 1897

Wiederum warmes Wetter und mal sehen, ob die Windsbraut auch heute Abend wieder kommt:

"Bei zeit- und stellenweisen auffrischenden Südwestwinden herrschte am 18. März unter wechselnder Bewölkung wiederum warmes Wetter mit leichten Niederschlägen. Am Abend stellte sich unter ausgebreiteten Gewittererscheinungen eine rasche Abkühlung ein. Die Minima der Temperatur lagen zwischen 8 Gr. (Colditz) und 1,5 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe betrugen 11,5 Gr. (Dresden, Colditz) bis 1 Gr. an der Hochstation und das Maximum wurde mit 1,42 Gr. (Dresden, Leipzig) erreicht. Schneetiefen (Reitzenhain 35, Fichtelberg 70 Cmtr. Der tiefe Druck im Nordwesten hat zwar an Intensität verloren (Minimum  Sumburghead 739 Mm.), sich jedoch stark in östlicher Richtung ausgebreitet, sodaß der hohe Druck immer mehr nach Südwesten zurückgeht (Clermont 766 Mm.). Unter starken an der Küste stürmischen Südwestwinden besteht vorwiegend trübes, jedoch trocknes Wetter mit anhaltend hoher Temperatur. Im Sachsen haben am Abend des Vortages Gewittererscheinungen stattgefunden, auch ist vorübergehend Abkühlung eingetreten. Gas Herabgehen des tiefen Drucks nach Westen lassen den Eintritt regnerischer Witterung vermuthen.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 14 Gr. Wärme, niedrigste 8 Gr. Wärme. Regen wechselnd mit bewölkt. Westwind. (DN)"

Gewittererscheinungen mit Abkühlung. Und es hat ganz schön "geplauzt":

"Gewöhnlich stellt sich das erste Frühjahrsgewitter bei uns im Monat April ein, voriges Jahr kam es aber am 7. März und diesmal am 18. März. Mit bedeutendem Sturme zog es gestern Abend um ¾ 9 Uhr herauf; viel Regen hat es aber nicht gebracht, in der Wilsdruffer Vorstadt fiel nur 1,2 l auf 1 qm Bodenfläche. Das Barometer, das vorher in 20 Stunden um ziemlich 6 mm gefallen war, stieg dann bis heute früh wieder um 5 mm. Im Laufe des Tages ist es jedoch abermals rasch gesunken, so daß vorläufig auf günstiges Wetter noch nicht zu rechnen ist. Der Sturm, der gestern so gewaltig auftrat und nahezu in ganz Deutschland Unheil angerichtet hat, bewirkte auch in Dresden und Umgebung mancherlei Schaden. – Eine der alten Pappeln in den Anlagen der Weißeritzstraße ist dem Sturme mit zum Opfer gefallen. Der mächtige Baum hat beim Sturze die entlang der Anlagen hinlaufende Telegraphenleitung zerstört und auch an den Geländern des Eisenbahn-Hoch- und Tiefgleises dort erheblichen Schaden verursacht. Durch Arbeiter der Eisenbahnverwaltung und der Stadtgärtnerei ist die Entfernung des Baumes und die Wiederaufstellung der Telegraphenleitung sofort in Angriff genommen worden. – Eine ungewöhnliche Aufregung bemächtigte sich den Besuchern des Neustädter Hoftheaters. Der Sturm brach plötzlich mit solcher Gewalt herein, daß er die Thüren aufschlug und in die Gänge drang. Viele der Anwesenden waren über das unheimliche geräusch so aufgeregt, daß sie von den Sitzen aufsprangen. Ein Windstoß drang durch die Deckenventilation und warf eine Staubwolke vom Kronleuchter hernieder. Das hatte den Anlaß gegeben, daß viele Leute Rauch zu sehen meinten und an eine Feuersgefahr dachten. Es bedurfte erst der beruhigten Zurufe von Seiten des Herrn Grafen Seebach und der Künstler, ehe sich die Aufregung legte. – Im Musenhause lockerte der Sturm einen Fensterflügel; er stürzte – es war gerade ein Ballfest – in den Saal. – In Blasewitz entwurzelte der Sturm einen Baum und in Laubegast brach er einen Ständer der elektrischen Straßenbahn um. (DA)"

Aber die Frühlingsblüher versöhnen uns:

"Die Krokusse, die mit den ersten Frühlingsboten aufzählen, haben seit einigen Tagen ihre Blüthenkelche erschlossen. In den Gärten und Promenaden leuchten die weißen, lauen und gelben Blümchen, wenn sie von den Sonnenstrahlen beschieden werden, bereits in großer Menge aus den grünenden Wiesenflächen bez. aus den Beeten hervor. (DN)"

Unser König ist wieder da:

"Se. Majestät der König ist gestern Abend 8 Uhr 4 Min. in Begleitung Sr. Excellenz des Herrn Generaladjutanten Generealleutnant v. Treitschke und des Herrn Geh. Rath Dr. Fiedler aus Mentone hier wieder eingetroffen. Nach der Ankunft im Residenzschloß vereinigten sich daselbst die Prinzen und Prinzessinnen, Königl. Hoheiten, bei Se. Majestät dem König zum Thee. (DN)"

Mathildchen wurde der Marsch geblasen:

"Ihrer Königl. Hoheit  der Prinzessin Mathilde wurde gestern anläßlich ihres Geburtstages von der Kapelle des 2. Jäger-Bataillons Nr. 13 eine Morgenmusik dargebracht. Aus gleichem Anlaß fand Nachmittags 5 Uhr bei Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen Georg im Palais Zinzendorfstraße Familientafel statt. An derselben nahmen Theil: Ihre Kaiserl. u. Königl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana. Ihre Königl. Hoheiten der Prinz und die Frau Prinzessin Johann Georg, der Prinz Albert und die Prinzessin Mathilde. (DN)"

Die in diesem Jahr stattfindende Eingemeindung von Pieschen nebst umliegender Teile treibt die Bodenpreise in die Höhe und besonders Industrie will sich dort ansiedeln:

"Durch die Erledigung der Einverleibungsfrage des Ortes Pieschen in den Stadtbezirk, hat sich in dieser Umgebung eine bedeutende Spekulation auf dem Gebiete der Terrainerwerbung entwickelt. Es handelt sich hierbei in der Hauptsache um projektirte Fabrikanlagen, da man seitens der Behörden von Jahr zu Jahr ernstlicher bemüht ist, dieselben weitmöglichst aus dem inneren Stadtweichbilde zu entfernen. Wie uns mitgetheilt wird, hat außer anderen Industriellen, so z. B. die weltbekannte Firma „Eschebach´sche Werke“, auch eine Hamburger Aktiengesellschaft den Ankauf eines über 100.000 Quadratmeter großen Terrains bewirkt, um bereits nächstes Jahr größere Fabrik- und Speicheranlagen darauf zu errichten. Allem Anschein nach rechnet man hier stark mit dem Faktor der projektirten Staatsbahnhaltestelle in Trachau, und den sonstigen schon bestehenden Verkehrseinrichtungen. (DN)"

In der Dürerstraße verhindern mittlerweile angebrachte Schutzeinrichtungen den Absturz in die sich an dieser befindlichen Löcher:

"Die Passanten der Dürerstraße hatten wiederholt geklagt, daß an einzelnen Stellen längs des Fußweges Vertiefungen sind, in die man in der Dunkelheit leicht fallen könne. Es sind jetzt Barrieren angebracht worden, die jedes Ausgleiten verhindern. (DA)"

Wir schauen in den Zoo, wo einige Miezekatzen das Licht der Welt erblickten:

"Neues Leben blüht in dem Zoologischen Garten, woselbst am Sonnabend mehrere junge Löwen geboren wurden. Noch ist ihre Zahl nicht bekannt, denn „Mama Löwe“ wacht ängstlich über den Kleinen, sie sorgfältig den Blicken Berufener und Unberufener verbergend. Der Garten, in dem es nun wieder „lebendig“ wird, hat auch sonst zahlreiche Neuheiten aufzuweisen. (DNN)"

Im Reichsbankgebäude wird das Silber tonnenweise gebunkert:

"Mit einem vorgestern hier eingehenden Personenzuge traf ein mit 200 Centner Silber beladener Wagen von der Reichsbankstelle in Frankfurt a. O. ein. Empfänger der Sendung war die hiesige Reichsbankstelle. (DN)"

Auf Silbertellern braucht uns das morgige Sonntagsessen nicht serviert werden:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Echte Schildkrötensuppe. Kalbskoteletten mit Schoten und Möhren. Forellen mit frischer Butter. Gefüllter Kapaun mit Salat. Apfelsinen-Eis. – Für einfachere: Fleischbrühe mit Eierstand. Gerollter Kalbsnierenbraten mit Kartoffeln und Rapünzchensalat. (DN)"

Bevor wir uns den Theaterzettel anschauen ein Blick zur Fastpanik im Theater am Albertplatze:

"Ein eigenthümliches Verhängniß scheint über dem Neustädter Theater zu schweben, da seine Besucher in letzter Zeit wiederholt von Paniken erschreckt worden sind, die Gott sei Dank nie größeren Schaden, sondern nur blinden Lärm verbunden mit einer Störung der Vorstellung verursacht haben. Auch vorgestern Abend während der Vorstellung verursacht haben. Auch vorgestern Abend während der Vorstellung von Gutzkow´s „Zopf und Schwert“ entstand eine solche Panik und hätte beinahe größeren Umfang angenommen, wenn nicht der besonnenere Theil des Publikums sich überraschend ruhig benommen hätte. Punkt 9 Uhr, in der Ehekontraktszene des 3. Aktes, nahm der draußen herrschende Wirbelsturm einen geradezu drohenden Charakter an und lockerte eine der auf dem Dache des Theaters stehenden Telephonstangen dermaßen, daß sich auf der Innenseite des Daches ein Stück Kalk losgelöst hatte und mit Gepolter auf den Plafond des Zuschauerraums fiel; zugleich – und das schlug dem Faß den Boden aus – müssen einige Dachluken aufgesprungen sein, sodaß sich der Wind in dem zwischen Plafond und Dach befindlichen leeren Raum verfing, vom zartesten Piano bis zum rauschenden Fortissimo seine grause Musik erklingen ließ und durch das Gitterwerk über dem Kronleuchter den aufgewirbelten Staub in das verdunkelte Haus jagte. Im Nu bemächtigte sich an allen Ecken die Unruhe des Publikums, die Rufe „Feuer“ und „es brennt“, ja „die Decke stürzt ein“ erschollen, und obgleich Herr Franz, der als Erbprinz von Bayreuth mit auf der Szene war, sofort einen Feuerwehrmann aus der ersten Coulisse holte, der die Hinausdrängenden beruhigen sollte, Herr Graf Seebach von der Indentantenloge aus das Publikum zum Sitzenbleiben mahnte und der Dramaturg, Herr Dr. Meyer, die Besucher des Parquets über die wahre Sachlage aufklärte, so mußte doch das Spiel vorübergehend unterbrochen werden, bis auf den vereinten Zuspruch der schon genannten Persönlichkeiten, denen sich noch die Herren Winds und Bauer in energischer weise anschlossen, wenigstens der größte Theil der Zuschauer zum Einnehmen der Plätze zu bewegen war und das Spiel da, wo es unterbrochen werden mußte – bei den Worten des Hotham: Ich hab´ es schon auf dem Papier: im Namen Gottes etc. –, wieder aufgenommen werden konnte. (DN)"

Hoffentlich geht heute alles glatt:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Orpheus und Eurydike.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Veilchenfresser.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

In der "Regierung" in der Großen Meißner Straße hat es gebrannt. Glücklicherweise wurde der Brandherd schnell entdeckt und dabei stellte sich heraus:

"In der Königl. Amtshauptmannschaft Dresden-Neustadt wurde am Dienstag ein raffinirter Diebstahl ausgeführt. Aus dem verschlossenen Pult des Herrn Bezirkssekretärs Ludwig stahl ein Diätist Sprenger 500 M. Um die Spuren zu verwischen, zündete der Dieb Abends das betreffende, das Geld enthaltende Fach, nachdem er es zuvor mit Petroleumlappen getränkt hatte, an. Nur der Umsicht des kontrollirenden Wächters war es zu danken, daß unabsehbares Unheil verhütet ward. Der Thäter, der ermittelt ward und sich vorerst auf hartnäckiges Leugnen legte, hatte das gestohlene Geld in seinem Rock eingenäht, woselbst es am anderen Tage vorgefunden ward. (DN)"

Ein anderer Beamter wurde ebenfalls verhaftet:

"Am Mittwocherfolgte hierselbst die Verhaftung des Rathssekretärs A. wegen Verübung eines abscheulichen Sittlichkeitsverbrechens. Die That scheint in einem Anfall von völliger Geistesgestörtheit geschehen zu sein. (DN)"

Eigenartigerweise sind bei solchen Meldungen die "Neuesten Nachrichten" schnell und teilen und genüsslich mit, dass es der Vater mit der Tochter treiben wollte:

"Verhaftet wurde ein hiesiger Rathssekretär, verheirathet und Vater von 7 Kindern, welcher mit seiner 21jährigen Tochter unsittliche Handlungen vorgenommen haben soll. Er hatte sich am Bußtag nachmittag ein Zimmer in einem hiesigen Hotel gemiethet, wo er sich als Rathssekretär Adam aus Großenhain ausgab. Dem Wirth wurde die Sache verdächtig, er holte Polizei, welche Beide verhaftete, und wobei es sich herausstellte, daß die Beiden Vater und Tochter waren. (DNN)"

Schließlich noch den amtlichen Polizeibericht:

"Polizeibericht. Auf der Blasewitzer Straße sind heute Vormittag bei Aushebung von Erde zum Grundbaue eines Hauses in einer Tiefe von etwa1 m neun menschliche Skelette nebst Lederüberresten von Patronentaschen und Stiefelschäften, sowie zwei metallknöpfe und eine Bleikugel gefunden worden, Ohne Zweifel wurden an dem Orte im Jahre 1813 gefallene Soldaten begraben. Die Skelette wurden nach dem Trinitatisfriedhofe gebracht. – Von einem einspännigen Lastgeschirre wurden am Donnerstag Abend an der Großenhainer Straße zwei Herren umgerissen. Beide erlitten Verletzungen. (DA)"

Schützt eure Drahtesel vor Diebstahl:

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Freitag, 19. März 1897

War es das schon mit dem heiteren Wetter? Und es klart nicht, nein es klärt sich auf:

"Am 17. März fanden bei wechselnder Bewölkung nur vereinzelt schwache Niederschläge statt. Die Temperatur stieg weiter an. Die Minima gingen von 7 Gr. (Bautzen, Freiberg) nur herab bis – 2 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen, zwischen 10,5 Gr. (Colditz) und 3 Gr. an der Hochstation und im Maximum wurden vielfach 12 Gr. überschritten (Leipzig 14,7 Gr.). Schneetiefe: Reitzenhain 44 Cmtr., Fichtelberg 30 Cmtr. Die nördliche Hälfte des Witterungsgebietes steht unter dem Einfluß tiefen Drucks, welcher sich von seinem Minimum über dem nordwestlichen Schottland (Stornoway 733 Mm.) in östlicher Richtung bis an die deutsche Ostseeküste erstreckt und in weitem Umkreis trübes, stürmisches Wetter mit ausgebreiteten Niederschlägen hervorruft. Bei uns herrscht infolge des hohen Drucks im Süden (Triest 764 Mm.) bei auffrischenden Südwestwind wolkiges, sehr warmes Wetter. Zwar haben auch hier während der Nacht Niederschläge stattgefunden, doch ist der Vormittag vorwiegend trocken verlaufen. Nach Vorübergang der tiefen Depression im Norden von uns dürfte wieder auf den Eintritt heiterer Witterung zu rechnen sein.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 16 Gr. Wärme, niedrigste 8 Gr. Wärme. Früh Regen, Vormittags aufklärend, Nachmittags bedeckt. Westwind. (DN)"

Nicht nur Kaiser Wilhelm hatte am 22. März seinen großen Tag:

"Se. Majestät der König vermag am 22. März auch auf einen Gedenktag zu blicken. An dem genannten Tage sind genau 50 Jahre verflossen, daß der damalige Prinz Albert von Sachsen durch seinen Lehrer und Erzieher Dr. Friedrich Albert von Langenn in feierlicher Weise in den obersten Gerichtshof des Königreichs Sachsen eingeführt wurde, um forthin an dessen Arbeiten theilzunehmen. (DN)"

Das gilt es doch auch zu feiern. Oder?
Gefeiert wird heute bei unserer strammen Prinzessin:

"Ihre Königl. Hoheit Prinzeß Mathilde (geb. 19. März 1863) feiert heute ihren Geburtstag. (DN)"

Übrigens, Mathildchen, Max und Schorsch d. Ä. werden in der nächsten Zeit Urlaub machen:

"Ihre Königl. Hoheiten der Prinz Georg, die Prinzessin Mathilde und der Prinz Albert werden sich am Sonntag den 21. März Abends in Begleitung der Hofdame Gräfin Vitzthum v. Eckstädt und des Hofmarschalls Kammerherrn v. Haugk zu einem mehrwöchentlichem Aufenthalte nach Meran in Südtirol begeben und daselbst im Schloß Rametz Wohnung nehmen. (DN)"

Die alte Kreuzkirche ist Geschichte, doch diese Geschichte geht weiter:

"Die Thurmuhr der Kreuzkirche würde schon längst in Reparatur oder deren Neubeschaffung in Auftrag gegeben sein, wenn nicht die Ermittelung der Höhe des Brandschadens an und für sich eine ziemlich lange Zeit in Anspruch nähme. Zunächst stellte die hierzu ernannte Commission der Landesbrandversicherung die Einzelheiten fest, nach denen die Entschädigungs-Summe zu bemessen ist. Es hat dies seine Schwierigkeiten, weil die Taxe des stehengebliebenen Mauerwerks je nach Umständen eine recht verschiedenartige sein kann. Jedenfalls wird dann noch eine zweite ad hoc niedergesetzte Commission die etwa angefochtenen Summen der Entschädigung bemessen. Eine weitere Schwierigkeit hat sich wegen des Wiederaufbaues des Gotteshauses insofern herausgestellt, als von Seiten der Kirchenbehörde die Erbauung einer Interimskirche gewünscht wird, während sich der Architektenverein in seiner überwiegenden Mehrheit dahin ausgesprochen hat, daß der Neubau in etwa 1 ½ Jahren beendet sein könne, wenn der Ruine ein Nothdach gegeben und die Arbeiten im Inneren, unbekümmert um die Witterungseinflüsse, unausgesetzt fortgeführt werden könnten. Da eine feuersichere Deckengewölbeconstruction von den Umfassungsmauern der Kirche, wie sie jetzt construirt ist, nicht getragen werden könnte, der Einbau der nöthigen Widerlager im Innern sich auch nicht gut bewerkstelligen lassen würde, so wird allgemein verlangt, daß Eisenconstructionen angebracht werden müßten, einestheils um die Emporen zu tragen, anderntheils um ein kuppelartiges Deckengewölbe herzustellen. Allseitig ist man gespannt darauf, wie die Fragen gelöst werden. (DNN)"

Geschichte ist nun auch bald das Boxbergsche Palais, der Stübelschen Villa geht es derzeit an den Kragen. Und bekanntlich wird dort ein Bauwerk entstehen, welches die vorübergehenden Passanten schon mit dem Anblick seiner fürchterlich überladenen Fassade erschlagen wird:

"Der Bau des neuen großen Varieté-Theaters auf der Waisenhausstraße hat insofern begonnen, als man gegenwärtig das alte vornehme Bürgerhaus, welches bis zu seinem Ankauf durch das Consortium Herrn Hofrath Dr. jur. Stübel gehörte, niedergelegt und ebenso die großen Bäume, soweit sie sich auf dem zukünftigen Bauterrain befinden, fällt. Demnächst wird auch die Boxbergsche Villa niedergerissen, die als ein alter Adelssitz zu den Eigenthümlichkeiten der inneren Stadt gehörte. Der Neubau wird durchaus nicht ausschließlich den Zwecken eines Theaters und Concertlocales dienen, sondern soll auch dem in jener Gegend stark entwickelten Geschäftsverkehr Räume und Verkaufsstätten eröffnen, welche weltstädtischem Charakter entsprechen. Eine auf drei Straßen ausmündende große Passage mit genügendem Oberlicht soll das Ganze vervollständigen. – Durch den Ankauf der verschiedenen Grundstücke sind auch eine Anzahl von Sonderrechten und Bauverboten, die auf einzelnen Grundstücken hafteten, beseitigt worden. So durfte z. B. dem genannten Stübelschen Grundstück der freie Ausblick auf die Pragerstraße nicht verbaut werden und das betreffende Grundstück auf der Pragerstraße mußte theils als Baustelle behandelt oder nur ein Dachbau des Parterres ausgeführt werden. (DNN)"

Hoffen wir, das in der neuen Baugewerkenschule sich einst klarere Linien durchsetzen werde. Übrigens, derzeit entsteht das Schulgebäude:

"Auf dem bisherigen militärfiscalischen Areale der Neustadt erheben sich jetzt bereits eine Anzahl von Privatgebäuden, deren Bezug schon im October d. J. bewerkstelligt werden kann. Unweit derselben, am sogenannten „Kreuzweg“, ist man gegenwärtig eifrig damit beschäftigt den Rohbau der neuen Dresdner Baugewerkenschule zu beenden. Die Sandsteinfronten derselben wirken zeichnerisch gut. Auch die Raumvertheilung im Inneren soll allen Anforderungen entsprechen. Die Errichtung dieses Schulgebäudes stellte sich bekanntlich als eine dringende Nothwendigkeit heraus. Die Regierung hat seit 60 Jahren den Baugewerkenschulen Sachsens ihr lebhaftestes Interesse zugewendet und so mußte sie bei dem seit Jahren bedeutend vermehrten Andrange der jungen Techniker zu diesen Anstalten darauf zu kommen, für die Dresdner Baugewerkenschule ein neues Heim zu schaffen, um Interesse des heimischen Baugewerbes hier eine größere Anzahl Schüler aufnehmen zu können. In jedem Unterrichtshalbjahr mußten in den letzten Jahren stets etwa 150 Schüler wegen Raummangels in den Baugewerkenschulen abgewiesen werden. Da das neue Gebäude gleich so angelegt wird, daß genügender Raum für Parallelklassen vorhanden ist, so hofft man, daß in nächster Zeit dem Andrange der Schüler Genüge geleistet werden kann. Da der Grund und Boden der Schule dem Staate bereits gehört, so brauchten die Stände nur 350.000 Mk. zum Neubau zu bewilligen, wovon überdies 26.350 Mk. für Mobiliar und Inventar inbegriffen sind. Die Räume können bereits im nächsten Jahre in Benutzung genommen werden. (DNN)"

Da scheint ja der Straßenbau resp. die Reparatur relativ einfach zu sein:

"Vom 22. d. Mts. ab wird die Hamburger Straße in ganzer Länge wegen Beschotterung auf die Dauer der Arbeiten für den Fahr- und Reitverkehr gesperrt. (DNN)"

Und was kommt morgen auf den Tisch:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Sagosuppe. Schleien mit frischer Butter. Rindsrouladen mit Kompot und Salat. Aepfelcharlotte. – Für einfachere: Bratwurst mit Linsen. (DN)"

Auf den Tisch, quatsch, auf den Brettern spielt sich auch das tägliche Theater ab:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 6 Uhr: Siegfried.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Maccabäer.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Die Polizei kommt mit gebündelten Meldungen daher, wenn einiges davon auch schon bekannt ist:

"Polizeibericht. Der am Dienstage in der Kreuzkirche durch ein abgefallenes Steinstück getroffene jüngere Arbeiter ist nach kurzer Zeit infolge des erlittenen Schädelbruches im Stadtkrankenhause verschieden. – Diejenige Frauensperson, die unter Thränen vorgab, von auswärts gekommen zu sein und ihr Portemonnaie und ihre Eisenbahnrückfahrkarte verloren zu haben, und sich auf diese Weise Geldbeträge erschwindelte, ist in einer 20jährigen, bereits steckbrieflich verfolgten Dienstperson festgenommen worden. – In Wien sind in der Nacht zum 16. ds. M. Juwelen, goldene Herrenketten, Damenketten, Damenlorgnonketten mit Perlen, 156 Goldringe, 144 Diamanten, Perlen und Brillantnadeln, 200 Eheringe, im Gesammtwerthe von 30.000 Gulden gestohlen worden. – Auf Laubegaster Flur sind gestern früh nahe der Elbe Frauenkleidungsstücke und ein Zettel mit einer Adresse aufgefunden worden. Die Sachen gehören, wie durch Angehörige festgestellt wurde, einer hier wohnhaften, 43 Jahre alten Frau, die seit dem Dienstag Abend vermißt wird und wahrscheinlich den Tod in der Elbe gesucht hat. Die Verschwundene ist noch mit rothem Barchenthemde, blau und weißgestreiftem Unterrocke, grauwollenen Strümpfen und leichten Stiefeletten bekleidet. Sie hat silbergraue Haare. – Ein 29jähriger früherer Expedient (mittelgroß, hellblonde Haare und dergleichen Schnurrbart, an der linken Wange ein haselnußgroßes Geschwür), der sich in verschiedenen Wohnungen einmiethete und dann unter Mitnahme von allerlei Werthsachen und Kleidungsstücken heimlich entfernte, ist polizeilich ermittelt und dingfest gemacht worden. Etwaige noch nicht erstattete gleichartige Anzeigen bittet man umgehend der Kriminal-Abtheilung der hiesigen Königl. Polizeidirektion mitzutheilen. – Auf dem Schlesischen Bahnhof wurde am Montag ein Arbeiter durch einen fortgeschobenen Möbelwagen gegen einen Eisenbahnwagen gedrückt und erlitt eine Quetschung des Brustkorbes. – Bedeutende Brandwunden an beiden Händen erlitt vor einigen Tagen in einer Fabrik der Vorstadt Striesen ein Tischlergehilfe, welcher nach einer mit Spiritus ausgeführten Arbeit ein Zündhölzchen anbrannte. – Im Hofe eines Grundstücks auf der Schloßstraße stürzte am Montag ein 20 Jahre alter Hausbursche von einem Drahtschutzdach, das er reinigen wollte, auf ein darunter befindliches Glasdach und zog sich eine tiefe Schnittwunde, sowie eine Rückratsverstauchung zu. – Auf dem Bahnhofs-Neubau an der Wienerstraße stürzte am Dienstag Vormittag ein Zimmermann von einem Gerüst und zog sich einen Bruch des linken Unterschenkels zu. (DN)"

Und dann hätten wir noch einen Gaul, der in eine Grube stürzte und spektakulär daraus befreit wurde:

"Gestern Mittag in der 1. Stunde war in der Wintergartenstraße beim Fluthkanalbau das Sattelpferd eines dortselbst Steine abladenden Geschirres, durch Drängen des anderen Pferdes, in die gegen 10 Meter tiefe Ausschachtung des Kanals gestürzt. Die zum Herausholen des Pferdes alarmirte Feuerwehr ließ im Einverständniß mit der Bauleitung den Schienenstrang, auf welchem in nächster Nähe mit dem Dampfkrahn gearbeitet wurde bis zu der Unfallstelle verlängern und dann den Krahn selbst nach dort zu bringen. Nachdem unterdeß Gurte an dem Pferde angebracht worden waren, wurde das Thier angehängt und mit Dampf zu Tage befördert. Außer einer kleinen Hautabschürfung über den Augen schien das Thier weitere Verletzungen nicht davongetragen zu haben. (DN)"

Der April steht vor der Tür und somit auch der erste diesjährige Umzugsmonat. Denkt dabei auch an jede Kleinigkeit:

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Donnerstag, 18. März 1897

Habt ihr den gestrigen Feiertag gut verbrachte? Die Journalisten vermutlich auch. Denn zunächst gibt es natürlich keine Wetter und nur eine Meldung auf dem Hofe:

"Se. Majestät der König trifft Sonnabend 10.27 Uhr in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ein. In seiner Begleitung befinden sich der Generaladjutant Generalleutenant von Treitschke und der Flügeladjutant Major von Ehrenthal. (DN)"

Die Postbeamten wollen natürlich auch des ersten Kaisers "Runden" feiern:

"Am 22. März, dem 100jährigen Geburtstag Sr. Majestät des Hochseligen Kaisers Wilhelm´s des Großen, werden bei den Postanstalten die Dienststunden für den Verkehr mit dem Publikum, sowie der Bestelldienst in demselben Umfange beschränkt wie an den Sonntagen. (DN)"

Und schließlich gibt es sie nun auch in der sächsischen Residenzstadt. Die erste niedergelassene Frau Doktor:

"Auch in Dresden hat sich nunmehr (Rietschelstraße 17) ein weiblicher Arzt, Frau Dr. med. Fischer-Dückelmann, niedergelassen. Wie die meisten deutschen Aerztinnen empfing auch sie ihre ärztliche Ausbildung auf der Zürischer Universität, deren medizinische Fakultät auf hoher Stufe steht. Frau Dr. med. Fischer-Dückelmann stammt aus einer Aerztefamilie und hat eine erfolgreiche ärztliche Thätigkeit als Assistenzarzt an einer Heilanstalt, sowie in selbstständiger Wirksamkeit, ferner auch als Schriftstellerin auf hygienischem Gebiete hinter sich. (DA)"

Es gibt heute auch wieder Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Mignon.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Zopf und Schwert.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Bleibt noch der Blick auf den morgigen Speisezettel:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Lebernocken. Gefüllte Eier á la Bechamel. Gebratene Haselhühner mit Salat. Citronenauflauf. – Für einfachere: Hammelfleisch mit Grünkohl. (DN)"

Schlimmer Unfall in der Schäferstraße:

"Durch einen Wagen der Pferdebahnlinie Striesen – Waltherstraße wurde am Dienstag Nachmittag gegen 4 Uhr das 4 ½ Jahre alte Söhnchen des Schuhmachers Kramner auf der Schäferstraße überfahren und derart verletzt, daß es noch abends im städtischen Krankenhause verstarb. Den Kutscher trifft keine Schuld, da das Kind, aus dem Hause herauskommend, direkt in den Wagen gelaufen ist. (DA)"

Das war es für den heutigen Tag.
Noch nicht ganz. Auch wir wollen am 22. März mit "glänzenden Augen" den Fehrbelliner Reitermarsch mit dem bekannten Text unterlegen und dekorieren dazu unser Zuhause, natürlich nur in der Kaiserstraße gekauft:

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Mittwoch, 17. März 1897

Heute ist schönes Wetter. Möchte ja an solch einem Feiertag auch sein:

"Mit dem Eintritt einer südlichen Strömung fand am 15. März bei vielfach heiterem, durchweg trocknem Wetter eine rasche Wärmezunahme statt. Nachdem in der Nacht stellenweiser Frost eingetreten war – die Minima gingen von + 2 Gr. (Dresden) herab bis – 3,5 Gr. (Fichtelberg) – stiegen die Tagesmittel von – 0,5 Gr. an der Hochstation bis + 6 Gr. (Dresden, Zittau) und im Maximum wurden 6,7 Gr. (Colditz) erreicht. Schneetiefe Reitzenhain 55, Fichtelberg 120 Cmtr. Im Westen hat von Neuem eine Vertiefung des Luftdrucks stattgefunden (Valentia 755 Mm.), doch bestehen über Nordwestdeutschland immer noch gewisse Unregelmäßigkeiten fort (Münster 752 mm.). Der hohe Druck im Nordosten hat sich wenig geändert (Petersburg 767 Mm.), jedoch weiter nach Südosten ausgebreitet (Lemberg 766 Mm.). Eine südwestliche bis südöstliche Strömung bringt wolkiges, nebliges Wetter ohne Niederschläge bei annehmender Temperatur. Abgesehen von der flachen Depression in Nordwest-Deutschland bleibt die Wetterlage wiederum der Trockenheit günstig.
Aussichten: Heiter. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 12,5 Gr. Wärme, niedrigste 6 Gr. Wärme. Heiter. Südostwind. (DN)"

Die Wettiner Oberfuzzis haben ja eigentlich immer Feiertag und heute wird wieder von denen berichtet:

"Die von Kap Martin eingetroffenen Nachrichten melden wiederum, daß Ihre Majestäten der König und die Königin sich des besten Wohlseins erfreuen und das fortdauernd schöne Wetter zu täglichen Ausflügen in die herrliche Umgebung benutzen. Am 8. März besuchten beide Majestäten die Besitzung des bekannten englischen Botanikers Mr. Haubury in Mortala und nahmen mit Interesse die überaus zahlreichen und seltenen Pflanzenarten des Parks sowie die Kunstschätze der Villa in Augenschein. Tags darauf folgte das Königspaar einer Einladung des Fürsten und der Frau Fürstin Lubecki in Mentone zum Frühstück. Am Mittwoch begaben sich beide Monarchen zu Wagen auf der alten, weltberühmten Route du Corniche nach Nizza. Leider war etwas trübes Wetter, welches die landschaftlichen Schönheiten dieser Fahrt, die als prächtigste in ganz Europa gerühmt wird, nicht zur vollen Geltung gelangen ließ. In Nizza wurden verschiedene Sehenswürdigkeiten und Läden besucht und in Gesellschaft Sr. Königlichen Hoheit des Fürsten von Hohenzollern das Frühstück eingenommen. Se. Majestät der König kehrte alsdann mit der Eisenbahn, Ihre Majestät die Königin dagegen in nochmaliger dreistündiger Wagenfahrt nach Mentone bez. Kap Martin zurück. Zur Nachmittagstafel war an diesem Tage der Königl. Preuß. Oberst Frhr. v. Schele, Flügeladjutant Se. Majestät des deutschen Kaisers, mit Einladung ausgezeichnet worden. Se. Majestät der König erwiderte am 11. März den Besuch Sr. Königl. Hoheit des Prinzen von Wales in Cannes und besichtigte Tags darauf die vor Mentone ankernde Kaiser-Yacht „Miramare“. Sodann besuchte der König mit Ihrer Majestät der Königin die Frau Prinzessin Wilhelm von Baden, Kaiserl. Hoheit. Vergangenen Sonnabend empfingen beide Majestäten die frühere Hofdame Frau v. Slivansky geb. Freiin v. Lützerode, welche mit einer Einladung zur Tafel beehrt wurde. Am folgenden Tage nahm Ihre Königl. Hoheit die Frau Prinzessin Marie von Hannover das Frühstück beim Königspaare ein. Am Montag statteten beide Majestäten der Königin von Großbritannien etc., Kaiserl. u. Königl. Majestät, einen Besuch in Nizza ab. (DN)"

Morgen reist der Allerhöchste aber ab um - zur nächsten Festivität zu eilen:

"Se. Majestät der König wird Donnerstag früh 1 Uhr 19 Min. von Mentone abreisen und am Freitag Abends 8 Uhr 4 Min. in Dresden eintreffen. Am Sonnabend Abends 7 Uhr 20 Min. gedenkt Se. Majestät zur Theilnahme an der Hundertjahrfeier für weiland Se. Majestät den Kaiser Wilhelm I. nach Berlin zu reisen. (DN)"

Fritze August ist auch wieder im Lande:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August ist mit seinen Begleitern gestern Abend von Marienberg hier wieder eingetroffen. (DN)"

Wenn die Briefkastenleerer euren noch schnell dargebrachten Brief nicht mitnehmen, so ist das keine Unhöflichkeit:

"Vom Leeren der Briefkästen. Postbeamte, die mit der Leerung der Briefkästen beauftragt sind, haben wiederholt mit dem Publikum Streit bekommen, das von ihnen nach Räumung des Briefkastens noch die Aufnahme von Postsendungen in den Postbeutel verlangte, was von den Postbeamten ganz bestimmt abgelehnt und vom Publikum gewöhnlich als eine grobe Ungefälligkeit des Beamten betrachtet wird. Auf Beschwerde ist erwidert worden, daß das Verhalten der Beamten ihrer Instruction entspreche. Der Beamte soll nicht einmal gestatten, daß während der Entleerung des Briefkastens Postsendungen direct in den Postbeutel geworfen werden. Würde der Beamte dabei betroffen, daß er den Beutel öffnete, zu einem anderen Zweck als ihn unter den Briefkasten zu schieben, so hätte er strenge Strafe zu gewärtigen. Während die Briefträger verpflichtet sind, Postsendungen, die ihnen auf ihren Bestellgängen zu diesem Zwecke übergeben werden, zu weiteren Beförderung an die Post oder in den nächsten Briefkasten gelangen zu lassen, besteht eine solche Anweisung für den mit Einsammeln des Briefkasteninhaltes beauftragten Beamten nicht. (DNN)"

Als letzte Zeitung, deswegen heißt die Gazette ja auch "Neueste Nachrichten", äußert sich heute auch selbige zu den Kalamitäten auf der König-Johann-Straße:

"Die fortwährenden Verkehrsstörungen in der König-Johannstraße, welche der mit unterirdischer Leitung bewirkte elektrische Straßenbahnbetrieb mit sich bringt, werden geradezu zur Calamität. Fast kein Tag vergeht mehr, an dem nicht ein oder mehrere Male der ganze Straßenbahnverkehr vom Pirnaischen Platze bis zum Altmarkt und noch weiter hinunter erheblich gestört ist. Und das geschieht auf der belebtesten Straße der ganzen Stadt, fast unmittelbar unter den Augen der Stadtverwaltung. Selbstverständlich ist hierüber das Publikum, nicht nur die Insassen der Wagen, die ihre kostbare Zeit verlieren, höchst unwillig und fragt mit Recht: Kann und wird hier nicht endlich Abhilfe geschaffen? Man denke sich einmal eine Verkehrsstörung, wie z. B. am vergangenen Sonntag Abend, bei welcher circa 40 Wagen (gelbe und rothe) hintereinander stehen bleiben mußten. Das stört nicht allein den ganzen übrigen Fahrverkehr mit Droschken, Privatequipagen und Handwagen, sondern hemmt auch die Passage auf den ohnehin verkehrsreichen Fußbahnen ganz erheblich, denn unwillkürlich bleibt jeder stehen, um das Ende der Dinge abzuwarten. Darunter leiden aber auch unmittelbar die an den betreffenden Straßen liegenden Geschäfte, denn Mancher, namentlich Damen, unterlassen lieber eine Besorgung, ehe sie sich durch die angesammelte Menschenmenge drängen. Und ist es schließlich einer Großstadt wie Dresden unwürdig, wenn sich alle Tage das lächerliche Schauspiel von „stehenbleibenden Straßenbahnwagen mit elektrischem Betriebe“ auf den verkehrsreichsten und schönsten Straßen und Plätzen der Stadt wiederholt? Wozu ein System weiter benützen, welches sich als absolut unbrauchbar erweist und „Versuche“ fortsetzen die zu keinem günstigen Resultate führen? Hoffen wir, daß unsere rührige Stadtverwaltung, die ja sonst nichts unterläßt, was zu Besten der Stadt dient, hier bald energisch Wandel schafft und daß auch aus den Kreisen, aus denen so gern gegen das „zu schnelle Fahren“ geeifert wurde, endlich auch einmal gegen das gänzliche Stehenbleiben der Wagen Stellung genommen wird. (DNN)"

Ein Ärgernis will man aber abschaffen. Hat man ja in den letzen Wochen immer wieder versprochen, das der nächtlichen Finsternis biblischen Ausmaßes:

"Beleuchtungsverbesserungen. In einer Anzahl von Straßen, welche von den mit elektrischer Beleuchtung bereits versehenen oder mit solcher noch auszustattenden Straßen abzweigen, soll eine Uebergangsbeleuchtung mit Auerlicht eingerichtet und in einer weiten Anzahl von Straßen und Plätzen gleichfalls eine solche Beleuchtung eingeführt werden. Zu den ersterwähnten Straßen gehören die folgenden: Käufferstraße, Reinhardstraße, Flemmingstraße, Mittelstraße, Palmstraße, Zwingerstraße, Kanzleigäßchen, Georgenthor, Quergasse, Große Brüdergasse, Kleine Brüdergasse, Taschenberg, Sporergasse, Rosmaringasse, Altmarkt, An der Kreuzkirche, Schreibergasse, An der Mauer, Waisenhausstraße, Trompeterstraße, Oberseergasse, Ferdinandstraße, Struvestraße, Mosczinskystraße, Serrestraße, Drehgasse, Neuegasse, Ziegelstraße, Circusstraße, Gerichtsstraße, Albrechtstraße, Mathildenstraße, Pillnitzerstraße, Pragerstraße, Schössergasse. Zu den an zweiter Stelle erwähnten Straßen gehören: Winckelmannstraße, Bendemannstraße, Hübnerstraße, Liebigstraße, Lindenaustraße zwischen Berg- und Reichsstraße, Schnorrstraße zwischen Berg- und Reichsstraße, Bernhardstraße, Kaitzerstraße zwischen Zellesche- und Bismarckstraße, Hohestraße, Eisenstuckstraße zwischen Chemnitzer- und Bergstraße, Zelleschestraße zwischen Chemnitzer- und Bendemannstraße, Leubnitzerstraße, Schweizerstraße, Wielandstraße, Gartenstraße, Reichsstraße zwischen Reichs- und Bismarckplatz, Bismarckstraße, Bismarckplatz, Sidonienstraße, Wallstraße, Breitestraße, Zahnsgasse, Webergasse, Scheffelstraße, Quergasse, Promenaden zwischen Marien- und Kreuzstraße, Georgplatz, Neumarkt, Landhausstraße, Moritzstraße, Gewandhausstraße, Kaiser-Wilhelmplatz, Bautznerstraße zwischen Alaun- und Kurfürstenstraße, Glacisstraße, Kurfürstenstraße bez. -platz, Markgrafenstraße, Görlitzerstraße, Bischofsweg zwischen Försterei- und Kamenzerstraße, Kamenzerstraße, Louisenstraße zwischen Alaun- und Kamenzerstraße, Alaunstraße zwischen Louisenstraße und Bischofsweg. Die Anzahl der Candelaber beläuft sich auf 816. (DNN)"

Tja, Dresden wächst und gedeiht. Auch in und am Hechtviertel:

"Der erste rasche Anlauf zur Bebauung des großen Areals zwischen Großenhainer- und Hechtstraße ist geschehen. Zwei gewaltige Häuserblöcke steigen zwischen Bischofplatz und der Friedensstraße, zwischen Fritz-Reuter-Straße und Conradstraße auf, und der große Neustädter Friedhof ist bald ganz von Gebäuden umgeben. Nach Einlegung des Bahnstranges wird auch in Fortsetzung der Helgolandstraße die nördlicher liegende Flur in Angriff genommen werden. (DA)"

Und manches verschwindet mit lautem Knall:

"Gestern Mittag 1 Uhr wurde der auf dem Fabrikgrundstück des Seifenfabrikanten Gäbler in Löbtau, Plauenschestraße 3, stehende ca. 40 Meter hohe Schornstein durch eine Abtheilung Pioniere unter Leitung des Herrn Hauptmann Logaß gesprengt. Die Polizei hatte umfassende Absperrungsmaßregeln getroffen und die anliegenden Gebäude räumen, sowie die Fenster derselben öffnen lassen. Vom Hofe eines benachbarten Grundstücks aus wurden durch eine elektrische Leitung die in dem Schornstein befindlichen 6 Sprengstoffpatronen entzündet, ein dumpfer Knall erfolgte – leicht neigte sich der Ziegelkoloß nach der vorgesehenen Seite, der Weißeritz zu, und stürzte krachend in sich zusammen. Nachdem sich die gewaltige Staubwolke verzogen hatte, bemerkte man, daß die anstoßenden Häuser von einzelnen Ziegelstücken getroffen worden waren; die allerdings sehr weitgehenden Absperrungsmaßregeln, die vorerst zum Murren Anlaß gaben, waren also doch nicht unberechtigt gewesen. (DN)"

Nun hat der Brand der Kreuzkirche doch ein Todesopfer gefordert:

"Ein Opfer des Kreuzkirchenbrandes. Der Maurer Schmidt welcher, wie wir gestern berichteten, von herabfallenden Schuttmassen beim Abbruch der Kreuzkirchen-Ruine verletzt wurde, ist gestern in Folge schwerer Gehirnerschütterung gestorben. Der Mann war bekanntlich am demselben Tage erst in Arbeit getreten und hatte bis zum Frühstück gearbeitet. (DNN)"

Am heutigen Oster-Buß- und Bettag schweigen die Theater, wie auch alle anderen öffentlichen Veranstaltungen, mit Ausnahme der dem Ernst des Tages Rechnung tragenden, untersagt sind:

"K. Hoftheater Altstadt: Geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Geschlossen.
Residenz-Theater: Geschlossen."

Geschlossen sollten manchmal auch die Münder einiger Hausfrauen werden. Aber so lange sie uns was zu essen zaubern, können sie in der Küche babbeln so lange sie wollen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Fischsuppe. Ragout von Kalbszungen. Roastbeef mit Maccaroni. Nußtorte. – Für einfachere: Kartoffelsuppe. Leberknödel mit Sauerkraut. (DN)"

Radfahr´n oder Singen - Kann man nicht erzwingen:

"Der Hofopernsänger Schmedes ist von einem schweren Unfall betroffen worden. Beim Zweiradfahren in einer Radfahrbahn ist er gestürzt und hat einen zweifachen Beinbruch erlitten. (DNN)"

Was gab es noch für Fürchterlichkeiten:

"Auf dem Bahnhofsbau an der Pragerstraße stürzte gestern Vormittag der unverheirathete Zimmermann Wigelmann zwei Meter tief in den Keller hinab und brach einen Unterschenkel. Der Verunglückte wurde mittelst Droschke nach dem Stadtkrankenhause gebracht. (DN)"

Ich werde wohl nie begreifen, wie man eine defekte Gasleitung mit einer offenen Flamme absuchen kann:

"Gestern Abend gegen ½ 10 Uhr wurde die Feuerwehr nach dem Grundstücke große Plauensche Straße 17 gerufen, woselbst in einem Zimmer im zweiten Obergeschoß die Umhüllungen an zwei Gaskronenleuchtern in Brand gerathen waren. Aus dem nicht ganz dicht schließenden Kugellager des einen Leuchters war etwas Gas entwichen, das beim Ableuchten der Leitung nach der undichten Stelle explodirte und so den Brand veranlaßte. Infolge der explosiven Wirkung war außerdem die Stuccaturdecke an mehreren Stellen beschädigt worden. Die Feuerwehr hatte, da sie den unbedeutenden Brand schon von Hausbewohnern gelöscht vorfand, nicht mehr nöthig einzugreifen. (DA)"

Der Frühling naht, die Bühne ruft. Aber auch das Radfahren. Ich hoffe, dass ich sowohl das Eine wie auch das Andere auch dieses Jahr ohne Unfall meistere. Neben einer neuen Rolle auch einen neuen Drahtesel. Hmm. Nicht schlecht:

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Dienstag, 16. März 1897

Veränderliches Wetter ist angesagt:

"Unter ziemlich anhaltenden ausgebreiteten Niederschlägen – nur Leipzig meldet trübe und trocken – fand am 14. März eine Wärmeabnahme gegen den Vortag statt. Die Minima der Temperatur gingen von 1,5 Gr. (Dresden) herab bis – 4,5 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen + 3 und – 3 Gr. von denselben Stationen und das Maximum betrug nur 5,4 Gr. (Leipzig). Schneetiefen: Altenberg 7 Cmtr., Reitzenhain 58 Cmtr., Fichtelberg 120 Cmtr. England wird von einer Depression unter 745 Mm. bedeckt, welche bereits den westlichen Kontinent berührt und daselbst eine unregelmäßige Druckvertheilung hervorruft. Der hohe Druck, dessen Maximum im Nordosten lagert (Petersburg 768 Mm.) hat sich nach Südosten ausgebreitet, sodaß von Neuem eine östliche Strömung eingetreten ist, unter welcher theils wolkiges, theils nebliges vorwiegend trocknes Wetter herrscht, das auch so lange anhalten dürfte, als der tiefe Druck sich in nordöstlicher Richtung bewegt.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 8,5 Gr. Wärme, niedrigste 4 Gr. Wärme. Leicht bewölkt. Südostwind. (DN)"

Frau Schorsch ist wieder dorheeme:

"Ihre Königl. Hoheit Prinzessin Johann Georg ist gestern früh 7 Uhr 30 Minuten von Wien zurückgekehrt. (DN)"

Dafür ist Fritze August weg:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August begab sich am Sonntag Nachmittag, begleitet von den Herren Oberst d ´Elsa, Oberstleutnant v. Altrock und Premierleutnant v. Gerber, in dienstlicher Angelegenheit nach Marienberg. Die Rückkehr nach Dresden erfolgt heute. (DN)"

Die allerhöchsten Herrschaften treiben sich noch immer in Mentone und Umgebung rum. Da kann man ja einigen auserwählten Leuten die sonst für den Plebs nicht zugänglichen Schlossräume zeigen, zumal diese ja nach dem Umbau im gleißenden Licht erstrahlen:

"Eine Besichtigung der inneren Räume des Königlichen Residenzschlosses stand gestern Nachmittag durch die hiesige Vereinigung ehemaliger Schüler öffentlicher Handelslehranstalten statt. Die Paradegemächer öffnen sich nur sehr selten einmal für den gewöhnlichen Sterblichen, sodaß es interessant war, einmal diejenigen Räume kennen zu lernen, in denen im Winter die glänzenden Hoffestlichkeiten stattfinden. Man gelangt nach den Paradegemächern durch das vornehm in Weiß gehaltene imposante Treppenhaus, welches sich zwischen dem großen und kleinen Schloßhofe befindet. Die Treppe ist durchweg von weißem cararischen Marmor, während die Architektur in Rococo gehalten ist. Erwähnenswert ist hier ein lebensgroßes Gemälde des Kurfürsten Moritz von Sachsen. Zunächst betritt man die in vornehmer Einfachheit gehaltenen Entreezimmer, woselbst uns eine Anzahl vorzüglicher Gemälde, sächsische Fürsten und Fürstinnen darstellend, fesseln. Die reichvergoldeten Möbel sind hier mit grauer Seide bezogen. Dann gelangen wir nach dem kleinen Speisesaal, der sich besonders durch seine kostbaren alten Gobelins auszeichnet. Auch im anstoßenden großen Speisesaal bemerken wir herrliche alte Gobelins, die Möbel sind mit dunkelgrünem Damast bezogen und wundervolle venezianische Glaskronenleuchter spenden hier am Abend eine märchenhafte Lichtfülle. Hieran schließt sich der bei Hofbällen viel benützte Stucksaal, der seinen Namen von den ihn schmückenden reichen Stuckornamenten trägt, deren lichte Conturen einen außerordentlich freundlichen Eindruck machen. Die eleganten Möbel sind hier mit kostbarer alter Handweberei bezogen. An den Stucksaal stößt der erst kürzlich renovirte große Ballsaal, der sich durch ein mächtiges Deckengemälde auszeichnet. Auch die Wände zeigen wundervolle Gemälde und eine außerordentlich reich vergoldete Ornamentik. Die goldenen Möbel sind mit grüngepreßtem Plüsch bezogen. Fünf mächtige Krystallkronleuchter, zahlreiche Girandolen und Wandleuchter verbreiten hier ein wahres Meer von Licht. Nun gelangt man in das sogenannte Thurmzimmer, über dem sich der schlanke Schloßthurm erhebt und in dem sich eine außerordentlich seltene und kostbare Porzellansammlung befindet. Rothe Atlasmöbel und kostbare persische Teppiche vervollständigen hier die Ausstattung dieses Raumes. Ein Austritt führt vom Thurmzimmer aus nach der neuen, erst kürzlich entstandenen Galerie, durch welche die Paradegemächer eine willkommene Erweiterung erfahren haben. Der hier gewonnene Raum ist zu einem sehr behaglichen Plätzchen geworden. Imposant nimmt sich der mit 10 mächtigen Bronzekronen geschmückte Banketsaal aus. Die Architektur ist in Braun und Gold gehalten und die Wände zeigen prachtvolle Gemälde der sächsischen Geschichte. An den Banketsaal stößt der Eckparade- oder Thronsaal, in dem Ihre Majestäten der König und die Königin an jedem Neujahrstage die Graulationscouren entgegennehmen. Der Raum wirkt in seiner alten Rococoausstattung geradezu pompös. Bemerkenswerth ist hier ein Kolossalgemälde, August den Straken darstellend. Nachdem man einige kleinere Gemächer durchschritten hat, gelangt man in das sogenannte Wettinzimmer, dessen eine Wand die Bildnisse sämmtlicher sächsischer Fürsten in Form eines Stammbaumes zeigt. Ferner sind hier die Gemälde der Schlösser Albrechtsburg, Pillnitz, Wettin und Moritzburg an den Wänden angebracht. Die Ausstattung des Zimmers wurde dem Königspaare vom Landwirthschaftlichen Creditverein im Königreich Sachsen anläßlich des 800jährigen Regierungsjubiläums des Fürstenhauses Wettin gewidmet. Nachdem man die nun folgenden beiden sogenannten Kaffeezimmer passirt hat, deren Ausstattung außerordentlich vornehm wirkt – die Wände sind mit dunkelrothem Plüsch bezogen und mit kostbaren Gobelins und herrlichen alten Gemälden bedeckt, die Goldmöbel zeigen dunkelrothen Plüschbezug – gelangt man in den alten Thronsaal Augusts des Starken. Die wundervolle Ausstattung dieses Raumes legt noch heute Zeugniß von dem Geschmack jenes kunstsinnigen Fürstens ab. Die Tapeten sind hier mit echter Goldstickerei versehen und der Plafond schmückt ein riesiges Deckengemälde, ein Meisterwerk des vorigen Jahrhunderts. An den alten Thronsaal schließen sich eine Anzahl kleinere Gemächer, welche jetzt bei fürstlichen Besuchen als Fremdenzimmer Verwendung finden. Erwähnenswerth sind hier das Schlafzimmer des Königs Johann in chinesischer Ausstattung und die sogenannte Reitschule, ein freundlicher Raum, mit alten Gobelins geschmückt, auf denen Reiterscenen dargestellt sind. In einem der Gemächer bemerkt man auch das Kolossalgemälde der Gemahlin Augusts des Starken, Kurfürstin Eberhadine. Auffallend in allen Räumen die große Anzahl herrlicher alter Uhren, ebenso sind die Möbel von wirklich königlicher Pracht. (DNN)"

Bestaunt werden auch die Droschken zweiter Klasse. Und zwar alle dieser Fahrzeuge. Von der Obrigkeit:

"Die diesjährige allgemeine Besichtigung der Droschken II. Klasse ist auf Dienstag, den 4. Mai, und zwar Vormittags 7 Uhr für die Droschken mit den geraden Nummern 2 bis 230, Vormittags 8 Uhr für die Droschken mit den ungeraden Nummern 1 bis 231, Vormittags 9 Uhr für die Droschken mit den geraden Nummern 232 bis 470, Vormittags 10 Uhr für die Droschken mit den ungeraden Nummern 233 bis 471 festgesetzt worden. Zu diesen Terminen haben die Dresdner Droschkenbesitzer ihre Wagen auf den mittleren Kernplatz des kaiser-Wilhelm-Platzes auffahren zu lassen, auch persönlich sich einzufinden und dafür zu sorgen, daß die Droschken nebst den Geschirren zuvor in einen guten und reinlichen Zustand versetzt werden, sowie daß die Kutscher in der vorschriftsmäßigen Dienstkleidung erscheinen und auch die Tuchmäntel nebst den dazugehörigen Umhängen mit sich führen. Hindern besondere Gründe das persönliche Erscheinen eines der Besitzer bei der Besichtigung oder die Gestellung einer Droschke, so ist dies bis spätestens den 3. Mai 1897 Abends 6 Uhr im Polizeihauptgebäude an der Frauenkirche, Zimmer Nr. 44 anzuzeigen. (DNN)"

Auch in Striesen kann ein weiteres bauliches Meisterstück des Herrn Schümichen bestaunt werden:

"Herr Architekt und Baumeister Schümichen, der sich bereits bei Erbauung der „Alten Stadt“ hervorgethan, hat in der Teutoburgstraße einen Bau vollendet, der nach außen und innen prächtig durchgeführt ist. Insbesondere ist der Ausbau des Treppenhauses bis in das dritte Stockwerk ein Meisterstück, es besteht gleichsam in einer Reihe Loggien, die in einen Lichthof münden. Am Sonntag Mittag fand an Ort und Stelle eine kleine Feier statt, in der Herr Schümichen dem Besitzer, Herrn Kaufmann Troschütz, die Schlüssel übergab. Zahlreiche Herren wohnten dem Aktus bei und nahmen dann an der im Altstädter Logenhause arrangirten Tafel theil, die durch Trinksprüche und musikalische Darbietung belebt war. (DA)"

Nach 1945 weicht dem Staunen und das Entsetzen kommt. Denn dann wird nichts mehr von dieser Pracht übrig sein.
Nee, wir staunen nicht mehr und über das Entsetzliche lachen wir nur. Gemeint ist das Dilemma in der König-Johann-Straße, dass nun auch die "Dresdner Nachrichten" beschreibt:

"Von einem Anwohner der König-Johannstraße wird uns geschrieben: Eigentlich müßte man der zustehenden Verwaltungsbehörde, welche seinerzeit die unterirdische elektrische Leitung zu legen beantragt hatte, recht dankbar sein, denn solche genußreiche Stunden, die man seit dieser Zeit dort verlebt, kannte man früher einfach nicht. Die Kalamität z. B. am vergangenen Sonntag Abend hatte eine solche Menschenmenge dort angesammelt, daß thatsächlich ein Fortkommen um die genannte Zeit mit zu den unmöglichsten Dingen gehörte. Dafür hatte man aber einen herrlichen Anblick von oben herab. Gleich einer italienischen Nacht leuchteten in den verschiedensten Farben in einer endlos langen Reihe die Signal-Laternen der vielen dort stehenden Straßenbahnwagen. Daß es auch nicht zu ruhig zuging, dafür sorgte schon in ausgiebigster Weise das „liebe Publikum“. Ganz besonders lauten Beifall des letzteren errang sich das Personal eines gelben Straßenbahnwagens, indem dasselbe kurzer Hand seinen Wagen, der durch den verunglückten elektrischen zum Stehen gekommen war, aus den Schienen herauswippte, unter Assistenz des Publikums um das Hindernis herumbeförderte und bei bester Gelegenheit wieder in die Schienen brachte. Nach einem so verregneten Sonntag, wie gerade der vergangene es war und wo die Langeweile den Menschen bald umzubringen sucht, thut Einem eine so kleine Abwechslung wirklich gut; ganz abgesehen davon, daß durch den entstandenen Radau etwa schon Schlafende in der sanftesten Weise aus ihren holden Träumen gerissen worden sind. Ob die Königl. Sicherheitspolizei auf die Dauer mit diesen Straßen-Amüssements einverstanden sein wird, ist eine andere Frage. (DN)"

Und staunend stehen die Passanten am Elbweg bei Cotta. Ein Teil der Stützmauer hinter der "Constantia" ist eingestürzt:

"Cotta. In der Nacht zum Sonnabend stürzte ein Theil der etwa 8 m hohen Stützmauer, die sich am Wege nach dem Etablissement Constantia hinzieht, in einer Ausdehnung vielleicht 15 bis 20 m zusammen und verschüttete den genannten Weg. Von Personen wurde niemand verletzt. (DA)"

Und astonishedet sind wir über die Wortwahl der Berichterstattung über die Dresdner Fußballniederlage in Berlin, wobei der Fakt der Niederlage nicht gerade Erstaunen hervorrufen sollte:

"Berliner Fußballclub „Victoria“ contra Dresden. Am Sonnabend fand in Berlin ein Match zwischen den beiden obengenannten Mannschaften auf dem Spielplatz Victorias statt. Man sah mit Spannung diesem Spiele entgegen. Hatte doch vor zwei Jahren der Dresdner F. C. eine Mannschaft ins Feld gestellt, welche der Victorias ungleich überlegen war. Doch die Zeiten ändern sich. Denn während Victorias Mannschaft im Laufe der Zeit stärker geworden war, war die der Dresdner durch Ausscheiden alter Kräfte erheblich geschwächt. Nach 10 Minuten gelang es die Führung für die Berliner zu erringen. Victoria belagerte fast unaufhörlich das Goal der Gäste, doch gelang es Ersteren nur noch einmal, in der 1. Hälfte zu scoren. Nach der Pause gingen die Dresdner mit frischer Kraft vor und befanden sich eine Zeit lang in bedrohlicher Nähe des feindlichen Goals. Doch bald trat der status quo ante wieder ein und Victoria hatte die Genugthuung, noch vier weitere Goals zu erringen. (DNN)"

Schließlich war mancher sicherlich erstaunt, was für Preise auf dem Gebrauchtwagen-, quatsch Gebrauchtpferdemarkt gefordert oder geboten worden sind:

"An dem gestern (zum letzten Male in der vormaligen Artilleriekaserne, Hospitalplatz Nr. 6) hierselbst abgehaltenen Roßmarkt waren 118 Pferde, und zwar Luxus- und Arbeitspferde, zum Verkauf gestellt. Der Geschäftsgang und die Preise waren, der Jahreszeit angemessen, zufriedenstellend. (DN)"

Einmal staunen wir doch noch, über das, was uns morgen geboten wird:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit verlorenen Eiern. Zander gebacken mit Parmesankäse. Rennthierrücken mit Salat. Apfelsinenschnitten. – Für einfachere: Schwarzwurzelsuppe. Karpfen blau mit Buttersauce. (DN)"

Und warum staunen wir da? Über das üppige Mahl in beiden Klassen. Aber morgen ist ja Feiertag, der sogenannte Osterbußtag steht an.
Und das Theater bringt heute:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: 6. Sinfonie-Concert.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: John Gabriel Borkmann.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: ´s Nullerl."

Zunächst der amtliche Polizeibericht:

"Polizeibericht. Am Freitag gegen Abend ist am Terrassenufer ein 9 Jahre alter Knabe von einem hinter ihm weggelaufenen unbekannten Jungen mit einem Stocke in den Rücken gestoßen worden, so daß der Knabe kopfüber in die Elbe fiel. Auf den Hilferuf eines Augenzeugen ist der Kapitän eines in der Nähe befindlich gewesenen Dampfers Namens Zöpfel, in das Wasser gesprungen und hat mit eigener Lebensgefahr den Knaben, der nahe am Ertrinken war, gerettet. – Am Sonnabend nachmittag wurde auf der Reichsstraße ein 9 Jahre alter Knabe von einem Zweiradfahrer umgerissen. Das Kind erlitt an der Stirn eine bis auf den Knochen reichende Wunde. Den betreffenden Radfahrer trifft kein Verschulden. – Auf der Zwickauer Straße wurden am Sonnabend Nachmittag zwei vor einem Lastwagen geschirrte Pferde scheu und gingen durch. Als das Geschirr an der Bordkante des Fußweges dort anschlug, stürzte der Kutscher von seinem Sitze, wurde eine Strecke Weges geschleift und am Fuße überfahren. Der Mann erlitt verschiedene Quetschungen. (DA)"

Unfall Straßenbahn mit Kind. Es sah glücklicherweise schlimmer aus als es dann war:

"Gestern Abend in der 7. Stunde wurde auf der König-Johannstraße ein ungefähr 10jähriger Knabe von einem Motorwagen überfahren. Der betr. Knabe soll, wie Augenzeugen berichten, direkt in den Wagen hineingelaufen sein. Um den unter dem Wagen liegenden Knaben hervorzubekommen, mußte der Wagen erst ein Stück zurückdrigirt werden. In ein nebenliegendes Haus gebracht, erwiesen sich die Verletzungen des Knaben glücklicher Weise als nicht schwere, so daß er in seine Wohnung gebracht werden konnte. (DN)"

Arbeitsunfall in der Kreuzkirchenruine:

"In der Ruine der Kreuzkirche wurde gestern Vormittag ein Arbeiter durch herabfallendes Gestein derart am Kopfe verletzt, daß er mittelst Siechkorbes vom Platze getragen werden mußte. (DN)"

In den Dresdner Alpen fackelte eine Strohfeime ab, welche mit Sicherheit nicht von alleine in Brand geraten war:

"Gestern Abend gegen 10 Uhr wurde der Hauptfeuerwache I per Telephon der Ausbruch eines Feuers in Obergorbitz gemeldet. Das Brandobjekt, eine gegen 60 Centner Stroh enthaltende und dem dortigen Ziegeleibesitzer Kunath gehörige Feime, brannte völlig nieder. Das Feuer soll dem Vernehmen nach angelegt und der Brandstifter bereits ermittelt sein. Die von hier mit der Landspritze ausgerückte Feuerwehrabtheilung brauchte ebensowenig wie die aus Nachbargemeinden eingetroffenen Feuerwehren einzugreifen. Nur die Ortsfeuerwehr blieb längere Zeit zur Beobachtung des Brandes anwesend. (DA)"

Tassen und Teller mit dem Konterfei der Liebsten, das passende Geschenk:

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Montag, 15. März 1897

Wie üblich kein Montagswetter und nur ein kurzer Bericht aus dem Königshause:

"Bei Ihren Königl. Hoheiten Prinz und Prinzeß Friedrich August fand gestern Nachmittag 2 Uhr Familientafel statt, an welcher Ihre Kaiserl. Königl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana, Ihre Königl. Hoheiten Prinz Georg, Prinzeß Mathilde und Prinz Johann Georg theilnahmen. (DN)"

Der Termin für den Frühjahrsjahrmarkt wird veröffentlicht:

"Der erste diesjährige Dresdner Jahrmarkt findet am 29. und 30. März statt. (DN)"

Nach wie vor ist die unterirdische Stromzuführung für die Straßenbahn in der König-Johann-Straße für einen Lacher gut:

"Die unterirdisch elektrische Stromleitung in der König-Johannstraße giebt doch wiederholt zu bedeutenden Verkehrsstörungen Anlaß. Gestern Abend zwischen 9 und halb 10 Uhr war wieder an einem in der Richtung zum Pirnaischen Platz fahrenden Wagen der elektrischen Linie Altmarkt – Blasewitz mitten in der Straße ein Defekt entstanden, sodaß derselbe nicht weiterfahren konnte. Alsbald sammelten sich binnen einer halben Stunde ca. 40 Wagen, gelbe und rothe, im bunten Laternegemisch eine Linie vom Pirnaischen Platz bis zum Postplatz bildend, und alle konnten nicht weiterfahren, bis der defekte elektrische Wagen durch Menschenkraft beiseite geschoben war. Es war ein interessanter Korso ohne Blumen, der sich aber für die sämmtlichen Passagiere sehr verdrießlich gestaltete, da sich die Wagen nach und nach entleerten und die Insassen nach der Rückerhaltung des Fahrgelds ihr Ziel zu Fuß zu erreichen suchten. Man wird ganz ernstlich daran denken müssen, diese höchst verdrießlichen Verkehrsstörungen zu beseitigen. (DN)"

Da sollten sich die Herren Ratsmitglieder mal in das ständige Gewusel der König-Johann-Straße begeben. Jetzt waren sie aber erst einmal in Trachenberge:

"In Trachenberge besichtigte am Sonnabend eine größere Anzahl Dresdner Rathsmitglieder das ausgedehnte städtische Grundstück, den Marienhof. Auf demselben befindet sich zur Zeit die Kinderbesserungsanstalt. Das Grundstück erstreckt sich aber soweit nach dem Hellerberge zu, daß es sich ganz trefflich zur Aufnahme mehrerer anderer städtischer Anstalten eignet. Bei dieser Gelegenheit wurde von den Herren aus Dresden auch die Trachenberger Gemeindeschule einer Besichtigung unterzogen. (DA)"

Übrigens, warum heißt Trachenberge Trachenberge:

"Anläßlich der bevorstehenden Einverleibung von Trachenberge taucht vielfach bezüglich der Entstehung dieses Ortsnamens die irrthümliche Meinung auf, als wären dies die Berge, wo früher Drachen hausten. Damit aber hat der Name gar nichts zu schaffen. Vielmehr bedeutet zunächst der Name Trachau, abgeleitet vom slavischen doroga, das soviel wie Straße oder Weg heißt (czechisch dráha) so viel wie das Dorf am Wege, und die Gegend bei Trachau nach den Bergen hin erhielt später die mundgerechtere Form „Trachenberge“. Aehnliche deutsche Namen sind Straßberg, Straßenhäuser. – Der Ortsname Pieschen ist übrigens von dem slavischen pescina abgeleitet und bedeutet einen Sandweg oder eine Sandgegend. (DN)"

Das Kirchenkonzert des Konservatoriums findet aus gegebenem Anlasse in der Dreikönigskirche statt:

"Nachdem die Kreuzkirche, die bisherige Heimstätte der Kirchen-Konzerte des königl. Konservatoriums, durch Feuer zerstört worden ist, hat der Kirchenvorstand der Neustädter Dreikönigskirche genehmigt, daß das diesmalige Kirchen-Konzert am 18. März abends ½ 8 Uhr in diesem Gotteshause stattfindet. (DA)"

Die Theater müssen sich nicht, noch nicht, nach einen Ersatzbau umsehen:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Orpheus und Eurydike.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Maccabäer.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Wenden wir uns dem morgigen Speiseplan zu:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Grüne Suppe. Bratwurst mit Sauerkraut. Rindsrouladen mit Maccaroni. Reispudding mit Johannisbeersauce. – Für einfachere: Pichelsteiner Fleisch. (DN)"

Unfall auf dem Kurfürstenplatz:

"Am Sonnabend Abend halb 8 Uhr wurde auf dem Kurfürstenplatze, am Aufgang zur Albertbrücke, der 10jährige Knabe Natschka, Pohlandstraße, welcher einen kleinen Handwagen zog, von einem hinter einer Droschke fahrenden Radfahrer, der plötzlich ausbog, umgerissen und an der Stirn und über dem linken Auge verletzt. Rührend war es anzuhören, als dieser Kleine, dem das Blut über das Gesicht lief, seinem Helfer frug, ob er mit dem Leben davon kommen werde. Hierbei sei gleichzeitig bemerkt, daß dort an dieser belebten Stelle, mit den vielen Motorwagen, Kreuzungen etc. noch eine bessere Beleuchtung angebracht wäre, ganz besonders dürften in den Wintermonaten früh die spärlichen Laternen nicht schon im Finstern ausgelöscht werden. (DN)"

Was hat uns Onkel Schnörke mitzuteilen:

"Briefkasten.

*** A. Müller. „Seit einiger Zeit existirt in den meisten Restaurants und Gesellschafts-Etablissements die Sitte, daß die Damen für Benutzung des Oertchens „Hier“ 5 oder gar 10 Pfg. bezahlen müssen. Nach meinem Dafürhalten müßte doch ein Wrth verpflichtet sein, seinen Gästen, die sich mitunter Stundenlang in seinem Lokale aufhalten und sein Bier trinken, eine derartige Bedürfnißanstalt umsonst zur Verfügung zu stellen. Ich war z. B. vor Kurzem mit meiner Frau zu einem Gesellschaftsvergnügen, welches von Abend 6 – 3 Uhr dauerte, inzwischen hat meine Frau 30 Pfg. für diesen Zweck verausgaben müssen. In manchen solchen Lokalen sitzt eine arme Frau, die auf Reinlichkeit sehen soll, aber gewöhnlich stricken diese nur Strümpfe und kassiren die 5 oder 10 Pfg. wie es aber mit der Reinlichkeit aussieht, ist große Nebensache“. – Daß dies soweit gekommen ist, daran ist das Publikum zum großen Theil selbst schuld, indem es die Aborte oft in der rücksichtslosesten Weise verunreinigt. Wenn daher für die Beaufsichtigung und Reinhaltung ein geringer Obolus verlangt wird, ist dies gewiß im Sinne aller ordnungsliebenden Besucher beiderlei Geschlechts.

*** Nichte Carlo. „Mein Verlobter schenkte mir zu Weihnachten eine Nähmaschine. Jetzt, nachdem dieser das Verlöbniß ohne Grund gelöst hat und mit „einer andern“ geht, verlangt er die Maschine zurück. Als ich ihm vorhielt, daß ich diese behalte, da er mir doch das Eheversprechen gegeben, meint er, das gilt hier nichts, wir sind nicht in Amerika. Nun frage ich ganz ergebenst bei Dir an, ob ich dieses Geschenk herausgeben muß, und ob ich Ansprüche auf gebrochenes Eheversprechen machen kann?“ – ist der Rücktritt des Bräutigams vom Verlöbniß ohne Grund und ohne ihr Einverständniß erfolgt, so kann er die Geschenke nicht zurück fordern.

*** K. „Ist es richtig, daß der Schloßthurm 115 und der Kreuzthurm 110 Ellen hoch ist?“ – Der Schloßthurm ist 170 Ellen hoch, der Kreuzthurm ca. 160."

Zum montäglichen Schwof geht es heute nach Neudorf:

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Sonntag, 14. März 1897

Relativ warm, aber veränderliches Wetter ist für den heutigen Sonntag vorausgesagt:

"Bei vorwiegend heiterem Wetter fanden am Nachmittage des 12. März vereinzelt schwache Niederschläge statt. Die Minima der Temperatur lagen fast durchweg unter Null zwischen + 1 Gr. (Bautzen) und – 10 Gr. (Reitzenhain), die Tagesmittel betrugen 4 Gr. (Dresden, Bauten) bis – 2 Gr. (Fichtelberg) und das Maximum war 8,7 Gr. (Leipzig). Schneetiefe am Fuße des Gebirges 1 – 8 Cmtr., auf der Höhe 57 – 120 Cmtr. Da die Depression über der irischen See ziemlich unverändert fortbesteht und sich ein zweites Gebiet niederen Luftdrucks im südwestlichen Kontinent ausgebildet hat (Cherbourg 747 Mm.), so hält noch immer die vorwiegend östliche Strömung an, zumal von Südosten (Hermannstadt 765 Mm.) ein keilförmiger Ausläufer relativ hohen Drucks über Böhmen bis nach Sachsen hereinreicht. Das Maximum des Luftdrucks befindet sich fortdauernd im Nord-Nordosten (Haparanda 774 Mm.). In Sachsen haben während der Nacht Niederschläge stattgefunden, doch ist der Vormittag vielfach heiter verlaufen. Bei der Nähe und Ausbreitung des tiefen Drucks bleibt die Wetterlage fortdauernd eine unsichere.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 10,5 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Heiter. Südostwind. (DN)"

Bei Schorsch dem Älteren wurde getafelt:

"Gestern Nachmittag 5 Uhr fand bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Georg im Palais Zinzendorfstraße eine Tafel zu 16 Gedecken statt. (DN)"

Die alternde von und zu Toskana fuhr mal schnell zum Frühstück nach Prag:

"Ihre K. K. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana begab sich gestern früh nach Prag und kehrte Abends nach Dresden zurück. (DN)"

Der Prinzregent von Bayern hatte Geburtstag, deshalb wurde in die Gesandtschaft geladen. Zum Futtern:

"Der Königl. bayrische Gesandte Baron v. Niethammer gab am Freitag zu Ehren des Geburtstags des Prinzregenten Luitpold ein Festmahl. Einladungen waren an die Herren Staatsminister und das diplomatische Korps, die Generalität und den Oberbürgermeister von Dresden ergangen. (DN)"

Auf der Festung Königstein wird aufgerüstet. Mit der Vermehrung des Istzustands der Rekruten:

"Königstein. Se. Excellenz der Herr Kriegsminister von der Planitz weilt seit 8 Tagen auf hiesiger Veste. Man ist jetzt beschäftigt, die Wohn- und Schlafräume für das neue Bataillon, welches demnächst einziehen wird, mit de nöthigen Einrichtungsgegenständen zu versehen. (DA)"

Weil wir gerade beim Militär sind. Eine weitere und neue Militärkapelle wird aufgebaut. Die der 177er. Leiter wird Meister Röpenack:

"Der langjährige verdiente Leiter der Kapelle des 13. Jägerbataillons, Herr Musikdirektor Röpenack, übernimmt am 1. April die Kapelle des neu errichteten, hier in Garnison stehenden Infanterie-Regiments (12. Sächsisches) Nr. 177. Das Orchester wird in der Stärke einer großen Infanterie-Kapelle zusammengestellt werden. Die von Herrn Röpenack bisher innegehabte Stellung wird neu besetzt. Die Dresdner Garnison wird demnach nun 9 Kapellen verzeichnen, die Kapellen der beiden Grenadier-Regimenter, des Regiments Nr. 177, der Jäger, Schützen, Pioniere, der Gardereiter, Artillerie und des Train. (DN)"

Die neue Turnhalle an der Permoserstraße erheischt nach wie vor Aufmerksamkeit. Eine Besichtigung ist empfehlenswert:

"Die neuerbaute Turnhalle des Allgemeinen Turnvereins an der Permoserstraße wird, um den Vielen Anfragen bezüglich der Besichtigung Genühe zu thun, jeden Wochentag von 2 – 3 Uhr nachmittags für Besucher offen gehalten werden. Selbstverständlich ist während der Turnzeiten ebenfalls der Besuch gestattet. Es sei darauf hingewiesen, daß Mittwochs und Sonnabends während des Kinderturnens und Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags abends während des Männer- und Jugendturnens Gelegenheit geboten ist, sowohl die Turnhalle zu besichtigen als auch den Turnbetrieb kennen zu lernen. (DN)"

Auch wenn das Wetter noch Achterbahn fährt, der Frühling wird kommen und mit ihm die Baumblut. Und wo ist diese am besten zu bestaunen? Klar in Cossebaude und Umgebung. Also auf - zum Osterberg:

"Osterberg. Vor 4 Jahren kaufte Herr Ottmann, der weit und breit bekannte Bergwirth des Osterbergs bei Cossebaude, das damals sehr einfach angelegte Restaurationsgrundstück. Es wurden bedeutende Vergrößerungen durch Bau der Colonnaden, der Terrasse, eines schönen Gebäudes mit Saal, Fremdenzimmern und Aussichtsthurm geschaffen, sodaß wohl jetzt der Osterberg als schönster Ausflugsort unterhalb Dresdens links der Elbe und als einer der besten Aussichtspunkte gelten darf. Gerade in nächster Zeit wird ja bei irgend besserer Witterung dieser Punkt von Ausflüglern wieder ehr belebt werden, zumal zur schönen Baumbluth doch stets Tausende dahin ihr Ziel nehmen. Am Montag den 15. März feiert übrigens das Ottmann´sche Ehepaar (Die Gattin ist Muster-Gastwirthin) das Fest der silbernen Hochzeit und des 25jährigen Gastwirthsjubiläums. (DN)"

Ein weiten Weg kann man im Redlichhaus unternehmen. Aber nur im Guckkastenkino:

"In Fuhrmanns Kaiser-Panorama im Redlichhaus, Eingang Ringstraße (früher Moritz-Allee) ist von morgen Sonntag an Savoyen ausgestellt. Vor allem dürfte die naturgetreue Wiedergabe einer Besteigung des Mont-Blanc interessiren. Unter den Ansichten befinden sich solche von Chamounix, dem Baisson-Gletscher, vom Col de Balme, Saint Gervais, Annecy, Chambery, Bains etc. (DA)"

Auch das in der Marienstraße lockt mit interessanten Bildern:

"Von heute anstellt das Panorama international, Marienstraße (3 Raben) die erste Abtheilung der französischen Schweiz aus. Insbesondere sind Genf mit dem Genfer See, Zermatt, Montreux, Lausanne, Freiburg u. s. w., sowie die Alpengebiet des St. Bernard, Monte Rosa, das Aletschgletschers, Matterhorns berücksichtigt. (DA)"

Die großen Bühnen bieten uns:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Trompeter von Säckingen. Ballet-Divertissement.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Zopf und Schwert.
Residenz-Theater: nachmittags: Anfang ½ 4 Uhr: „Eine tolle Nacht“; abends: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Es folgt noch der morgige Speisezettel:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Gräupchensuppe. Ragout von Kalbszungen. Gerollte Kalbsnieren mit Selleriesalat. Gefüllte Omeletten. – Für einfachere: Rindfleisch mit Nudeln. (DN)"

Wer vermisst einen Ring und zwei Tauben:

"Polizeibericht. Am Freitag Abend wurde in der Pillnitzer Straße ein goldener, mit einer siebenzackigen Krone gravirter Ring gefunden. – Bei dem Ausschachten von Erde an der Schandauer Straße wurde am Donnerstag in der Tiefe von ungefähr 1 m ein menschliches Skelett  und ein Brotmesser gefunden. – In dem Vorsaale seiner auf der Kasernenstraße gelegenen Wohnung fand am 9 März abends ein hiesiger Einwohner ein Paar hellgraue Tauben, welche sich dahin verflogen hatten. Der Eigenthümer der beiden Thiere hat sich bisher noch nicht gemeldet. (DA)"

Ein Skelett und ein Brotmesser. Wenn das nicht verdächtig ist.
Was sagt die Feuerwehr:

"Gestern Abend gegen ¼ 10 Uhr und nachts kurz nach ½ 1 Uhr rückten Löschzüge der Feuerwehr nach den Grundstücken Güterbahnhofstraße 7 und große Frohngasse 18 aus. In ersterem waren in einem im Erdgeschosse befindlichen Altwaarengeschäfte, vermuthlich durch ein weggeworfenes noch glimmendes Streichholz veranlaßt, eine Anzahl Wäsche- und Kleidungsstücke, Regale, Stellagen und noch anderes in Brand gerathen. Die Feuerwehr löschte den Brand in kurzer Zeit mit einer Schlauchleitung vom Straßenfeuerhahne, hatte aber mit den Abräumungsarbeiten noch eine Stunde thätig zu sein. Der einige hundert Mark betragende Schaden dürfte dem von dem Brand betroffenen durch Versicherung gedeckt werden. Der nach dem anderen Grundstück erfolgte Alarm betraf einen Abraumbrand. Auf die eiserne Abdeckung der in der Hausflur gelegenen Aschegrube war ein Haufen Papier- und Dekorationsabfälle gebracht worden, der vermuthlich durch einen weggeworfenen noch brennenden Gegenstand in Brand gerathen war. Die Feuerwehr hatte in diesem Falle, da sie den Brand bei ihrem Eintreffen bereits gelöscht vorfand, nicht mehr nöthig einzugreifen. (DA)"

Wobei wir bei der Feuerwehrstatistik wären:

"Im Monat Februar wurde die Feuerwehr 28 mal alarmirt und zwar zu 20 wirklichen und 6 muthmaßlichen Bränden in der Stadt und zu einem wirklichen und einem muthmaßlichen Brande auf dem Lande. Bei vier Bränden in der Stadt kam die städtische Wasserleitung, in einem Falle mit acht Schlauchleitungen (einschließlich zwei Leitungen von der Dampfspritze der Garnisonfeuerwehr und bez. zwei Privatleitungen) zusammen 117 Stunden 20 Minuten, in einem Falle mit zwei Schlauchleitungen je zehn Minuten, in einem Falle mit zwei Schlauchleitungen zehn und fünf Minuten und in einem Falle mit einer Schlauchleitung zwei Minuten in Anwendung. Das hierbei verbrauchte Wasser beziffert sich auf circa 1466 cbm. Bei dem Großfeuer – Kreuzkirche – war außer der reqirirten Garnisonfeuerwehr auch die freiwillige Feuerwehr Vorstadt Striesen thätig, während eine von Deuben eingetroffene Abtheilung der dortigen freiwilligen Feuerwehr nicht in Thätigkeit zu treten brauchte. Alle übrigen Brände waren nur geringfügiger Art. Außerdem wurden der Feuerwehr noch nachträglich 22 Brände zur Anzeige gebracht, so daß in der Stadt überhaupt 42 Brände stattgefunden haben. Die übrige Thätigkeit der Feuerwehr für Behörden, Private im Interesse des Löschwesens u. s. w., einschließlich 1695 Stunden bei Bränden, beziffert sich auf 29.971 Stunden. (DA)"

Aus der humoristischen Sonntagsbeilage der "Neuesten Nachrichten". Und, hat sich daran bis heute was geändert?

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Sonnabend, 13. März1897

Ein Witterungswechsel ist wiederum zu befürchten. Na ja:

"Eine westliche Strömung brachte am 11. März bei abermals wenig veränderter Temperatur und wechselnder Bewölkung bis – 6 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen + 4 Gr. und – 4 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug 8,8 Gr. (Leipzig), Schneetiefe zwischen 400 und 500 Mtr. Seehöhe 2 – 11 Cmtr., im Gebirge 57 – 120 Cmtr. Bei gleichzeitiger Vertiefung hat sich die Depression im Westen nach dem irischen Meer herein verlegt und breitet sich in südöstlicher Richtung bis nach West-Deutschland aus. Auch im Südosten hat eine erneute Abnahme des Luftdrucks stattgefunden und stehen beide Gebiete niederen Drucks durch einen schmalen Rücken in Verbindung, welcher den hohen Druck im Norden (Haparanda) 777Mm.) von der zweiten Maximalzone im Süden (Triest – Prag 766 Mm.) trennt. Zunächst hat sich durch die Ablenkung der Winde nach dem westlichen Minimum eine südöstliche Strömung eingestellt und mit ihr heiteres Wetter mit stellenweise leichtem Frost am Morgen. Die rasche Ausbreitung des tiefen Drucks nach dem centralen Kontinent läßt bereits wieder einen Witterungswechsel befürchten.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 10 Gr. Wärme, niedrigste 1 Gr. Wärme. Früh Nebel, dann heiter. Süd-Südostwind. (DN)"

Heute gibt es gar nicht viel zu berichten. Zunächst eine kleine Meldung vom Hofe:

"Ihre Kaiserl. Königl. Hoheiten die Frau Großherzogin von Toskana und Prinzessin Friedrich August besuchten gestern Vormittag das Magazin des Hoflieferanten Olivier."

Dann ist der städtische Rat auf der Suche nach ordentlichen Dampfspritzen:

"Am vergangenen Sonnabend ist der städtische Tiefbauausschuß nach Bautzen gereist – nicht um, wie ein hiesiges Blatt meldete, die Bautzner Feuerlöscheinrichtungen zu besichtigen, sondern um eine außergewöhnlich leistungsfähige für eine ausländische Stadt bestimmte Dampfspritze, die in einer dortigen Maschinenfabrik fertiggestellt war, in Augenschein zu nehmen und sich vorführen zu lassen. Die Probe ist sehr befriedigend ausgefallen. Man wird dem Vernehmen nach auf Anschaffung einer Anzahl Dampfspritzen zukommen und zwar insbesondere im Hinblick darauf, daß für die Höhenlagen, bis zu welcher sich die Stadt ausdehnt (Räcknitzer Höhe etc.), der Druck der Wasserleitung naturgemäß nicht mehr ausreichend sein kann."

Und es gibt noch anderen Zirkus:

"Im Circus Krembser gelangt in der heutigen Gala-Vorstellung eine einaktige Ballet-Pantomime „Die Statue der Venus“ betitelt, erstmalig zur Aufführung. Dieselbe ist vom Königl. italienischen Hofballetmeister Herrn Tignani arrangirt und vom Dir. A. Krembser inscenirt. Die 40 wilden Weiber treten sowohl heute als morgen in beiden Vorstellungen auf. Nachmittags halb 4 Uhr hat jeder Besucher wiederum das Recht, ein Kind unter 10 Jahren frei in den Circus zu führen. (DN)"

Wie auch Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 6 Uhr: Die Walküre.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: John Gabriel Borkmann.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Und am morgigen Sonntag wird uns ein feines Mittagessen gezaubert:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Blumenkohlsuppe. Russischen Aspic mit Kaviar. Rindslende mit Spargel. Gebratene Schnepfen mit Kompot und Salat. Eistorte. – Für einfachere: Suppe mit Grießnocken. Kalbskeule mit Kirschenkompot. (DN)"

Die Polizei hat uns auch etwas zu melden:

"Polizeibericht. Ein 15jähriges, aus Böhmen kommendes Mädchen, das in der Nähe der Reißiger- und Kreutzerstraße kleinen Kindern Geld abgelockt hat, wurde polizeilich ermittelt und festgenommen. Von der Kriminalpolizei sind derselben 10 Fälle nachgewiesen worden. Ueber zwei Fälle, in denen die Kinder einmal 50 Pf. und einmal 2 Mk. in einer der Nachbarstraßen abgenommen haben will, liegen jedoch keine Anzeigen vor, weshalb die Eltern der bestohlenen Kinder ersucht werden, sich möglichst bald an die Kriminalabtheilung der hiesigen königlichen Polizeidirektion zu wenden. – Kurz vor der Stadtgrenze, nach dem Vororte Plauen zu, ist heute vormittas 9 Uhr ein 44 Jahre alter, schon 20 Jahre lang bei der Eisenbahn beschäftigter Streckenarbeiter bei Ueberschreitung der Gleise, als zwei Eisenbahnzüge sich kreuzten, von der Maschine des einen erfaßt, ein Stück geschleift und getötet worden. – Heute früh ½ 6 Uhr ist in der Pfotenhauerstraße eine 84 Jahre alte, seit längerer Zeit geistesschwache Wittwe aus einer im vierten Stockwerk gelegenen Schlafkammer nach Oeffnung des Fensters, wobei sie annehmbar das Gleichgewicht verloren hat, hinab auf die Straße gestürzt. Man fand sie vor dem Hause auf dem Fußwege tot vor. (DA)"

Und in Löbau, da geschah eine ruchlose Untat:

"Löbau. Gegen einen hiesigen Einwohner, der gelegentlich eines öffentlichen Maskenballes in der Verkleidung eines Geistlichen aufgetreten ist und als solcher kirchliche Gebräuche nachgeahmt haben soll, ist wegen Verlästerung und Verächtlichmachung kirchlicher Einrichtungen Strafanzeige erstattet worden."

Der Schulanfang steht vor der Tür und was benötigt man dazu? Richtig. Eine heute so heißende Zuckertüte für die ABC-Schützen:

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Freitag, 12. März 1897

Vormittags Regen, nachmittags Regen. Aber vielleicht kommt über Mittag ein klein wenig die Sonne durch:

"Der 10. März brachte bei geringer Wärmezunahme und wechselnder Bewölung vorwiegend trocknes Wetter. Die Minima der Temperatur lagen zwischen 3 Gr. (Dresden) und – 8 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe betrugen 4 Gr. an den tifer gelegenen bis – 4 Gr. an den Hochstationen; das Maximum wurde in Leipzig mit 8,3 Gr. erreicht. Schneetiefe im Gebirgsfuß 2 – 5 Cmtr., auf dem Kamme 53 – 120 Cmtr. Von dem Minimum des Luftdrucks über dem nordwestlichen Irland und Schottland erstreckt sich im Kugelförmigen Ausläufer relativ niedrigen Drucks über Nord-Deutschland bis nach Schlesien herein und auch im Südosten ist noch ein Rest der bisherigen Depression vorhanden. Im Südwesten und Nordosten des Witterungsgebietes lagert hoher Druck über 770 Mm., welcher sein Maximum mit 778 Mm. bei Haparanda erreicht. Das flache Theilminimum im Norden von uns lenkt am Morgen eine nordwestliche Strömung herein, welche unter trübem, kühlem Wetter Niederschläge bringt. Im Uebrigen dürfte die Wetterlage allmählich wieder zu abnehmender Bewölkung und Trockenheit neigen.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 7,5 Gr. Wärme, niedrigste 3 Gr. Wärme. Vormittags Regen, Mittags bedeckt, Nachmittags aufheiternd, dann Regen. Nordwestwind. (DN)"

Ihre allerhöchsten Herrschaften wandelten in Nizza:

"Ihre Majestäten der König und die Königin zeichneten am Mittwoch in Nizza die von Heinemann in München arrangirte Kunstausstellung durch längeren Besuch aus. (DN)"

Klein Albert beendet sein Studium:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Albert tritt nach Beendigung seiner Studien in Leipzig demnächst wieder zur Dienstleistung im hiesigen Jäger-Bataillon ein. (DN)"

Und auch Frau Schorsch kommt wieder zurück:

"Ihre Königl. Hoheit die Frau Prinzessin Johann Georg kehrt Montag früh halb 7 Uhr von Wien nach hier zurück. (DN)"

In der Ruine der Kreuzkirche glimmt es noch immer:

"Täglich werden Fuhren Schutt, Holz, Kupfer- und Eisentheile von der Brandstätte der Kreuzkirche weggefahren, Noch jetzt stoßen die mit den Aufräumungsarbeiten Beschäftigten auf Stücke glimmenden Holzes, sodaß zeitweilig Rauchwolken aufsteigen. (DN)"

Gegen Feuersbrünste hat ein bekannter Geschäftsinhaber die pfiffige Idee. Eine Kombination von Schlauchwagen für den Garten mit Hydranten:

"Gerade zur rechten Zeit, wo die Gemüther durch das Brandunglück unserer schönen Kreuzkirche etwas ängstlich geworden sind, bringt das Gummi-Waarenhaus Carl Weigandt einen Apparat, der nach zweierlei Richtung äußerst praktisch zu sein scheint. Diese neue Universal-Schlauchrolle und Feuerlösch-Apparat, „Neptun“ genannt, ist für Gartenbesitzer einmal eine leicht transportable und äußerst praktische Schlauchwinde zum Besprengen des Gartens und für das Grundstück selbst im Innern und Aeußern als ein sofort in Thätigkeit tretender Feuerhydrant zu benutzen. Für alle Fabriken aber, ferner für Theater, Concertsäle, Hotels, Krankenhäuser, Kirchen, kurz für alle Gebäude, in welchen ein lebhafter Menschenverkehr stattfindet und welche große Werth- und Kunstgegenstände bergen, ist dieser neue Apparat „Neptun“ ein von den Sachverständigen anerkannter neuer praktischer und einfacher Löschapparat. „Neptun“ zeichnet sich von allen bestehenden Löscheinrichtungen besonders dadurch aus, daß er jeder Zeit, ohne Herbeiholen und Anschrauben von Schläuchen und unter Vermeidung jeder Panik, nur durch das Aufdrehen des Wasserhahns in Thätigkeit und nur von einer Person, ja selbst von einem Kinde in Function gesetzt werden kann. Ein solcher Apparat ist zur Zeit in dem genannten Geschäft König-Johannstraße 19 im Schaufenster aufgestellt und erregt durch seine große Einfachheit und in die Augen springende praktische Verwendbarkeit allgemeines Aufsehen. Wegen näherer Auskunft und namentlich bei größerem Bedarf wende man sich an das Comptoir genannter Firma, Johannstraße 12, 1., welche den Alleinverkauf für ganz Deutschland inne hat und überall Vertretungen anstellt. (DNN)"

Die Hebestelle an der Ecke Schäfer- und Waltherstraße verschwindet:

"Ein Stück der alten, jetzt aber durch Bahn-, Hafen-, Markthallen- und anderen Neubauten bedeutend verschönerten Friedrichstadt, das Einnehmerhaus am Brießnitzer Schlage, verschwindet jetzt, wie vor etwa acht Jahren das Gegenstück hierzu am Löbtauer Schlage niedergelegt wurde. Der Abbruch erfolgt auch hier deshalb, weil sich die bebaute Fläche der Dresdner äußeren Grenzgegend immer mehr ausdehnt. Der Wirkungskreis des ehemals dort befindlichen städtischen Einnehmers ist jetzt des Hafenverkehrs halber bis nach der Kreuzung Hamburger Straße – Cottaer Flügelweg (Hafenstraße) versetzt worden. (DA)"

Der Wasserstand der Elbe ist weiter gefallen und nun ist nur noch die Anlegestelle in Briesnitz nicht nutzbar:

"Von morgen, Freitag, an können die Dampfer der Sächsisch-Böhmischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft an den Stationen Hosterwitz und Waldschlößchen wieder landen, und es kann somit nur noch an Station Brießnitz nicht angelegt werden. Es steht jedoch zu erwarten, daß auch dies noch im Laufe des morgigen Tages möglich wird. Der Verkehr erstreckt sich dann wieder auf sämmtliche Stationen der ganzen Strecke Leitmeritz – Dresden – Mühlberg. (DA)"

Die Lehmgruben um Dresden bargen immer wieder neue Überraschungen:

"Birkigt. Beim Abgraben von Lehm in unserer Ziegelei stießen die Arbeiter auf die Ueberreste zweier Mammuthe, eines alten und eines jungen. Nach der Stellung der Thiere ist anzunehmen, daß hier ein Sumpf gewesen ist, durch welchen ein schmaler Pfad führte. Das Junge scheint nun vom festen Wege ab in den Sumpf gekommen zu sein. Das Alte, um zu helfen, ist wahrscheinlich neben ihm eingesunken und beide Thiere sind elend zu Grunde gegangen. Bedauerlich ist, daß die Arbeiter die Knochenüberreste nicht geschont haben. Einzelne Theile sind hierhin, die anderen dahin gekommen. Sodaß es kaum möglich sein wird, die Gerippe wieder vollständig zu erhalten. (DNN)"

Schade. Nicht mal eine Suppe konnte man aus den Knochen fabrizieren, dafür lagen diese schon zu lange in der Erde. Also gibt es morgen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Kartoffelsuppe. Mayonnaise von Hummer. Gefüllte Kalbsschulter mit Salat. Arme Ritter. – Für einfachere: Milchhirse. (DN)"

Was wird uns heute auf den Bühnen geboten:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die lustigen Weiber von Windsor.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Zum ersten Male: John Gabriel Borkmann.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Aufregung in der Weißeritzstraße:

"In der Weißeritzstraße wurden gestern Vormittag in der 10. Stunde die Pferde eines dem Fuhrbesitzer Jank gehörigen Geschirrs scheu. Die Thiere rasten auf dem Fußsteige der Seminarstraße entlang und blieben schließlich, nachdem sie einen Kandelaber umgerissen, an einer Straßenpumpe hängen. Verletzt wurde Niemand. (DN)"

Amtlich wird uns gemeldet:

"Polizeibericht. In einer Maschinenfabrik der Leipziger Vorstadt wurde am Montag einem 15 Jahre alten Lehrling infolge eigenes Versehens ein Finger der linken Hand vollständig zerquetscht. – Auf einem Hausneubaue stürzte am Montag Nachmittag ein 21 Jahre alter Zimmerer infolge Zusammenbruches eines von ihm betretenen Brettes aus dem zweiten Stockwerke durch die Balkenreihe des ersten Obergeschosses auf die Kellerwölbung. Dadurch erlitt der Arbeiter innere Verletzungen, die am Mittwoch Nachmittag seinen Tod herbeiführten. – Im Vorraume des kaiserlichen Postamtes in Vorstadt Strehlen fand am Dienstag Abend ein dort wohnhafter Kaufmann eine Brieftasche mit zwei Hundertmarkscheinen und einigem anderen Inhalt, die er unverweilt in der nächsten Polizeibezirkswache niederlegte. – In einem Damenkonfektionsgeschäfte auf der Waisenhausstraße wurde im August oder September v. J. eine goldene Damen-Remontoiruhr mit Schnur gefunden. Die Uhr, welche zwei verschlungene Buchstaben zeigt, wurde bis jetzt nicht zurückgefordert, und es ist nunmehr hierüber Meldung an die Behörde erstattet worden. (DA)"

Radebeul, Radeberg, Radeburg? Es ist schon ein Kreuz mit den ganzen "Rades". Und eine Verwechslung kann tragisch enden. Ist aber noch einmal gut gegangen:

"Radeberg. In der Nacht zum Sonntag hatte ein in Radebeul bedienstetes Mädchen in Dresden den Schlesischen mit dem Leipziger Bahnhof verwechselt und war mit dem letzten Nachtzuge anstatt nach Radebeul nach Radeberg gekommen. Da der nächste Zug zur Rückfahrt nach Dresden erst am anderen Morgen ging, wollte sich das Mädchen in die Stadt begeben, wandte sich aber irrthümlicherweise nach dem ehemaligen fiscalischen Wasserhebewerke und stürzte in der Dunkelheit in die angeschwollene Röder. Durch einen gegen 1 Uhr zufällig vorübergehenden jungen Mann, der Klagetöne vernahm, wurde man auf die Unglückliche aufmerksam, und es gelang dem Nachtschutzmann Herrmann, die auf dem Wasser treibende Person bis ans Ufer zu bringen. Mit Hilfe einer Anzahl junger Männer, die aus der Nähe herbeigeeilt waren, brachte man das nur noch schwach athmende Mädchen nach dem nahen „Kaiserhofe“, woselbst sofort Wiederbelebungsversuche angestellt wurden, die auch von Erfolg waren. Später wurde die Verunglückte nach dem Krankenhause übergeführt, aus welchem sie nunmehr genesen entlassen werden konnte. (DNN)"

Schließlich noch der Bericht der Feuerwehr:

"Gestern Abend kurz nach ¾ 11 Uhr rückte ein Löschzug der Feuerwehr nach dem Grundstücke Fichtenstraße 9 aus, woselbst in dem Schornstein einer Fleischwaaren-Räucherkammer der Glanzruß in Brand gerathen war. Der durch den Brand veranlaßte Schaden war nur unbedeutend. Die Unterdrückung des Brandes beanspruchte eine längere Thätigkeit der Feuerwehr. (DA)"

Ein typischer Hausmeisterposten wird angeboten. Wäre das nicht was:

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Donnerstag, 11. März 1897

Immer noch kein schönes Wetter in Sicht:

"Bei abermals wenig veränderter Temperatur gegen bisher war das Wetter am 9. März vorwiegend trübe und von zeitweisen schwachen Niederschlägen begleitet. Nachtfrost trat nur im Gebirge ein. Die Minima gingen von 3 Gr. (Dresden) herab bis – 5 Gr. (Fichteberg)); die Mittelwerthe lagen zwischen + 4 Gr. und – 1 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug 6,3 Gr. (Dresden). Schneetiefe am Fuß des Gebirges 4 – 8 Cmtr., auf der Höhe 54 – 120 Cmtr. Bei weiterer Vertiefung der nordwestlichen Depression hat sich der tiefe Druck über die westliche Hälfte des Continents ausgebreitet und bringt bereits zunehmende Temperatur und Niederschläge daselbst hervor. Von Nordosten her besteht der hohe Druck im Osten ziemlich unverändert fort und mit ihm das zwar vorwiegend trübe, aber trockne Wetter ohne wesentliche Temperaturänderung. Bei weiterer Ausbreitung des tiefen Drucks in östlicher Richtung wird jedoch auch die Wetterlage bei uns wieder unsicher.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 10 Gr. Wärme, niedrigste 4 Gr. Wärme. Bedeckt. Südostwind. (DN)"

Aber unseren reiselustigen Majestäten, denen geht es gut:

"Die von Kap Martin eingetroffenen, vom 8. März datirten Nachrichten melden wiederum erfreulicherweise, daß Ihre Majestäten der König und die Königin sich fortgesetzt bei bestem Wohlsein befinden. Die Ausflüge, welche täglich unternommen werden, bekommen Ihren Majestäten vortrefflich, und obwohl das Wetter etwas kühl ist, ist es im Allgemeinen doch schön und zum Aufenthalt im Freien günstig. Am 2. März Nachmittags erschien Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich zu einem längeren Besuche bei den sächsischen Majestäten, welche sich alsdann in das Turner Thal begaben, dessen wildromantischer Charakter einen schroffen Gegensatz zu der leiblichen Schönheit des Küstenlands bildet. Tags darnach folgten beide Majestäten einer Einladung Ihrer Königl. Hoheiten des Fürsten und der Frau Fürstin von Hohenzollern zum Frühstück in San Remo. Am 4. März stattete Se. Majestät der König Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich einen Besuch ab und nahm die Aufwartung Sr. Kaiserl. und Königl. Hoheit des Erzherzogs Otto entgegen. Am folgenden Tage empfingen beide Majestäten den Besuch Ihrer Majestät der Kaiserin Eugenie und begleiteten dieselbe in ihre am Cap Martin gelegene Villa. Im Laufe des Nachmittags erschienen Se. Königl. Hoheit der Herzog von Cambridge und Se. Hoheit der Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein beim Königspaare. An diesem Tage waren auch der frühere Maste von Mentone, Mr. Lourenti, und der italienische Vicekonsul Bosano, sowie am folgenden Tage aus Dresden der Generalleutnant z. D. Müller v. Berneck nebst Gemahlin, der Polizeipräsident Le Maistre und der Major z. D. v. Haugk mit Einladungen zur Tafel ausgezeichnet worden. Am vergangenen Sonnabend unternahmen Ihre Majestäten einen Ausflug nach Monte Carlo, wobei Se. Majestät der König dem früheren großbritannischen Botschafter in Berlin, Sir Malet, einen Besuch abstattete und dessen Besitzung nahe bei Monte Carlo besichtigte. Tags darauf waren die Gemahlin des Königl. sächs. Generalmajors z. D. von der Planitz nebst Tochter zum Frühstück, der Herzog und die Frau Herzogin von Rutland nebst zwei Töchtern zum Nachmittags-Thee, sowie der Präfekt des Alpes maritimes, Mr. Henry, der Gouverneur von Nizza Generalleutnant Mr. Gevhard und der Kaiserl. deutsche Konsul in Nizza Frhr. v. Redwitz zum Diner eingeladen worden. Am Montag nahm Se. Königl. Hoheit der Fürst von Hohenzollern bei Ihren Majestäten das Frühstück ein, zu dem auch der Bischof von Nizza mit Einladung beehrt worden war. (DN)"

Aha. Fritze August war darum nicht im Theater. Er futterte sich bei seinen Soldaten, natürlich bei den höheren Chargen, durch:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August nahm vorgestern das Diner im Offizierskasino des Leibgrenadierregiments Nr. 100 ein. (DN)"

Seine Gattin und deren Mutter taten etwas für ihre Gesundheit. Zumindest sollte es so sein:

"Mit ihrer erlauchten Mutter, der Frau Großherzogin von Toskana, gebraucht jetzt auch Ihre Kais. Und Königl. Hoheit Frau Prinzessin Friedrich August eine Kur in dem medicomechanischen Institut des Herrn Medizinalrath Dr. v. Reyher. (DN)"

Diese Presseschau ist nach wie vor geschichtlich zu sehen. Nicht dass einer annimmt, ich hätte den Verstand verloren:

"Daß eine „Mohrenwäsche“ nicht immer ein undankbares Geschäft zu sein braucht, zeigt ein in dem Schaufenster der Drogen-, Farben- und Parfümeriehandlung von Emil Thümler, Christianstraße 26 hier, zu reklamezwecken aufgestelltes mechanisches Tableau. Dasselbe hat die Form eines kleinen Schränkchens und führt dem Beschauer ein Badezimmer vor, in dem neben einer besonders tiefen Badewanne eine mit Schwamm und Seife ausgerüstete Frau sitzt. Von Zeit zu Zeit öffnet sich im Hintergrunde eine Thür, und durch diese tritt in paradiesischem Badekostüm ein Mohrenknabe ein, der sofort in die Wanne hinabsteigt, um einen Moment später neben der „Waschfrau“ wieder aufzutauchen. In die Letztere kommt jetzt Leben, sie hebt den Arm und bearbeitet mit ihrem Schwamm den Niggerspößling so energisch, daß sich derselbe nach wenigen Augenblicken in tadelloser Weise präsentirt. Die Seife der Firma Emil Thümler hat ihre Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen, und – das Spiel beginnt von Neuem. (DN)"

Nachdem die Personenschifffahrt schon läuft, nimmt nun auch die Frachtschifffahrt und die Flößerei, wenn auch langsam und mit Hindernissen, wieder Fahrt auf:

"Aus dem oberen Elbthale, 9. März. Nachdem nun der Wasserstand des Elbstromes nicht unbedeutend zurückgegangen, hat man auch mit der Berfrachtung der Sandsteinkähne (Zillen) begonnen. Am Montag sind von Herrnskretschen die ersten Prahmen für heuer abgesetzt worden. Sie landeten jedoch in Königstein, Schandau und Postelwitz wieder, weil der Strom noch zu viel Schnelle hat. Die Nachfrage nach Floßholz und gewöhnlichem Sandsteinmaterial ist zur Zeit lebhaft. Leider sind infolge des vollschiffigen Wasserstandes und der großen Anzahl leerer Schiffe die Frachten an den böhmischen Umschlageplätzen sehr niedrig geworden. – De zwischen Schandau und Krippen befindliche sogenannte „Verbindungsfähre“ ist kürzlich auf weitere sechs Jahre anderweitig verpachtet worden. Der neue Pächter giebt 50 Mk. mehr, als der jetzige. Am Revisions- und Abfertigungsplatze Krippen sind zur Zeit sieben sächsische und ein österreichischer Zoll- und Grenzbeamter angestellt. – Station Schöna passirten vom 22. Februar bis mit heute Abend 258 befrachtete Schiffe und 6 böhmische Flöße. (DA)"

Ein Jubiläumstag steht bekanntlich an. Wie wäre s mit einem "Andenken" von diesem:

"Fein emaillirte Kaiserbecher zur 100jährigen Geburtstagsfeier des unvergeßlichen Kaiser Wilhelm´s des Großen, sehr geschmackvoll emaillirt und gemalt mit dem Bildniß des Schöpfers des Deutschen Reichs, der Kaiserkrone mit dem verschlungene W. R, dem deutschen Adler und den Jubiläumszahlen 1797 bis 1897 geziert, sind in der Heimstätte aller Neuheiten, in der Galanterie-Waaren-Handlung von Carl Horn, Frauenstraße 4, soeben erschienen und als hübsches Andenken an den 22. März 1897 sehr empfehlenswerth. – Als Meß-Neuheit ist in derselben Handlung soeben eine niedliche Wiener Spielerei „Selbst-Kinematograph“ erschienen, die Stadien eines „Ehepaares in den Flitterwochen“ in lebendiger Bewegung darstellend. (DN)"

In Übigau wurde ein Fuchs gefangen. Dieser mit Halsband. Was es nicht alles so gibt:

"In Uebigau wurde in der Nacht zum Sonntag in einer Thierfalle ein Fuchs gefangen, der einen Gurt mit Kettchen um den Leib trug und vermuthlich aus einem Gute entkommen war. (DN)"

Also dieser Fuchs kommt somit nicht auf den Tisch. Es gibt morgen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe von durchgestrichenen grünen Erbsen. Hecht mit Butter und gehacktem Ei. Kapaun gebraten mit Salat. Omeletten á la minute. – Für einfachere: Fleischklöschen mit Kartoffelsalat. (DN)"

Bleibt noch der Blick ins Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Das Rheingold.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 7 Uhr: Hamlet.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Und auch die Polizei meldet uns etwas:

"Polizeibericht. Seit einiger Zeit tritt hier eine Betrügerin auf, welche sich die Namen Büttner, Rüger, Weber, Richter Eckart und Enger beilegt und unter Weinen und Schluchzen und unter der Angabe, sie sei aus Leipzig oder Großenhain zu Besuch nach Dresden gekommen und habe ihr Portemonnaie mit der Rückfahrkarte verloren, bei verschiedenen, ihr ganz fremden Personen Geldbeträge bi zu 6 Mk. zu entlocken weiß. Die Unbekannte ist 28 bis 30 Jahre alt, von mittlerer Größe, hat schwarzes Haar, gesundes Gesicht, trägt gegenwärtig ein schwarzes Jacket und Kapothut und soll einen auffallend hohen Leib haben. Wenn diese Person wieder irgendwo auftreten sollte, bittet man sie dem nächsten Polizeibeamten zu übergeben. – In der Wilsdruffer Vorstadt hat am Dienstag Nachmittag ein 28 Jahre alter Kaufmann durch Erschießen sich den Tod gegeben. (DA)"

Weil wir vorhin gerade vom Kaiser gesprochen haben. Wie wäre es mit einem Besuch des Deutschen Kaisers? Der in Pieschen ist gemeint:

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Mittwoch, 10. März 1897

Das Regenwetter soll sich fortsetzen:

"Unter ganz ähnlichen Temperaturverhältnissen wie am Vortag herrschte am 8. März meist trübes aber trocknes Wetter in Sachsen. Mit Ausnahme von Dresden und der Lausitz trat überall Nachtfrost ein. Die Minima gingen von 2.5 Gr. (Bautzen) herab bis – 7 Gr. (Fichtelberg), die Mitteltemperaturen lagen zwischen 4 Gr. (Dresden) und – 4,5 Gr. an der Hochstation, das Maximum betrug 6,8 Gr. (Dresden). Schneetiefe in mittlerer Höhenlage wenige Centimeter, im Gebirge 52 – 150 Cmtr. Während der tiefe Druck im Südosten allmählich verschwindet (Hermannstadt 750 Mm.), hat sich die Depression im Nordwesten der britischen Inseln weiter vertieft (Stornoway 753 Mm.) und lenkt die Winde über England sowie an der Küste vom Continent ab. Da gleichzeitig eine Ausbreitung des hohen Drucks von Südwesten und Nordosten her nach Centraleuropa stattgefunden hat, dürfte das am Morgen noch trübe mit stellenweisen Niederschlägen verbundene Wetter nicht mehr von allzu langer Dauer sein.
Aussichten: Trübe. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 6,5 Gr. Wärme, niedrigste 3 Gr. Wärme. Niederschläge, trübe. Nordwestwind. (DN)"

Da hält man sich lieber zu Hause auf. Und wenn man dabei noch prinzlich verpflegt wird:

"Gestern Nachmittag 5 Uhr fand bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Georg im Palais Zinzendorfstraße größere Tafel zu 30 Gedecken statt. (DN)"

Die Frau Fritze August war wieder in der Oper. Und wieder mit ihrer Mutter, ohne Gatten. Ob das noch lange Zeit so gut gehen wird:

"Ihre K. K. Hoheit Frau Prinzeß Friedrich August mit ihrer Mutter, Ihrer K. K. Hoheit der Großherzogin von Toskana wohnten gestern Abend der Vorstellung  von Rubinstein´s „Dämon“ im Königl. Opernhauses bei. (DN)"

Schließlich ist, wie schon angekündigt, Frau Schorsch zum Besuche nach Wien abgedampft:

"Ihre Königl. Hoheit die Frau Prinzessin Johann Georg ist vorgestern Abend 9 Uhr 36 Min. nach Wien gereist. (DN)"

Immer noch bewegt der Kreuzkirchenbrand und vor allem die Sorge ob der Zweckmäßigkeit der Ausrüstung der Dresdner Feuerwehr die Gemüter:

"Noch immer bietet der Brand der Kreuzkirche Anlaß zu verschiedentlichen Aeußerungen. So erhalten wir folgende Zuschrift eines mit dem Feuerlöschwesen Vertrauten: Während ein Theil der hiesigen Bewohnerschaft und zwar zweifellos der größere, sich in der bestimmtesten Form für Anschaffung von Dampfspritzen erklärt, vertritt der andere Theil die Ansicht, daß dies unnöthig sei. Es wird behauptet, die Kreuzkirche wäre auch niedergebrannt, wenn wir Dampfspritzen gehabt hätten. Schreiber dieses wünscht vor allen Dingen, daß man bei Beurtheilung künftiger größerer Brandfälle, von denen ja keine Stadt verschont bleibt, in sachlicherer Weise verfahren möge, als es jüngst der Fall gewesen ist. Die erste Frage ist die, ob es der Feuerwehr bei Anwendung von Dampfspritzen würde möglich gewesen sein, den Brand der Kreuzkirche auf den Dachstuhl zu beschränken. Die Antwort lautet: „Nein“, denn selbst mit dem starken Strahl der Dampfspritze hätten die Rohrführer diesen Brandherd nicht erreicht, da die unter dem Kupferdach zusammengepreßten Rauchmassen Niemanden so weit vordringen ließen. Die erste Nutzanwendung dieser Thatsache bedeutet: man schaffe keine Kupferdächer mehr, denn das mit solchem Dach versehene Gebäude ist wohl gut gegen Nässe geschützt, doch bringt ein im Dachboden entstehender Brand eine große Gefahr für das ganze Gebäude mit sich. Bei gewöhnlicher Bedachung vermag die Feuerwehr, ein von Innen infolge Rauchs nicht bis zum Brandherde vorgedrungen werden kann, nach Einschlagen der Schiefer- oder Ziegelbeläge sich von außen rasch zu nähern und die Flammen mit dem Wasserstrahl zu erreichen. Wäre dies bei dem Dache der Kreuzkirche möglich gewesen, würde sich auch die Ausbreitung des Brandes haben verhindern lassen. Wohl wäre es aber nach menschlichen Ermessen möglich gewesen, bei Anwendung eines kräftigen Dampfspritzenstrahles an der Scheidestelle des Thurmes von der Kirche, das Uebergreifen des Feuers in den Thurm zu verhindern. Eine Abtheilung unserer braven Feuerwehrmannschaften hätten sich an jenem Punkte festgesetzt und den Glockenstuhl gehalten- wenn ihnen genügend kräftige Strahle gegen die Gluth zur Verfügung gestanden hätten. Das Innere der Kreuzkirche zu retten, war unter den erst später bekannt gewordenen obwaltenden Umständen unmöglich und würde keiner Feuerwehr geglückt sein. Für die Anschaffung von Dampfspritzen spricht noch Folgendes: Wenn sich am Abend jener Katastrophe Wind erhoben hätte und die Gluth nach den Häusern der Kirch-, Weißegasse und Kreuzstraße getrieben worden wäre, was hätte dann die Feuerwehr beginnen sollen? Es konnte dann zugleich auf vier, fünf und noch mehr Häusern Feuer entstehen, - hätten da die Schlauchleitungen der Wasserleitung, hätte die Zahl der Mannschaften genügt? Eine zusichernde Antwort hierauf wird Niemand zu geben wagen. Schreiber dieses sagt nur: der Kreuzkirchenbrand war eine Lehre für Dresden, - wohlfeiler allerdings wie derjenige, welche Wien durch die Ringtheaterkatastrophe erhielt, da bei uns erfreulicherweise kein Menschenleben zu beklagen ist. Allem Anscheine nach wird man hier zur Anschaffung von zwei Dampfspritzen schreiten, was unser durchaus nicht schlechtes Feuerlöschwesen um ein Bedeutendes heben wird, zumal auch die nöthige Vermehrung der Mannschaft kaum ausblieben dürfte. – aber das Eine mag schon hier ausgedrückt sein, daß nämlich trotz Dampfspritzen etc. große Brände immerfort vorkommen können; das beweist die Chronik anderer Städte wie Hamburg, München etc., die erst jüngst wieder bedeutende Brände gesehen haben, trotz ihrer zahlreichen Dampfspritzen. Es können vielleicht Jahre vergehen, ehe hier eine der Dampfspritzen in Thätigkeit kommt – und eines Tages steht man doch wieder vor einer kaum zu erklärenden Katastrophe und sieht, wie ohnmächtig der Mensch unter Umständen den Naturgewalten gegenübersteht. – Bei Anwendung von Dampfspritzen entsteht auch größerer Wasserschaden, da sich nicht wie bei der Druckleitung an den Strahlrohren Abschlußventile anbringen lassen, welche es dem Rohrführer jeden Augenblick ermöglichen, das Wasser abzustellen; bei Dampfspritzen muß erst das Signal „Wasser halt“ bis zur Maschine rückwärts gegeben werden. – Möge man immerhin zur Anschaffung von Dampfspritzen schreiten, das Geld hierfür ist sicher nicht hinausgeworfen, aber wiege man sich dann deshalb nicht in dem Gedanken: „Jetzt sind wir geborgen“. Die Enttäuschung könnte nur zu rasch folgen. (DNN)"

Und die erste Konsequenz ist gezogen:

"Gründung einer zweiten Brandmeisterstelle. In der Sitzung vom 23. Februar hatte der Rath den Antrag der ersten Abtheilung, einen zweiten Brandmeister anzustellen, zunächst zur Vorberathung an den zuständigen Ausschuß verwiesen. Von diesem und der ersten Rathsabtheilung wird vorgeschlagen, eine zweite Brandmeisterstelle mit 3000 Mk. Jahresgehalt, Pensionsberechtigung und freie Wohnung, eventuell 600 Mk. Wohnungsgeld, welches für den Pensionsfall nach Höhe von 10 Proc. des Diensteinkommens anzurechnen ist, zu begründen. Es wurde nunmehr vom Rath demgemäß beschlossen. (DNN)"

Gestern hatte Laubegast seinen großen Tag, die Weihe des umgestalteten Neuberin-Denkmals:

"Mit jener „goldenen Rücksichtslosigkeit“, die der launische Wettergott in liebenswürdiger Absichtlichkeit des Oefteren gerade in festlichen Stunden an den Tag zu legen pflegt, machte der Himmel auch gestern Nachmittag ein recht mürrisches Gesicht, als sich kurz vor 3 Uhr ein gar nicht so geringes Häuflein Getreuer anschickte, den 200jährigen Geburtstag der Karoline Neuber pietätvoll an ihrem Denkstein in Laubegast zu feiern, den die Munisscenz verdienstvoller Künstler und dankbarer Kunstfreunde zu einem würdigen Denkmal für die Verewigte umgestaltet hatte, von der schon ihre Zeitgenossen rühmten – laut der alten Denksteininschrift –, daß sie „eine Frau voll männlichen Geistes, die berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit, die Urheberin des guten Geschmacks auf der deutschen Bühne“ gewesen sei. Kein Wunder, daß eine große Corona, bestehend aus zahlreichen Schauspielern – allen voran die Mitglieder des Königl. Schauspiels und Residenztheaters beinahe vollzählig –, einer stattlichen Anzahl von Theaterfreunden, Vertretern der literarischen Welt und einer großen Menge Schaulustiger, schon vor 3 Uhr das verhüllte Denkmal entstand und trotz des leise rieselnden Regens geduldig der Dinge harrte, die da kommen sollten. Mit rühmenswerther Pünktlichkeit begann die Feier mit dem Vortrage des Beethoven´schen Chors „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ durch das Posaunenquartett unserer Königl. Kapelle, dem sich der Gesang des Gebetes aus Méhul´s „Josef in Eqypten“ durch ein Doppelquartett des Hoftheatersingechors anschloß. Unter den letzten Klängen dieser weihevollen Kompositionen fiel die Hülle, und das Neuberin-Denkmal bot sich in seiner neuen Gestalt den Blicken der Festtheilnehmer dar. Hierauf trat Herr Professor Carl Porth vor, dessen unablässigem Werben das Zustandekommen der Feier und die Beschaffung der Mittel für das neue Monument zu danken ist, und ergriff das Wort zu der folgenden kurzen, aber gehaltvollen Festrede, die die Verdienste der Neuberin erschöpfend charakterisirte. „Zweihundert Jahre“, so begann der verehrungswürdige Künstler, „sind im Zeitenstrome dahin gerauscht, seit die seltene Frau, deren Bild wir heute mit frischem Lorbeer schmücken, das Licht der Welt erblickte! Karoline Neuberin, die Mutter des deutschen Schauspiels, war eine produktive Kraft und humorvolle Frau. Sie legte das oft wüste Treiben des Theaters in geregelte Formen. Sie war es, die den Boden fruchtbar machte, in welchem die Geistesprodukte unserer Dichterheroen Lessing, Goethe und Schiller Wurzeln fassen und emporsprießen konnten zur Freude, zur Bildung der deutschen Nation. Mit der ihr eigenen bedeutenden moralischen Kraft gelang es ihr auch das moralische Ansehen des mit den schlimmsten Vorurtheilen kämpfenden Schauspielerstandes zu heben, und wenn jetzt unsere schöne Kunst hoch angesehen und geehrt in der Welt steht, ihr gebührt in erster Reihe unser innigster dank! Nach vieler Mühe, Arbeit und Sorge, endete ihr Dasein am 30. November 1760. Wenige Schritte von hier stand das Häuschen, in welchem ihr Wohlthäter und Beschützer, der Königl. Leibarzt Dr. Löber ein Zimmerchen gemiethet hatte, dessen Fenster auf die Höhen und Weinberge von Pillnitz hinaussahen und als sei, zu Tode gehetzt von den Mühen des Theaters und den Wirren des 7jährigen Krieges dasselbe betrat, da sank die alte, gottesfürchtige Frau überwältigt auf die Kniee nieder und brach in die Worte des Psalmes aus: „Ich hebe meine Augen zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt – meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!“ Bald darauf ging sie zum ewigen Frieden ein! Trotz Verwendung ihrer Freunde erhielt sie kein feierliches Begräbniß – in aller Stille trug man sie hinaus – die Schauspielerin! Das Andenken Tausender, die mit großem Gepränge hinausgebracht worden sind zur ewigen Ruhe, ist verschollen – Dein Andenken aber lebt, große Seele, und wird leben, so lange deutsche Schauspielkunst leben wird!“ Lautes „Bravo!“ und Rufe herzlicher Dankbarkeit wurden am Schluß der Weiherede laut, die die Uebereinstimmung der festlichen Versammlung mit ihrem Redner auf das Lebhafteste ausdrückten. Hierauf legte Herr Professor Porth als Zeichen nie erlöschender Dankbarkeit im Namen und Auftrag der deutschen Bühnengenossenschaft noch einen riesigen Lorbeerkranz mit prächtiger Schleife am Denkmal nieder, um sodann dasselbe dem Gemeindevorstand von Laubegast zu übergeben, der „Schutz und Pflege immerdar“ dem seiner Obhut anvertrauten Monument versprach. Der Vortrag einer Motette von Franz Römer, der Herr Arno Spies einen ebenso geschmackvollen sinnigen Text unterlegt hatte, beschloß die schlichte, aber ungemein herzliche Feier. – Das Denkmal selbst, welches auf einem freien Platze an der Elbe, ziemlich inmitten des Dorfes nicht weit von dem jetzt nicht mehr vorhandenen Sterbehause der Neuberin liegt, besteht aus einem mäßig hohen, von einem Eisengeländer umfriedigten Sandsteinaufbau, dessen eine Seite das Brustbildniß der Künstlerin in Hochrelief-Bronzeguß ziert. Das Porträt, eine vornehm, künstlerisch aufgefaßte, durchaus charakteristisch gehaltene und tadellos durchgearbeitete Bildnißstudie des jungen Bildhauers Armbruster, zeigt das Bruststück der Neuberin en face mit einer ganz leisen Wendung des Kopfes nach rechts und ist nach dem bekannten Kupferstich gearbeitet, der sie in der Rolle der Gräfin in dem von Lessing auch in seiner Dramaturgie besprochenen „Esser“ von Banks darstellt und der unseres Wissens im Leipziger städtischen Museum verwahrt wird. Die übrigen drei Seiten sind mit Emblemen der Schauspielkunst geschmückt; die Unterschrift des Reliefs lautet: Karoline Neuber, die Mutter des deutschen Schauspiels, geboren am 9. März 1697, gestorben am 30. November 1760.“ Der Unterbau des alten Denksteins konnte bei der Renovation übrigens wieder verwendet werden, während das Mittelstück vollständig erneuert werden mußte und in dankenswerther uneigennütziger Weise nach den Modellen Armbruster´s von der Firma Becher und Schellenberg ausgeführt wurde. Das Denkmal der großen Künstlerin, die bekanntlich auf dem Kirchhofe des Laubegast benachbarten Dorfes Leuben ihre letzte Ruhestätte nach einem Leben von Ruhm und Sorgen, Mühe und Erfolg gefunden hat, liegt ungemein idyllisch. An seinem Fuße murmeln und singen die Wellen der Elbe ihr monotones Wiegenlied; vom Ufer herüber grüßen die Höhen der Berge, auf denen die Freiheit ist und in deren reine Düfte nicht der Hauch der Grüfte zieht; und wenn der Frühling seinen Siegeseinzug in´s Land hält, dann singen in der blütenduftigen Krone der alten Linde, die ihre Zweige wie segnend über das Denkmal breitet, die Vögel ihre schluchzenden Lieder von Menschenwonne und Menschenleid, von den urewigen Grundthemen der Kunst, deren Hohepriesterin Karoline Neuberin Zeit ihres Lebens war! (DN)"

Das Gebet aus Méhuls "Josef in Ägypten". Boa. Da lüft es ja schon beim Lesen eiskalt den Rücken herunter.
Das Neuberin-Denkmal steht schon längst nicht mehr idyllisch unter einer alten Linde, die Zeit schafft sich ihren Raum und auch beim Neubau Grunaerstraße/Ecke Amalienstraße, vis-a-vis des entstehenden Illgenschen Protzbaus, sind die Lichter angegangen:

"Die prächtige, geradezu feenhaft wirkende Beleuchtung der großen Auslagefenster des neu eröffneten Manufaktur- und Modewarenhaus von Steigerwald & Kaiser am Pirnaischen Platze, Ecke Grunaer Straße, hatte gestern Abend Hunderte von Zuschauern angezogen, die trotz heftigen Regens vor dem Monumentalbau Aufstellung nahmen und all´ den Glanz der ausgelegten Waaren bewunderten. In vortheilhaftester Beleuchtung durch allerlei elektrische Lichtkörper scheinen die Waaren in gefälligem Arrangement aus den gewaltigen Schaufenstern gleichsam hervorzuquellen. Licht über Licht blendet das Auge des Beschauers. Die Firma, die in Leipzig, Chemnitz, Frankfurt a. M., Magdeburg gleiche Waarenhäuser unterhält, dürfte mit dieser grandiosen Beleuchtungsanlage hierselbst einzig in ihrer Art dastehen. Tageshell sind der verkehrsreiche Platz und die angrenzenden Straßen beleuchtet und dürften bei freundlicher Witterung in den nächsten Tagen als Wallfahrtstätte gelten. (DN)"

Schauen wir noch ins Elbsandsteingebirge. Auch in Schandau geht es nun zur Sache. Rasant wurde der Beginn des Straßenbahnbaues begonnen. Mit dem Abladen der ersten Schienen:

"Der erste Schritt zur Ausführung des Baues der elektrischen Straßenbahn Schandau – Lichtenhainer Wasserfall ist nunmehr gethan. Am Sonnabend gelangten die ersten Schienen zur Abladung. Die städtischen Kollegien in Schandau genehmigten, daß der Ausgangspunkt der Straßenbahn die Stadtmühle im Kirnitzschthale (nicht, wie anfänglich beabsichtigt war der Marktplatz) bilden kann. (DN)"

Und wir? Wir laden nicht ab sondern schaufeln rein. Das morgige Mittagessen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Eierstand. Blumenkohl mit holländischer Sauce. Englischer Rinderbraten mit Rapünzchen-Salat. Süße Eier mit Schlagsahne. – Für einfachere: Schweinefleisch mit Sauerkraut. (DN)"

Die Regimentstochter kokst und macht dann im Delirium mit der goldenen Eva regelrechte Bocksprünge. Richtig, das war der Theaterzettel für den heutigen Tage:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Haschisch. Die Regimentstochter.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die goldene Eva.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Tja, wer fährt schon im Innenraum Fahrrad:

"Eine schwere Verletzung des rechten Vorderarmes erlitt am Sonnabend nachmittag ein junger Arbeiter in einer Fabrik der Friedrichstadt durch eigenes Verschulden. Er hatte ein Fahrrad aus einem Raum in den anderen zu schaffen und versuchte aufzusteigen, fiel aber herab und stürzte, eine Scheibe zerschlagend, durch ein Fenster. (DNN)"

Die zweite Polizeimeldung klingt auch irgendwie eigenartig:

"Den Fuß gebrochen. An der Pirnaischen Straße wollte am Sonnabend Abend ein Arbeiter über einen eisernen Zaun steigen, blieb dabei zwischen zwei Eisenstäben stecken und zog sich einen Fußgelenkbruch zu. (DNN)"

Heute musikalisch. Gesucht wird ein Glockenspiel und ein armer Schneider sucht ein Piano. Das will er mit Dienstleistungen bezahlen:

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Dienstag, 9. März 1897

Es hatte so schön begonnen. aber nun lässt das Frühlingswetter auf sich warten:

"Die Nacht vom 6. zum 7. März brachte überall ziemlich ergiebigen Regen- bez. Schneefall und auch der 7. März selbst verlief vorwiegend trübe und von zeitweisen Niederschlägen begleitet. Die Temperatur ging abermals zurück; ihre Minima lagen zwischen 3 Gr. (Bautzen) und – 5 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe betrugen 4 Gr. (Dresden) bis – 4 Gr. an der Hochstation, und das Maximum wurde bereits mit 5,5 Gr. (Dresden) erreicht. Schneetiefe in mittlerer Höhenlage 3 – 15 Cmtr., im Gebirge 50 bis 120 Cmtr. Im Westen und Südosten lagert tiefer Druck und zwischen beiden ist über Nordwest-Deutschland noch ein dritter Depressionskern vorhanden. Frankreich und der mittlere Kanal sowie der Nordosten sind vom hohen Druck bedeckt, welcher sein Maximum mit 779 Mm. bei Haparanda erreicht. Diese Unregelmäßigkeit in der Druckvertheilung bringt fortdauernd trübes Wetter mit stellenweisen Niederschlägen und wenig veränderter Temperatur, auch läßt dieselbe wenig Hoffnung auf baldige Besserung zu.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 7 Gr. Wärme, niedrigste 1 Gr. Wärme. Bedeckt. Westwind. (DN)"

Fritze August und Gattin hatten eingeladen:

"Bei Ihren Königl. Hoheiten Prinz und Prinzeß Friedrich August fand gestern Nachmittag halb 6 Uhr im Taschenbergpalais eine größere Tafel statt. (DN)"

Opernbesuch? Nein, nur wenn es sein muss, meinet derselbige Prinz und blieb zu Hause:

"Ihre Kaiserl. Königl. Hoheiten die Frau Großherzogin von Toskana und Prinzeß Friedrich August wohnten vorgestern Abend der Vorstellung im Opernhaus bei. (DN)"

Wer sich für die geplante Bergschwebebahn interessiert, der sollte allerdings nicht zu Hause bleiben, sondern am Freitag ins Kamerun gehen:

"Am Freitag den 12. März wird vom Ortsverein Rochweitz im Restaurant „Kamerun“ zu Neu-Rochwitz eine Versammlung aller Interessenten für die geplante Schwebebahn abgehalten. Die Versammlung soll abends 7 Uhr beginnen und über einzuschlagende Wege zur Beschleunigung des Bahnbaues berathen. (DA)"

Die nächtliche Finsternis auf Dresdens Straßen war schon öfters ein Anstoß zur Kritik. Es wurde Besserung gelobt und bald, bald und bald ist es wohl so weit:

"Mit großer Befriedigung wird die Einwohnerschaft vernehmen, daß das städtische Beleuchtungsamt (Herr Stadtrath Hasse) im großen Umfange die Gasglühlichtbeleuchtung einführen will. Eine wesentliche Kostenerhöhung erwartet man davon nicht. Das Beleuchtungsamt beabsichtigt etwa 100 Stück Auerbrenner an Stelle der jetzigen Gasflammen einzuführen, und zwar soll das verbesserte Glühlicht allen Theilen der Stadt, auf beiden Ufern, sowohl auf Straßen wie auf Plätzen, zu Gute kommen. (DN)"

Heute hat Laubegast seinen großen Tag:

"Heute Nachmittag 3 Uhr findet im nachbarlichen Laubegast zur Feier des 200jährigen Geburtstags der Karoline Neuberin ein pietätvoller Festactus statt, welcher an die großen Verdienste der unstreitig genialen Frau um die deutsche Bühne und die deutsche Schauspielkunst erinnern soll. Bekanntlich liegt die Neuberin in Leuben bei Laubegast begraben, und ihre schlichte Ruhestätte wäre wohl schon längst der Vergessenheit anheimgefallen, wenn nicht die Mitglieder der Dresdner Hofbühne im Jahre 1852 dieselbe in Stand gesetzt hätten und noch heute erhielten. Ein einfacher Denkstein in dem Oertchen selbst, unweit der Elbe, auf lindenbeschattetem Platze, erinnert an die große Bühnenleiterin, welche den Muth hatte, die deutsche Schaubühne einer neuen Aera zuzuführen. Dieser einfache Denkstein nun ist auf Veranlassung unseres Altmeisters Prof. Carl Porth, von dem der erste Gedanke zu dieser Neuberinfeier ausging und dem ihr schließliches Zustandekommen nun auch zu danken ist, zu einem würdigen Denkmal umgeschaffen worden, welches als Huptschmuck in Hochrelief den Kopf der Neuberin, eine vorzügliche Arbeit des hiesigen Bildhauers Armbruster, aufweist, das heute Nachmittag unter einer feierlichen Ansprache des Herrn Prof. Porth enthüllt werden soll. Die Kosten für die Renovation des Denkmals incl. Des in Lauchhammer gegossenen Hochreliefs betragen ungefähr 1000 M., die in freiwilliger Gabe von Theater- und theaterfreundlichen Leuten, die noch etwas übrig haben für ideale Zwecke, unter fortwährendem Rühren der Werbetrommel Porth´s aufgebracht worden sind. An der Feier selbst, die aus der Festrede, verschiedene Ansprachen, Vorträgen des Hoftheater-Singechors und einer Bläsergruppe der König. Kapelle besteht, betheiligen sich die Mitglieder des Königl. Hoftheaters, Kunst- du Theaterfreunde, Vertreter der Presse, sowie Alle, die mit den verdienstvollen Veranstaltern der Neuberin-Feier der Anschauung sind, daß der 9. März, der Geburtstag einer wahren deutschen Frau, nicht unbeachtet vorübergehen durfte in diesem Jahre. (DN)"

Im Guckkastenkino am Amalienplatz werden wir nach Tirol entführt:

"In Fuhrmann´s Kaiserpanorama im Redlichhause sind in laufender Woche Ansichten aus dem Zillerthale in Tyrol ausgestellt. Es ist dies dieselbe Serie, welche auf der Berliner Gewerbeausstellung als Alpenpanorama zu sehen war, gerade sie zeichnet sich durch naturwahre Wiedergabe, große Schärfe und prachtvolles Kolorit aus. Speziell die Färbung der Gebirgswässer und Seen ist vorzüglich getroffen. Ein Besuch dieses Panoramas, welches allwöchentlich neue Landschaftsbilder ausstellt, ist äußerst belehrend, da die Bilder sämmtlich an Ort und Stelle aufgenommen sind und durch vorzügliche Stereoskopen plastisch zur Erscheinung gebracht werden. (DN)"

Im Panoptikum am Postplatz kann man den derzeit bekannten größten Mensch der Welt bestaunen (wenn es nicht wieder ein großer Bluff ist):

"Im hiesigen Panoptikum zeigt sich seit vorgestern der Riese Lewis Wilkins – der größte Mensch der Welt. In allen Städten, zuletzt in Rotterdam, wo der „Unerreichbare“ aufgetreten, erregte er großes Aufsehen. Wilkins ist ein junger Mann von 22 Jahren, der auf einer Farm bei St. Paul, Minnesota, Nordamerika, als normalentwickeltes Kind geboren ward. Vom 4. bis zum 10. Lebensjahre wuchs er rapid und hatte dann schon die Höhe von 2 Meter erreicht. Jetzt hat er eine Größe von 2,45 Meter, ist dabei proportionirt gebaut und geistig normal entwickelt. Sein Gewicht beträgt 386 Pfund. Der Riese ward u. A. von Prof. Zuckerkandl und Hofrath von Poldt-Wien wissenschaftlich untersucht. Die Herren Mediziner konstatirten, daß Mr. Wilkins nicht nur der einzige proportionirte Riese ist, den man kennt, sondern auch der „größte Mensch des 19. Jahrhunderts“ und daß es seit dem 15. Jahrhundert nur drei Menschen gegeben hat, die größer waren als dieser Amerikaner. (DN)"

Kein Bluff ist hoffentlich das Mittagessen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Schäberle-Suppe. Rindfleisch mit Sardellensauce. Schweinslendchen mit Salat. Apfelcharlotte. – Für einfachere: Rindfleisch mit Gräupchen. (DN)"

Manchen Bluff erwartet man dagegen im Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Dämon.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Maccabäer.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Zunächst der amtliche Polizeibericht:

"Polizeibericht. Vor einigen Tagen genoß in selbstmörderischer Absicht eine 28 alte, hier wohnhafte Frau eine Phosphorlösung und ist am Freitag gestorben. – An der Ecke der Tittmann- und Wittenberger Straße wurde am Sonnabend Nachmittag ein 4 Jahre altes Mädchen, als es noch rasch die Gleise überschreiten wollte, von einem Straßenbahnwagen umgeworfen und eine Strecke vorwärts geschoben. DasKind erlitt einen Oberarmbruch. Den Wagenführer trifft, nach der Versicherung von Augenzeugen, keine Schuld. – Vergangenen Donnerstag fielen in einer Fabrik der Wilsdruffer Vorstadt eine Anzahl gußeiserne Platten auf einen Arbeiter und drückten ihn zu Boden. Es wurde ihm der linke Arm, den er zum Schutze vor die Brust hielt, gebrochen. (DA)"

Ein Pferd schlug aus und:

"Während des Aufladens von Asche in der Kaulbachstraße hatte gestern der 53 Jahre alte Aschefuhrmann Schumann sein Pferd ausgesträngt. Nach beendeter Arbeit wollte er das sonst gutmüthige Thier wieder einsträngen, erhielt aber von demselben infolge Ausschlagens nach hinten einen derartigen Schlag in den Unterleib, daß er schwer verletzt in das Stadtkrankenhaus gebracht werden mußte. (DN)"

Tja. Diese Hausmädchen:

"Vor einigen Tagen log ein in hiesiger Kaulbachstraße bedienstetes Mädchen ihrer Herrschaft vor, ihr Vater sei gestorben und bedürfe sie auf einige Tage Urlaub, welcher gewährt wurde. Gestern stellte sich die Unwahrheit dieser Angaben heraus und ergab es sich, daß das Mädchen diese Urlaubszeit nur benützt hat, um in der Stadt herumzubummeln. Es kam zwischen der Herrschaft und dem Mädchen zu Differenzen, in deren Folge letztere kurz entschlossen durch ein Fenster der in der 1. Etage gelegenen Wohnung hinab in den Hof sprang und davonlief, ohne daß bis jetzt zu ermitteln war, ob sie sich verletzt oder wo sie sich hingewendet hat. (DN)"

Und der Blick geht nach Leipzig. Dort hatte jemand etwas gegen Abbildungen von Weiblichkeiten oder so viel dafür übrig, dass er die nur für sich haben wollte:

"Im städtischen Museum zu Leipzig sind zwei werthvolle Gemälde durch einen unglaublichen Vandalismus zerstört worden, und zwar dermaßen, daß aus dem einen Bild „Salomons Abgötterei“ von Gerhardt Hoek, ein 7 Ctmr. langer und 4 ½ Ctmr. breiter Ausschnitt, auf welchem sich mehrere weibliche Personen befunden haben, heraus getrennt und von dem Thäter fortgenommen, das andere, „Zigeunermädchen“, von W. Solm, aber rechts und links vom Kopfe der Figur ein längerer und kürzerer Schnitt in die Leinwand ausgeführt ist, offenbar in der Absicht, Kopf und Brust der Figur aus dem Gemälde im Sechseck herauszuschneiden. Auf die Ermittelung des Thäters, der sein Zerstörungswerk allem Anschein nach vorgestern ausgeführt haben dürfte, hat das Polizeiamt eine Belohnung von 100 Mk. ausgesetzt. (DN)"

Bleibt noch der Bericht der Feuerwehr:

"Am Sonntag Vormittag in der 10. Stunde rückte ein Löschzug der Feuerwehr nach dem Grundstück kleine Plauensche Gasse Nr. 12 aus. In einer dortigen Tischlerwerkstatt waren vermuthlich durch glühende Kohlen, die einem Ofen entfallen sind, eine Partie Hobelspäne in Flammen gesetzt worden. Das Feuer ergriff noch fertige Arbeiten an Thürverkleidungen etc., konnte aber von Bewohnern bis zum Eintreffen der Feuerwehr gelöscht werden. – Gegen ½ 8 Uhr abends wurde aus dem Hause Zöllnerstraße Nr. 35 ein Kellerbrand gemeldet. Als die von der Hauptwache dahin ausgerückten drei Fahrzeuge der Feuerwehr eintrafen, stellte es sich heraus, daß nur blinder Lärm vorlag, hervorgerufen durch das Offenlassen einer Räucherkammer. (DA)"

Die Konfirmation steht an. Und wer sich bei Neustadt großartig einkleidet, der bekommt den Hut gratis. Nur, wer sich für über 15 Mark einkleiden kann, der kann eigentlich auch den Hut bezahlen:

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Montag, 8. März 1897

Wie immer am Montag so fällt auch heute das Wetter aus. Dafür wird dem Erdbeben vor einem viertel Jahrhundert gedacht:

"Am Sonnabend waren es 25 Jahre, daß auch unsere Stadt von einem erheblichen Erdstoß betroffen wurde. Derselbe trat Nachmittags 4 Uhr ein und versetzte die Einwohnerschaft in allgemeinen Schrecken. Die Erderschütterung wurde fast in ganz Mitteldeutschland und Nordböhmen verspürt."

Was gibt es aus dem Königshause zu berichten:

"Bei Sr. Königl. Hoheit Prinz Georg fand gestern Nachmittag 6 Uhr Familientafel statt, an der Ihre K. K. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana, die Prinzen und  Prinzessinnen des Königl. Hauses teilnahmen. (DN)"

Auch Se. Majestät geht mitunter zu Fuß und von dort gibt es aufregende Neuigkeiten:

"Die Firma Seyfert und Benedix. Marschallstraße 40, hier, versendet soeben Prospekte über ihre gesetzlich geschützten Trocken-Klosets, nachdem dieselben diejenigen Verbesserungen erfahren haben, welche sich im Laufe der Zeit als wünschenswerth herausstellten. In ihrer neuesten Konstruktion entsprechen denn auch diese Klosets ihrem Zwecke, die Aborte vor Zugwind zu bewahren und von widerwärtigem Geruch frei zu halten, in bester Weise. (DN)"

Da schmeckt uns doch gleich das Essen besser:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Nudelsuppe. Deutsches Beefsteak mit Spinat. Schinken mit Madeirasauce. Rädergebackenes. – Für einfachere: Erbsen mit Rauchfleisch. (DN)"

Nach dem Speiseplan zum Theaterplan:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Odysseus Heimkehr.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Grille.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Heute meldet sich nur die Feuerwehr zu Wort:

"In einer Tischlerwerkstatt im Hause Kleine Plauensche Straße 52 entstand gestern Vormittag in der 10. Stunde Feuer. Dasselbe ergriff eine Partie Hobelspäne, sowie fertige Arbeiten an Thürverkleidungen etc. Als die alarmirte Feuerwehr eintraf, war es gelungen, den Brand bereits zu löschen. Entstanden ist das Feuer jedenfalls dadurch, daß glühende Kohlen aus dem Ofen gefallen sind. – Ein anderer Alarm erfolgte Abends in der 8. Stunde, wo im Keller des Grundstücks Zöllnerstraße 35 ein Brand ausgebrochen sein sollte. Die Feuerwehr stellte nur blinden Lärm fest, welcher durch den einer Räucherkammer entwichenen Rauch veranlaßt worden war. (DN)"

Das waren schon die Meldungen des heutigen Tages. Aber wir haben ja noch unseren Onkel Schnörke:

"Briefkasten.

*** E. Ebert, L.-Neuschönefeld. „Ich bin penisonirter Lehrer und wohne besonderer Umstände halber seit Ostern ds. Js. hier, wo es uns aber gar nicht gefällt. Wir haben eine ziemlich große Wohnung, 2 große Stuben, 1 kleinere, die unser Sohn bewohnt, 1 Schlafkammer, 1 Gastkämmerchen, Küche mit Speisegewölbe, 1 dunkles Kämmerchen, Keller und Bodenraum, aber alles finster und unfreundlich und dabei 530 Mk. Miethe. Wir sind nun Willens, zum Herbste nach Dresden zu ziehen. Nun wurde uns gesagt, daß dort Alles, besonders aber die Wohnungen, theurer seien wie hier. Unser Einkommen beträgt etwas über 3000 Mk.“ – Eine Wohnung in Dresden Johannstadt, wie Sie sie wünschen, zum Preise von 650 – 700 Mk., je nach Größe der Räume, dürfte zu haben sein; im englischen und amerikanischen Viertel dagegen wohl nicht mehr unter 750 – 800 Mk. Der Wohnungsanzeiger des Allgemeinen Hausbesitzervereins, Moritzstraße 2, der allmonatlich am 10. erscheint, enthält die Preise und die Anzahl der Räume.

*** M. R., Dobritz. „Als kleiner Gutsbesitzer habe ich immer Noth, durchzukommen. Nun hatten wir im vorigen Manöver die Soldaten 14 Tage. Vorher kriegten wir Anweisung, bestimmte Felder abzuräumen. Das Manöver fügte uns aber trotzdem noch ganz beträchtlichen Schaden zu. Mein Schaden wurde auf ziemlich 400 Mk. festgestellt. Ich habe aber bis heute noch nichts. Im neuen Jahr habe ich Zinsen und Gesindelohn bezahlt, auch die Weihnachtsrechnung in der Gemeinde beglichen, Stellmacher, Schmied etc. wollen ihr Geld auch haben. Meine paar Thaler sind alle und wie lange dauert´s ist wieder Steuertermin. Zahlen kann ich nicht, auspfänden möchte ich mich auch nicht lassen, meinen Viehbestnd möchte ich auch nicht weiter verringern. Sind Sie doch so gut und geben Sie mir Auskunft, an wen ich mich zu wenden habe, daß ich meine Entschädigung nun bald kriege.“ – Sollte Ihr Herr Gemeindevorstand hier nicht förderlich sein können?

*** Oberrichter. Neumark. „Giebt es in Dresden und Leipzig berittene Schutzleute?“ – Nur in Leipzig."

Eine wahrhaft treusorgende Frau Mama:

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Sonntag, 7. März 1897

Nun ja. Das richtige Sonntagswetter scheint es heute nicht zu werden:

"Nur vereinzelt fanden am 5. März Niederschläge in Sachsen statt; das Wetter war bei wechselnder Bewölkung vielfach heiter, die Temperatur wenig verändert. Die Minima derselben gingen von + 1 Gr. (Dresden) herab bis – 6 Gr. (Fichtelberg), ihre Mittelwerthe lagen zwischen 5,5 Gr. und – 3 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug 9,3 Gr. (Leipzig). Schneetiefen: Reitzenhain 29, Fichtelberg 90 Cmtr. Ueber dem Kanal lagert ein Luftdruckminimum von 750 Mm. und von ihm aus erstreckt sich tiefer Druck über das Nordseegebiet und Centraleuropa. Sein Maximum erreicht der Luftdruck im Nordosten mit 768 Mm. (Petersburg), doch hat auch im Westen eine starke Zunahme stattgefunden (Valentia 762 Mm.). Unter dem Einfluß des ausgebreiteten Depressionsgebietes herrscht trübes, nebliges Wetter mit stellenweisen Niederschlägen bei wenig veränderter Temperatur. In Sachsen hat sich am Morgen von Neuem Regen- und Schneefall eingestellt, zu dem sowohl die Nähe des Minimums wie das Eintreten einer nordöstlichen Strömung weiterhin Anlaß geben dürften.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 7 Gr. Wärme, niedrigste 2 Gr. Wärme. Bedeckt. Nordwestwind. (DN)"

Die Vögel zwitschern aber schon:

"Die Morgenconcerte unserer gefiederten Sänger nehmen von Tag zu Tag an Vielstimmigkeit zu. Das Orchester vergrößert sich und wird immer harmonischer. Zu den Amseln, die schon seit 14 Tagen ihren Lockruf ertönen lassen, gesellen sich jetzt auch die Finken und andere kleine Sänger und nicht lange wird es währen, bis die bereits angekommenen Staare kräftiger mit einstimmen in den Chor. Von den anderen Zugvögeln ist freilich bis jetzt noch nicht viel zu bemerken. (DNN)"

Die Aufräumarbeiten in der Kreuzkirchenruine schreiten voran und ... der Tresor hat der Hitze standgehalten:

"Rüstig schreiten die Aufräumungs- und Abbruchsarbeiten an der Ruine der Kreuzkirche unter Oberaufsicht des Herrn Stadtrath Kaiser vorwärts. Unermüdlich sind daselbst 30 Arbeiter beschäftigt, Stützungen vorzunehmen und Schuttmassen zu klären und zur Abfuhr zu bringen, Von der Bretterplanke bis in die Kirchenruine hat man Gleise gelegt und holt auf kleinen Lowries die Massen heraus, die auf verschiedenen Plätzen abgeladen werden. Daselbst suchen Leute vielfach nach Reliquien, d. h. nach Erinnerungszeichen, vielleicht ein Stück Glas oder Metall an das altehrwürdige Gotteshaus. Zahlreiche Fuhren mit Kupfer, das einst die Bedachung bildete, wandern in die Gießerei von Bierling und Sohn. Die Aufräumungsarbeiten, die nur unter größter Vorsicht vorgenommen werden können, dürften immerhin reichlich ein Vierteljahr beanspruchen. Der Thurm wird ununterbrochen einer sorgsamen Beaufsichtigung unterzogen. Der Sandstein hat unter den Gluthen gewaltig gelitten, noch immer bröckeln, zumal bei Wind, bald größere, bald kleinere Stückchen ab, weshalb man, um die Arbeiter nicht der Gefahr auszusetzen, Schutzdächer nach dem Innern der Ruine angebracht hat. Dank der vortrefflichen Leitung der Arbeiten läßt sich sagen, daß bisher keine Symptome zu Tage getreten sind, die eine Gefahr durch Einsturz vermuthen lassen. Die drei kleineren Glocken zeigen sich ziemlich intakt, während die große gewaltige Sprünge aufweist. Die Niederlegung der Emporen und mehrerer Strebepfeiler wird mehr und mehr zur Gewißheit. Noch immer finden sich Zeichner, Photographen und Maler ein, um geeignete Momente von dem Chaos zu erfassen. Als Herr Oberkonsistorialrath D. Diebelius vergangene Woche die Oeffnung des in seiner Sakristei aufgestellt gewesenen eisernen Tresors vornehmen ließ, zeigte sich, daß der Inhalt unversehrt geblieben ist, selbst hinsichtlich der in besonderen Kapseln verwahrt gewesenen Schriftstücke. Es ist dieser Befund ein um so erfreulicher, als dadurch manches werthvolle Stück erhalten geblieben ist. (DN)"

Fertig ist schon seit geraumer Zeit der Neubau an der Westseite des Altmarktes und eine weiteres Geschäft zieht wieder ein:

"Der schwierige Bau, Seestraße, Ecke Webergasse am Altmarkt, welcher oft viele Zuschauer an sich lockte, ist nun vollendet, so daß der Betrieb des Geschäftes der Firma M. Brock, auch genannt die „Blousen-Ecke“, jetzt wieder in ungestörter Weise vor sich gehen kann. Der Inhaber der Räume hat sich entschlossen, den Verkauf seiner Waaren wieder in seinem ständigen Local aufzunehmen. (DNN)"

In Löbtau wurde wiederum ein Überbleibsel des Befreiungskriegs gefunden. Dezennien später werden noch viel mehr Überreste eines viel teuflischeren Krieges gefunden werden:

"Löbtau. Ein eigenartiger Fund wurde beim Grundausschachten zu einem Neubau am Nostitz-Wallwitz-Platz gemacht. Man fand in nicht bedeutender Tiefe ein guterhaltenes, menschliches Skelett. Dasselbe dürfte, nach einigen mitgefundenen Uniformstücken und Knöpfen zu schließen, von einem in den Befreiungskriegen Gefallenen herrühren. Gleichzeitig stieß man auf mehrere Asche enthaltende Urnen, anscheinend aus der Heidenzeit stammend; auch einige Münzen wurden gefunden. (DNN)"

Das neu gestaltete Denkmal der Mutter der deutschen Schauspielkunst in Laubegast ist fertig und soll am Dienstag würdevoll übergeben werden:

"Laubegast. Eine pietätvolle Feier wird am Dienstag, dem 200jährigen Geburtstag der Caroline Neuberin, in Laubegast am Denkmal der großen Bühnenleiterin stattfinden, die sich rühmen darf, die deutsche Spielkunst in neue Bahnen gelenkt zu haben. Der kurze Festact, dem unter Anderem auch sämmtliche Mitglieder unseres Königlichen Hoftheaters beiwohnen werden, beginnt Nachmittags 3 Uhr; die Festrede hält der Hofschauspieler Porth, von dem auch die erste Anregung zur Begehung dieses Gedenktages ausgegangen ist. (DNN)"

Von Laubegast nach Blasewitz und zur ersten Statistik von heute:

"Die Loschwitz-Blasewitzer Elbbrücke passirten vom 27. Februar bis mit 5. März 27.006 Personen à 3 Pfg., 6885 Personen à 2 Pfg. und 1889 Pferde à 10 Pfg. Die Gesammteinnahme betrug einschließlich 210 M. seitens der Straßenbahnen 1346 M. 78 Pfg. (DN)"

Statistik Nummer zwei ist spannender:

"Veränderungen im Dresdner Gastwirthsgewerbe. Schankwirth Karl Beyer übernahm das Gasthaus „Stadt Nassau“, Schäferstraße 20. – Schankwirth Gottwald Schäfer hat das Hotel „Prinz Friedrich August“ an der Königsbrückerstraße übernommen. – Schanwirth P. W. Schwiebus hat das „Bahnhofs-Hotel“ in Königsbrück übernommen. – Bierausgeber Wilhelm Liebig eröffnete von Neuem das bisher geschlossene Restaurant Große Schießgasse Nr. 2, bisher Stiebitz. – Schankwirth T. Schiepert eröffnete Stephanienstraße 60 ein Restaurant und Café. – Schankwirth Weber, früher Böhmische Gasse 26, hat das Restaurant zum „Deutschen Haus“ in Bühlau übernommen. – Stelziger hat das Restaurant Elsasserstraße 7, bisher Bergmann, übernommen. – Schankwirth Kästner hat das Restaurant Reißigerstraße 70 pachtweise übernommen. – Schankwirth Thormann, früher Schloßstraße, hat das Restaurant „Zur Börse“ an der Scheffelstraße 19 übernommen und taufte es zum „Kleinen Rauchhaus“, wie früher. – Schankwirth Fiedler eröffnete an der Schubertstraße 19 ein Restaurant und benannte es zum „Schuberthof“. – Schankwirth Karl Pohl eröffnete das Restaurant „Drei Kronen“, Bautznerstraße 62, bisher war es geschlossen. – Emil Hunger übernahm den Gasthof in Leutewitz, bisher Neumann. – Schankwirth G. A. Schubert eröffnete Johann-Georgen-Allee 10, Ecke Circusstraße, ein Restaurant und Café. – Schankwirth Gustav Veit übernahm das Restaurant zum „Goldenen Anker“ an der Leipzigerstraße 45. – Heinr. Schleiter hat das Restaurant Güterbahnhofstraße 18 übernommen, bisher Winkler. – Schankwirth Eidner, von der Pirnaischen Straße, „Stadt Pirna“, hat den Gesthof „Zum Russen“ in Radebeul käuflich erworben. – Schankwirth Oswald Hofmann hat das Restaurant „Zum goldenen Löwen“, Friedrichstraße 7, übernommen. – Bernhard Fritzsche hat das Restaurant „Zur Katze“ an der Schloßstraße übernommen, bisher Thormann. – Herr Marx, früher Bierausgeber, hat das Restaurant „Zum schwarzen Bären“ am Terrassenufer übernommen, bisher Zimmermann. – Heinrich Weigert hat das Restaurant Seminarstraße 3 übernommen. – Karl Dittrich hat das Restaurant und Gasthaus „Stadt Augsburg“ am Poppitz 18 übernommen. – Schankwirth Ziegenbalk hat den Gasthof in Bannewitz käuflich erworben und erfolgt die Uebernahme den 1. April. – Gastwirth K. F. Putze, früher Hammers Hotel in Striesen, hat das Ball-Etablissement „Zur Tonhalle“, Glacisstraße 28, käuflich übernommen, bisher Gäde. – Das Hotel „Zum Kronprinz“ an der Hauptstraße ist an Herrn D. Petersen aus Bremen verkauft worden. – Gastwirth Melde von der Scheffelstraße 10 hat das Restaurant „Zum Reichelbräu“, gr. Brüdergasse 22 käuflich erworben; die Uebernahme wird den 1. April erfolgen. – Schankwirth Wilhelm Johnel, Breitestraße 16, bisher 19 Jahre im genannten Grundstück Pächter, hat letzteres dieser Tage erworben. – Schankwirth Gustav Glaser, zuletzt Canalgasse, hat das Restaurant mit Grundstück Güterbahnhofstr. 21 käuflich erworben. (DNN)"

Auch die Kneipe im Redlichhaus hat seit gestern wieder offen:

"Das Restaurant „Zum Redlichhaus“ ist nun wieder eröffnet und hat man wieder Gelegenheit, sich an einem bürgerlichen Pilsner direct vom Faß oder an einem Kruge Würzburger Hofbräu zu laben. Herr Ritter, ein Thüringer Sachse, der neue Wirth, dem als solcher aus „Hotel „Burg Wettin“, Chemnitz, ein besonders guter Ruf folgt und bei dem daselbst auch Se. Königliche Hoheit der Prinz Friedrich August öfters Einkehr hielt, wird es sich ganz besonders angelegen sein lassen, in Bezug auf Küche und Keller nur das Beste zu bieten und seinen Gästen den Aufenthalt im „Redlichhaus“ nach jeder Richtung hin angenehm zu machen. (DNN)"

Was gibt es morgen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Einlaufsuppe. Hammelragout. Kalbsfricandeau mit Selleriesalat. Quarkkuchen. – Für einfachere: Deutsches Beefsteak mit Spinat. (DN)"

Und was kommt heute in den Theatern:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Hänsel und Gretel. Coppelia.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Maccabäer.
Residenz-Theater: Nachmittags: Anfang ½ 4 Uhr: Madame Sans-Géne; Abends: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Zwei Luxuskaleschen bekriegten sich in der Pirnaischen Straße:

"Eine erhebliche Carambolage fand vor einigen Tagen Abends an der Ecke der Neuegasse und Pirnaischen Straße zwischen einer König. Equipage und einer herrschaftlichen Equipage statt. Bei letzteren gingen die Fensterscheiben in Stücken. (DN)"

Unfall mit Kind in der Hechtsstraße, jedoch war der Kleine selber Schuld:

"Ueberfahren. Letzten Donnerstag Nachmittag wurde auf der Hechtstraße ein vier Jahre alter Knabe von einem Lastgeschirr überfahren und am linken Unterschenkel und Fuße verletzt. Das Kind hatte sich unbemerkt auf einen am Wagen angebrachten Tritt gesetzt und war herabgefallen. (DNN)"

Unweit dieses Ortes wurden Bretter gemaust:

"Ein ziemlich dreister Diebstahl wurde vorgestern Abend halb 10 Uhr vereitelt. Bewohner des Hauses Fritz-Reuterstraße 7 gewahrten in ihrem Garten, wie Bretter von dem benachbarten Zimmerplatz herüberspazierten und bald darauf hinter einer Bretterbude verschwanden. Da die Spitzbuben noch vor dem Eintreffen der Polizei gestört worden waren, konnten die drei eingetroffenen Gendarmen sich nur davon überzeugen, daß thatsächlich Bretter gestohlen waren. Als nach Durchsuchung des Gartens die Gendarmen mit noch anderen Leuten vor der Gartenthür standen, kam unvermuthet der Mann ohne Hut, den man beim Stehlen gesehen hatte. Der ihn anhaltende Gendarm erhielt einen Schlag, von dem er fast zu Boden stürzte, und der vermuthliche Dieb ergriff die Flucht; trotz der Verfolgung konnte man denselben nicht festhalten. (DNN)"

Das Scheusal der Dresdner Heide wurde immer noch nicht gefasst, jetzt schaltet die Staatsanwaltschaft eine amtliche Anzeige in den Zeitungen dieser Stadt:

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Sonnabend, 6. März 1897

Das Wetter fährt mit uns Achterbahn:

"Bei abermals wechselnder Bewölkung und vorwiegend trocknem Wetter fand am 4. März eine mäßige Wärmezunahme statt. Die Minima der Temperatur gingen von 3 Gr. (Dresden) herab bis – 6 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 5 und – 4 Gr. an denselben Stationen und das Maximum wurde mit 8,2 Gr. (Dresden) erreicht. Schneetiefen Reitzenhain 30 Cmtr., Fichtelberg 90 Cmtr. Die Wetterlage hat sich wieder etwas gleichmäßiger gestaltet, indem der tiefe Druck unter 740 mm. sich auf den Westen beschränkt (Minimum 736 Mm. über dem nördlichen Schottland) und hoher Druck mit einem Maximum von 764 Mm. im Nordosten lagert, von wo sich derselbe nach Südosten ausbreitet. Die hierdurch bedingte Südwest- bis Südost-Strömung ist mit wolkigem, vorwiegend trocknem Wetter verbunden, worin abermals wenig Wechsel zu erwarten ist.
Aussichten: Veränderlich. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 7 Gr. Wärme, niedrigste 2 Gr. Wärme. Bewölkt. Südostwind. (DN)"

Heute wird sehr ausführlich über Onkel Albert und Tante Carola berichtet:

"Ueber den Aufenthalt Ihrer Majestäten des Königs und der Königin auf Kap Martin wird unter dem 2. März gemeldet, daß allerhöchstdieselben sich des besten Wohlseins erfreuen und täglich Ausflüge zu Wagen und zu Fuß unternehmen. Unter Anderem begaben Ihre Majestäten sich am 24. v. M. auf der wegen ihrer landschaftlichen Schönheiten weltberühmten Route de Corniche, welche sich längs der felsigen Meeresküste bergauf, bergab von Nizza nach Genua hinschlängelt, nach dem hochgelegenen Dorfe La Torbie, wo der Thee eingenommen wurde. Die Herrschaften hatten bei klarstem Wetter eine herrliche Aussicht und den überaus seltenen Anblick der hohen Felsengebirge von Korsika, welche sich am fernen Horizont zeigten. Am 25. Februar Vormittags fuhren Ihre Majestäten nach Cannes, wo Se. Majestät der König verschiedene daselbst anwesenden Fürstlichkeiten Besuche abstattete und sodann mit Ihrer Majestät der Königin das Diner beim Kaiserlich Russischen Kammerherrn v. Silvansky und dessen Gemahlin, geb. Freiin v. Lützenrode, einer früheren Hofdame Ihrer Majestät der Königin, einnahmen. Am vergangenen Sonnabend empfingen Ihre Majestäten den Besuch S. Königlichen Hoheit des Grafen v. Caferta und dessen zwei Prinzessinnen-Töchter, und Tags darauf den der Frau Erzherzogin Maria Theresa und der Erzherogin Elisabeth, Kaiserliche und Königliche Hoheiten. Am Sonnabend waren der Kommandeur des in Mentone garnisonirenden 27. Bataillons der Chasseurs Alpins, Msgr. Bangillot, sowie der Maire von Mentone Mr. Blovés, mit Einladungen zur Königlichen Tafel und am Montag die Gemahlin des Generaladjutanten Generalleutnant v. Treitschke, ingleichen der Königlich Sächsische Major z. D. v. Momthé nebst Gemahlin mit Einladungen zum Frühstück ausgezeichnet worden. Nachmittags wohnten beide Majestäten in Mentone vom Hotel Royal Westminster aus dem Karneval bei und folgten mit Interesse dem bunten Schauspiele der Aufzüge und Maskeraden. Bei der am Dienstag erfolgten Ankunft Sr. Majestät des Kaisers v. Oesterreich begrüßten die sächsischen Majestäten denselben im Hotel. An diesem Tage statteten auch Ihre Königl. Hoheiten der Herzog und die Frau Herzogin von Cumberland dem Königspaare einen Besuch ab und nahmen an der Königl. Frühstückstafel Theil. In den letzten Tagen war das Wetter etwas trübe, doch hoffte man, daß es sich bald wieder aufhellen werde, nachdem es am Montag und Dienstag stark, aber nicht lange geregnet hat. (DNN)"

Des Weiteren:

"Mentone. 3. März. Ihre Majestäten der König und die Königin von Sachsen verweilten gestern über eine Stunde im Hotel Royal, um von hier aus das auf- und niederwogende Karnevalstreiben zu beobachten. Mit regem Interesse und großem Vergnügen verfolgte das hohe Paar das flotte, fröhliche Leben, welches den heißblütigen, leichtlebigen Südländer so recht charakterisirt. Zwei im selbigen Hotel wohnende Dresdner Damen benutzten die günstige Gelegenheit, ihrer hochverehrten Landesmutter kostbare Blumen zu überreichen, die mit sichtlicher Freude huldvollst entgegengenommen wurden, wobei Ihre Majestät in ihrer bezaubernden leutseligen Weise sich längere Zeit mit beiden Damen unterhielt. Auch Se. Majestät der König beehrte einen aus Gesundheitsrücksichten hier weilenden Dresdner Kaufmann mit zweimaliger Ansprache, freundliche Theilnahme an dessen Befinden bekundend. (DN)"

Übermorgen reist Die Gattin von Schorsch d. J. ins Nachbarlande:

"Ihre Königl. Hoheit die Frau Prinzessin Johann Georg gedenkt sich Montag Abend zum Besuche Ihres Bruders, des Herzogs Ulrich von Württemberg, Königl. Hoheit, nach Wien zu begeben. Im Gefolge werden sich befinden: die Ehrendamen Freifrau von Finck und der persönliche Adjutant Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Johann Georg, Premierleutnant von Nostitz-Wallwitz. Die Rückkehr der Frau Prinzessin nach Dresden erfolgt voraussichtlich am 12. März Vormittag. (DN)"

Zwei Beschlüsse des Vorstandes der Kreuzkirchenparochie lösen zum einen zunächst Zustimmung zum anderen aber auch Verwunderung aus:

"Der Kreuzkirchenvorstand hat beschlossen, in Anbetracht des Brandunglücks nicht wie bisher 9 Prozent Kirchensteuer zu erheben, sondern 11 Prozent, ein Beschluß, der wohl nirgends auf Widerspruch stoßen wird. Nicht ganz so zweifellos ist dies jedoch bei dem weiteren Beschluß, der auf Erbauung einer Interimskirche geht. Hierzu bedarf es der Zustimmung des Kirchenpatrons, also des Stadtraths. Man greift wohl nicht fehl mit der Annahme, daß der Bau einer solchen Zwischenkirche auf sehr erheblichen Widerstand stoßen wird. Um die gottesdienstlichen Bedürfnisse der Kreuzparochie zu befriedigen, bietet sich als natürliches Auskunftsmittel die Benutzung anderer Kirchen dar, wie dies bereits während des Umbaus der abgebrannten Kreuzkirche der Fall war. Namentlich empfiehlt sich eine größere Inanspruchnahme der Frauenkirche und man begreift im Publikum nicht, warum gerade dies so schwierig sein soll. Der Bau einer Interimskirche würde aber nicht nur sehr viel unnöthige Kosten verursachen, sondern auch ganz gewaltig den Neubau selbst verzögern. Ohne eine Interimskirche kann eine neue Kreuzkirche in 1 ½ bis höchstens 2 Jahren entstehen; beim Vorhandensein einer Interimskirche kann das 5 Jahre dauern. (DN)"

Neues vom neuen Hauptbahnhof:

"Seit einigen Wochen ist die Bauthätigkeit im vollen Umfange wieder aufgenommen worden und auf allen Staats-, städt. und privaten Bauten sieht man viele fleißige Hände sich regen. Bedeutende Fortschritte haben die Bauten am Hauptbahnhofe, die auch während der Wintermonate, soweit thunlich, fortgesetzt wurden, gemacht. Die Eisenwölbung an der nördlichen Halle, welche von der Firma August Klönne in Dortmund, gleichwie die Haupthalle und die bereits jetzt in Gebrauch befindliche Südhalle, geliefert und montirt wurden, sind in der Hauptsache gleichfalls weit gefördert worden, so daß in wenigen Monaten der Eisenbau dieses Riesenbauwerkes fertig dastehen wird. Auch der Königspavillon zwischen Prager- und Carolastraße ist im Rohbau so ziemlich vollendet. Er ist aus reinem Sandstein hergestellt. Auch die übrigen Arbeiten nehmen einen raschen Fortgang, so daß bis zum Ende d. J. der Hauptbahnhof ziemlich fertig dastehen dürfte. An der Eisenbahn-Elbbrücke kann dagegen von einer sonderlichen Veränderung gegenüber dem Stande am Ende des vorigen herbstes nicht groß die Rede sein, da die Eisenconstruction über die Strompfeiler noch nicht angeliefert ist; dagegen sind die Steinmetzen auf ihrem Werkplatze am Ufer beim Palaisgarten in reger Thätigkeit. (DNN)"

Und Neues aus der Zunft der Friseure. Das Abdrehen der Murmel soll teurer werden:

"Die Barbiere und Friseure gehen mit einer Preiserhöhung für ihre Kunstfertigkeit um. Der „Sechserdoktor“ gehört längst der Vergangenheit an, aber auch der Preis eines ganzen Nickels wird jetzt für zu billig befunden, und was ein echter Haarkünstler ist, kann sich nicht mehr mit dem Gedanken versöhnen, die Scheere und das Brenneisen fürder noch für 30 Pfg. zu schwingen. Die Bewegung für die Preiserhöhung ist allgemein geworden. Der Hauptvorstand des Bundes deutscher Barbier-, Friseur- und Perrückenmacher-Innung hat einen Aufruf an sämmtliche Zweiginnungen im Deutschen Reiche erlassen, worin er sie zu einem gemeinsamen, einheitlichen Vorgehen in dieser Frage auffordert. Alle Innungen sollen Anfangs nächsten Monats beschließen, die Preise für Rasiren auf 15 oder 20 Pfg., für Haarschneiden durchschnittlich auf 40 Pfg. zu erhöhen. (DN)"

Widmen wir uns den morgigen Genüssen zu. Was kommt auf den Sonntagsteller:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Blumenkohlsuppe. Russischer Aspic mit Kaviar. Rindslende mit Spargel. Steinbutt mit Austernsauce. Gebratene Schnepfen mit Kompot und Salat. Eistorte. – Für einfachere: Suppe mit Griesnocken. Kalbskeule mit Kirschenkompot. (DN)"

Das Ereignis für die Wagnerfreunde kündigt sich an und wohl die meisten Jünger werden seufzend und aus pekuniären Gründer zu Hause bleiben müssen. Daran wird sich auch 119 Jahre später nichts ändern:

"Die diesjährigen Bühnenfestspiele in Bayreuth bringen den „Parsival“ und den „Ring des Nibelungen“, und zwar kommt Parsifal 8 Mal, nämlich am 15., 27., 28., 30. Juli und am 8., 9., 11. und 19. August, der Ring der Nibelungen 3 Mal, nämlich vom 21. bis 24. Juli, vom 2. Bis 5. und vom 14. bis 17. August zur Aufführung. Die Aufführungen des „Rheingold“ beginnen nachmittags um 5 Uhr, diejenigen der übrigen Werke um 4 Uhr. Zwischen den einzelnen Aufzügen sind längere Pausen. Eintrittskarten zu 20 Mk. für den nummerirten Sitzplatz für jeden Abend sind vom Verwaltungsrath der Bühnenfestspiele (Telegramm-Adresse: „Festspiel-Bayreuth“) zu beziehen. (DNN)"

Aber der Freischütz ist doch auch etwas. Oder? Fast so "teutsch" wie der "Ring" und dazu noch rein sächsisch:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der Freischütz.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 7 Uhr: Maria Stuart.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Nanu? Keine Polizei? Keine Feuerwehr? Da schauen wir mal wieder in die Gerichtsstube:

"Amtsgericht. Gegen die Bekanntmachung vom 16. Juli 1885, welche verbietet, daß junge Leute unter 17 Jahren den Tanzsaal besuchen dürfen, sündigte der Fortbildungsschüler Ernst Wilhelm Bräuer, 1881 geboren, der an einem Sonntag den Tanzsaal im Gasthof zu Briesnitz betrat und dort verweilte. Vom Gemeindevorstand ging dem Vater des Beklagten eine Strafverfügung von 3 Mk. zu, gegen die erfolglos Antrag auf gerichtliche Entscheidung erhoben wurde. – Gegen eine polizeiliche Strafverfügung von 10 M. erhob der Kaufmann Heinrich Paul Bochmann, Besitzer einer Ofenfabrik auf der Pillnitzerstraße, Einspruch. Bochmann ist beigemessen, geduldet zu haben, daß sein Hund, welcher eine große Niederlage (die Waarengegenstände im Werthe von gegen 15.000 M. enthält) bewachen muß, die Ruhe der übrigen Nachbarschaft durch lautes Bellen störte. Der Beklagte war bemüht, nachzuweisen, daß einem wachsamen Hunde das Bellen zur Abwehr diebischer Eingriffe gestattet sein müsse, das Gericht konnte sich dieser Ansicht aber nicht anschließen und bestätigte die verfügte Polizeistrafe. – Der Arbeiter Bruno Albert Klemm, 1861 in Leipzig geboren, entwendete einem Musiker eine Klarinette im Werthe von 20 M. Unter Berücksichtigung des Umstands, daß Kl. Durch seine ordinäre Handlungsweise einen armen Musiker zweitweise erwerbsunfähig machte, erkannte das Schöffengericht auf 1 Monat Gefängniß. Bei der Strafabmessung wurde eine wegen Eigenthumsvergehens bereits verbüßte Vorstrafe in Betracht gezogen. (DN)"

Auf zum Schlachtfest in die Alaunstraße. Aber wer weiß, wenn der Fleischer schon der "schlanke Max" heißt:

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Freitag, 5. März 1897

Wie soll das Wetter werden? Der Frosch gelobt Besserung:

"Bei wenig veränderter Temperatur und wechselnder Bewölkung fanden am 3. März vereinzelt schwache Niederschläge statt. Nachtfrost trat mehrfach auf. Die Minima gingen von 2 Gr. (Dresden) herab bis – 6 Gr. (Fichtelberg), die Mitteltemperaturen lagen zwischen 5,5 und – 4 Gr. an denselben Stationen und das Maximum betrug 2,3 Gr. (Leipzig). Schneetiefe am Fichtelberg 90 Cmtr. Das Nordseegebiet und die südliche Ostsee werden von tiefem Druck erfüllt, welcher über Jütland, im Norden von Schottland und in der irischen See Minima unter 740 Mm. aufweist. Zu den bisherigen hohen Druck im Norden (Haparanda 763 Mm.) kommt ein zweites Maximalgebiet im Südwesten (Clermont 764 Mm.), unter dessen Einfluß eine an der Küste stürmische, im Binnenlande mäßige bis frische Südwestströmung stattfindet, welche bei wechselnder Bewölkung vorwiegend trockenes Wetter bringt. Die Temperatur ist ziemlich gleichmäßig und kühl. Die Ausbildung des hohen Drucks im Südwesten und die Bewegung des Depressionscentrums in nordöstlicher Richtung lassen auf Fortbestand der Wetterlage schließen.
Aussichten: Aufheiternd. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 11 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Heiter. Westwind. (DN)"

Etwas von unserem reiselustigen Königspaare:

"Se. Majestät der König gedenkt nach den zur Zeit getroffenen Dispositionen Donnerstag am 18. März, früh 1 Uhr 19 Min. von Mentone abzureisen und am 19. März Abends 8 Uhr 4 Min. in Begleitung Sr. Excellenz des Generaladjutanten Generalleutnants v. Treitschke, des Leibarztes Geh. Raths Dr. Fiedler und des Legationssekretärs v. Nostitz Drzewicki in Dresden einzutreffen, während Ihre Majestät die Königin noch einige Zeit auf Kap Martin verweilen wird. Sonnabend den 20. März Abends 7 Uhr 20 Min. wird sich Se. Majestät der König, einer Einladung Sr. Majestät des Kaisers Folge leistend, nach Berlin  begeben, um an der Feier des 100jährigen Geburtstags Sr. Majestät des hochseligen Kaisers Wilhelm I. theilzunehmen. Der Aufenthalt in Berlin wird sich voraussichtlich auf einige Tage erstrecken. (DN)"

Wer sich schon wieder nach Albert sehnt, dem kann geholfen werden:

"Ein vortreffliches Portrait Sr. Majestät des Königs Albert, welches sich namentlich für Diensträume bei Behörden und Unterrichtsräume in Schulen eignet, ist gegenwärtig in der Kunstanstalt für Oelfarbendrucke Müller u. Lohse, hier, hergestellt worden. das Portrait ist vorzüglich in bunt wie in Photographiemanier ausgeführt und kosten die größeren (54 : 70 Centimeter) 2 Mk., die kleinen (30 : 51 Centimeter) nur 1 Mk. Die Bilder sind zum Ankauf sehr zu empfehlen. (DNN)"

Fritze August war trinken:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August nahm gestern Nachmittag an dem Diner im Offiziers-Casino des Garde-Reiter-Regiments Theil. (DN)"

Und heute hat er gleich noch Grund weiter zu feiern:

"Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich August begeht heute seinen Namenstag. (DN)"

Bald beginnt der Bau der Jacobikirche am Wettiner Platz. Zunächst mit Abriss und auch einer Interimskirche bekommt die Gemeide:

"Die alte Stiftskirche, das jetzige Gotteshaus der Jacobigemeinde, wird in nächster Zeit abgebrochen werden, um den Bauplatz für die neue schmucke Kirche frei zu legen. Um nun der Gemeinde für die Bauzeit eine gottesdienstliche Stätte zu beschaffen, hat das Landeskonsistorium die Errichtung einer Interimskirche genehmigt. Dieselbe kommt in den Garten zwischen die alte Ehrlichsche Stiftsschule und das Elektricitätswerk an der Stiftstraße zu stehen und es wird bereits von Herrn Zimmermeister Noack auf dessen Zimmerplatz das Material dazu so weit vorgerichtet, daß der Aufbau in wenigen Wochen beginnen und bis Ende Mai fertig gestellt werden kann. Altar und Orgel sollen aus der alten Kirche dabei Verwendung finden. Mit dem Abbruch soll, sobald der Interimsbau fertig ist, sofort angefangen werden und hofft man bis dahin auch die Genehmigung der Baupläne zur neuen Kirche bei den zuständigen Behörden zu finden. Das Bild der alten Kirche ist zur bleibenden Erinnerung dem soeben erschienenen Jahresberichte der Gemeinde als Titelblatt aufgedruckt. Die Seelenzahl der Parochie betrug bei der letzten Volkszählung 17.702 Evangelische, ist aber inzwischen durch zahlreiche Neubauten erheblich gewachsen. Geboren worden im Vorjahre 435 Kinder, getauft 419, confirmirt 256. Getraut worden 200 Paare. Gestorben sind 457 Gemeindeglieder und zwar 251 Erwachsene und 206 Kinder. Die Zahl der Communicanten ist auf 3063 gestiegen. Ausgetreten aus der evangelischen Kirche sind 2, eingetreten ebensoviel Personen. An Stiftungen gingen der Kirche 6000 Mark von Herrn Privatus L. Bierling für den Kirchenbau zu. Die Gemeindediakonie hat sich auch im 3. Jahre ihres Bestehens sehr segensreich erwiesen. Es wurden 289 Kranke und Sieche verpflegt. Aus den Schwesterküchen wurden 4096 Liter Suppe verabreicht, zu denen 2094 Pfund Fleisch verbraucht wurden. Milch wurden 1302 halbe Liter vertheilt. Die Directionen der Straßenbahnen gewährten den Schwestern freie Fahrt. Zu Weihnachten konnte 263 Personen in 91 Familien bescheert werden. In der Gemeinde besteht ein Jungfrauen-, ein Jünglings- und ein Frauenverein. Zum Kirchen- und Pfarrhausbau wurden 400.000 Mark unter sehr günstigen Bedingungen beim Landwirthschaftlichen Creditverein aufgenommen. Die neue Jacobikirche wird nach den Plänen und dem Modelle des Architekten J. Kröger in Wilmersdorf bei Berlin erbaut. (DNN)"

Löbtau ist auf den Hund gekommen. Das ist ja nun nichts aufregend Neues, gemeint ist aber ein echter Spitz:

"Löbtau. Seit circa 3 Wochen ist in dem Hundezwinger hiesiger Gemeinde ein schwarzer Hund (Spitz) untergebracht, ohne daß sich der Besitzer dieses Hundes bis jetzt gemeldet hat, es wird nunmehr über denselben zu Gunsten der Armenkasse verfügt werden. (DNN)"

Aber etwas Neues sind die Partyfässer:

"Unter der Devise: „Kein Flaschenbier mehr, trinke vom Faß!“ wird von der Bier-Grossohandlung Inh. Jul. Wachsmuth (Grünestraße 8)  ein neues System des Bierversandes, ein sogenannter Bierfaß-Automat (System Krüger-Thiel) in den Handel gebracht. Durch die salonfähig ausgestatteten Bierfaß-Automaten erhalten die Consumenten ein stets frisches, mundendes, gut moussirendes Getränk, welches sich nicht theurer stellt als Flaschenbier, Letzteres aber an Qualität übertrifft. Die Construction des Bierfaß-Automaten, wie auch das Material aus welchem derselbe hergestellt ist, sichern nach Angabe der obengenannten Firma eine dauernde, zuverlässige Gebrauchsfähigkeit. Wobei jede Gefahr ausgeschlossen ist, da dieser Bierfaß-Automat nur mit einem Kohlesäuredruck  von 1 ¼ Atmosphären gefüllt wird, also gegenüber anderen Apparaten aus Glas, welche mit auf 10 Atmosphären gespannter Kohlensäure versehen werden, eine absolute Sicherheit gewährt. Die Apparate werden nach Gebrauch mittelst scharfer Wasserstrahlen gereinigt und ist somit eine Säuberung von allen Bierresten garantirt. Geleitet durch die Erkenntniß, daß es für das Bier nichts Schädlicheres geben könnte als Metallberührung, sind in diesem Bierfaß-Automaten alle Flächen, welche mit Bier in Berührung kommen, mit einer bierfesten und dauerhaften Glasur versehen, daß eine Trübung des Bieres selbst nach Wochen nicht eintreten kann. Dieser Automat, ein doppelwandiges Faß, ist in der Weise ausgebildet, daß das innere Gefäß mit festverbundenem Deckel zur Aufnahme des Bieres dient. Dieses Innengefäß ist von einem Ueberfaß umschlossen und dient der Zwischenraum zwischen Innen- und Außengefäß als Magazin für die gespannte Kohlensäure. Die in dem Zwischenraum aufgespeicherte Kohlensäure genügt, um das Bier aus dem Innengefäß zu verdrängen bezw. abzuzapfen. Auf dem mittleren Spundloch des oberen Faßbodens befindet sich der Zapfhahn und ragt einerseits dessen Ausschankrohr bis über den Faßrad hinaus, während anderseits in das Innengefäß ein Steigrohr bis dicht über den Boden hinabreicht, Schraubt man mittelst der Mutter den Zapfhahn ab, so bietet sich das Spundloch zum Füllen des Innengefäßes mit Bier dar. Das drehbare Ventil des Zapfhahns wird durch einen Hebel mit Kugelgriff geöffnet oder geschlossen. In geschlossener Stellung liegt der Hebel des Hahnventils horizontal über dem oberen Faßboden und kann in dieser Lage durch Plombe oder Schloß für Unberufene abgesperrt werden. Der Zapfhahn hat eine Einrichtung, welche sicher das Nachtropfen verhütet. Die Rohre am Zapfhahn sind innen und außen verzinnt und glasirt. Das gefüllte Faß enthält genau 5 und 10 Kilogr. Bier, das in sieben verschiedenen Sorten gewählt werden kann. Die Automaten sind nicht käuflich, sondern werden gefüllt geliefert und leer wieder abgeholt. Ausführliche Prospecte sind von der Bier-Grossohandlung von Jul. Wachsmuth, Dresden, kostenfrei zu beziehen. Namentlich für kleinere Gesellschaften dürften diese Automaten viel Anklang finden. (DNN)"

Mit Schloss gegen Benutzung Unberufener, Nun, ob das hilft?
Apropos Schloss und Schlossstraße:

"Die Räume des Schloßkeller-Restaurants, Schloßstraße Nr. 14, bieten gegenwärtig einen äußerst angenehmen und behaglichen Aufenthalt. Die an und für sich schon gemüthlichen Gastzimmer haben noch einen besonderen Schmuck durch eine von unzähligen Tannen hergestellte Decoration gefunden, welche von ganz besonderer Wirkung ist. Aber auch die leibliche Verpflegung ist vortrefflich und preiswerth und die Speisenkarte bietet zu jeder Tageszeit die reichste Auswahl. Zum Ausschank gelangt das berühmte Münchner Löwenbräu –„Salvator“. (DNN)"

Und vor dem berufenen Genuss des Salvator gibt es erst einmal eine Grundlage:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Eingebrannte Suppe. Fricassee von Kalbfleisch. Gebratene Tauben mit Salat. Bayrische Dampfnudeln mit Vanillensauce. – Für einfachere: Rindfleisch mit Kartoffelstückchen. (DN)"

Freilich gibt es auch heute Theater:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Der schwarze Domino.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Renaissance.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Der amtliche Polizeibericht:

"Polizeibericht. Am Dienstag stürzte unterhalb der Körnerstraße ein halb vier Jahre alter Knabe von in die Elbe führenden Stufen in das Wasser. Das Kind wurde von einem in der Nähe aufhältlich gewesenen, rasch herbeigeeilten Arbeiter unmittelbar darauf an den Kleidern wieder herausgezogen und sodann von einem anderen Arbeiter unbeschädigt nach der elterlichen Wohnung getragen. – Seit dem 2. d. M. ist ein hier wohnhafter kaufmännischer Beamter verschwunden. Aus einem am anderen Tage bei den Angehörigen eingegangenen Briefe desselben geht hervor, daß er die Absicht gehabt hat, sich das Leben zu nehmen. Der Vermißte ist 31 Jahre alt und trug zuletzt blau und schwarz gestreifte Joppe, braunes Beinkleid, graues Unterbeinkleid, graues Jägerhemd, grauwollene Strümpfe und Halbschuhe. (DA)"

Und immer wieder: Auf die Garderobe ist selbst zu achten:

"Cotta. Einem Geschäftsreisenden, welcher in der Hofbrauhausschänke verkehrt hat, ist sein werthvoller dunkler Ueberzieher mit Pelzkragen und Hut gestohlen worden. Von dem Thäter hat man keine Spur. (DNN)"

Heutzutage wird aus jeder Scheiße Geld gemacht:

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Donnerstag, 4. März 1897

Immer noch unfreundliches Wetter und etwas kühler soll es auch werden:

"Der 2. März brachte bei abnehmender Temperatur vorwiegend trübes Wetter mit Niederschlägen, die besonders am Nachmittag ziemlich ausgebreitet waren. Die Minima der Temperatur gingen von 4,5 Gr. (Dresden) herab bis – 3 Gr. (Fichtelberg), die Mitteltemperaturen lagen zwischen 6 und – 2 Gr. an denselben Stationen, das Maximum betrug jedoch 9,7 Gr. (Dresden). Schneetiefe Reitzenhain 27 Cmtr., Fichtelberg 90 Cmtr. (Auch am 2. März hatte der Fichtelberg noch 90 statt 60 Cmtr. An der Ostküste von Schottland hat sich die Depression bis auf 727 Mm. vertieft und unter ihrer Einwirkung steht der größte Theil des westlichen Kontinents. Ueber 760 Mm. beträgt der Luftdruck nur noch im Nordosten. An der Küste sowie in Frankreich, Südwest- und Nordwest-Deutschland herrscht bei stürmischen Südwestwinden meist trübes Wetter mit Niederschlägen, während bei uns durch die Ablenkung der Seeströmung zeitweise Aufklarung und Wärmeabnahme eingetreten ist. Bei der vermuthlich in südöstlicher Richtung sich ausbreitenden Depression dürften jedoch von Neuem Niederschläge zu erwarten sein.
Aussichten: Niederschläge. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 8 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Früh heiter, Vormittags Regen, Nachmittags heiter, bedeckt. Südwestwind. (DN)"

Punkt Mitternacht war Schluss mit lustig. Gemeint ist 24:00 Uhr am Faschingsdienstag, welcher auch im Schloss gebührend gefeiert wurde:

"Die diesjährigen Karnevalsfestlichkeiten am Königl. Hofe wurden am vorgestrigen Fastnachtsdienstag mit einem großen Hofball beschlossen. In Abwesenheit Ihrer Majestäten des Königs und der Königin hatte Se. Königl. Hoheit Prinz Georg die Repräsentation bei dem Feste übernommen, an welchem auch Ihre Königl. Hoheiten der Prinz Friedrich August, der Prinz und die Frau Prinzessin Johann Georg und die Prinzessin Mathilde theilnahmen. Da der Fastnachtsball in Rücksicht auf den Beginn der Fastenzeit bereits um 12 Uhr sein Ende findet, waren die Einladungen auf 8 Uhr, also für eine halbe Stunde früher als bei den anderen Hofballfesten ergangen. Von halb 8 Uhr an nahm die Versammlung der eingeladenen Gäste im großen Ballsaal ihren Anfang, und bald zeigten die Königl. Gemächer das glänzende, für die Feste am Königl. Hofe charakteristische Bild gesellschaftlichen Lebens. Den Gästen wurden im Vorzimmer zur französischen Galerie seitens einer Ehrenwache des Königl. Gardereiterregiments die militärischen Ehren erwiesen. Besondere Aufmerksamkeit in dieser Galerie erregen neben den werthvollen Bronzen und Porzellanen die lebensgroßen Portäts der Könige von Polen und Kurfürsten von Sachsen August´s II. (des Starken) und August´s III, sowie ihren Gemahlinnen. Kurz vor ¼ 9 Uhr erschienen die Prinzl. Herrschaften im großen Ballsaale und hielten Cercle. In der vornehmen Versammlung gewahrte man das Corps dipolmatique, die Herren Staatsminister nebst Gemahlinnen, den Königl. und den Prinz. Dienst, die Generalität und zahlreiche Offiziere mit ihren Damen, die hoffähigen Civilstaatsdiener der verschiedenen Departements, Damen und Herren der Aristokratie und der Fremdenkolonien, Vertreter der Kunst und Wissenschaft, des Handels und der Industrie. Nachdem der Cercle beendet war, wurde der Tanz, an dem die jungen Prinzl. Herrschaften lebhaft theilnahmen, mit dem Strauß´schen Walzer „Künstlerleben“ eröffnet. Hiernach entwickelte sich ein reger Verkehr der Festtheilnehmer zwischen dem Ballsaale und dem in der Reitschule etablirten Konditoreibuffet, dessen Mittelplatz der Ihren Majestäten von der Stadt Freiberg gewidmete silberne Blumenkorb, den Bergbau charakterisirend, zierte. Dieser Aufsatz stand inmitten einer Blattpflanzen- und Blumengruppe und war von Meißner Bisquitporzellanfiguren (griechische Kinder darstellend) umgeben. Um ½ 11 Uhr fand das Souper statt, das im Thron-, bankett- und Speisesaale stehend an Bufetts eingenommen wurde. Im Thronsaale gelangte das Goldservice, in den beiden anderen Sälen das Silberservice zur Verwendung. Den Hintergrund des hufeisenförmigen Buffets im Thronsaale bildete ein kunstvoller Aufbau mächtiger Blattpflanzen und Blumen, welcher die ganze Kopfseite der Tafel einnahm und bis zur Deckenhöhe reichte. In dieser von der Hofgartenverwaltung hergestellten Riesengruppe waren goldene Prunkgefäße placirt, deren Mittelpunkt ein großer Tafelaufsatz in Gestalt eines aufrechtstehenden, gekrönten Löwen mit Reichsapfel und sächsischem Wappenschilde, ein Meisterwerk der Nürnberger Goldschmiedekunst aus der Zeit um 1600, bildete. Flankirt wurde der Löwe von zwei großen gehenkelten Vasen, während nach unten zu Pokale in der Form von Melonen, ebenfalls Nürnberger Arbeiten aus dem 16. Jahrhundert, gruppirt waren. Das Ganze bekrönte ein antikes, aus Augsburg stammende Tablet von 1 ½ Mtr. Durchmesser, welches in getriebener Arbeit die Venus in der Werkstatt des Vulkan darstellt. Das ganze, durch den herrlichen Blumenflor auf das Wirksamste gehobene Arrangement wurde von großen goldenen Muschelreflektoren mit zahlreichen Kerzen, sowie von der im elektrischen Lichte strahlenden Kron- und Wandleuchten auf´s Vortheilhafteste beleuchtet. Auch die neben der Eingangsthür errichteten Goldbuffets erweckten durch die Reichhaltigkeit der Sammlung von Jahrhunderte alten goldenen Tafelprunkstücken aus den Schätzen der Königl. Hofsilberkammer und des Grünen Gewölbes allgemeinstes Interesse. Nachdem Schlag 12 Uhr der Tanz, zu dem das Hoboistenkorps des Königl. 1. (Leib-) Grenadier-Regiments Nr. 100 die Hofballmusik ausführte, mit einem Cotillon endete, zogen Ihre Königl. Hoheiten die Prinzen und Prinzessinnen sich zurück, worauf auch die Gäste die Königl. Paradegemächer verließen. Das Fest war von 700 Personen besucht. (DN)"

Und am Aschermittwoch sah man noch einige Narren die Straße entlang schleichen. So wie diesen Ritter imn Striesen:

"Mit wahrer Todesverachtung wankte gestern früh eine Gestalt, bekleidet mit Ritterhelm und Federbusch, Rittermantel usw. durch die Wartburgstraße, man glaubte ein Stück „Alte Stadt“ zu sehen, den unwillkürlich dachte man an die „Male“. Ritter Kunibert schien nach durchtanzter Maskenball-Nacht die heimischen Penaten aufzusuchen, denn seine blasse Gesichtsfarbe zeigte von muthig gestandenem Gefecht mit der Göttin Terpsichore; auch mit Bachus dürfte er stark angebändelt haben. (DNN)"

Nein, keine Sorge und auch keine falschen Gerüchte. In der Dreikönigskirche hat es nicht gebrannt, es war nur die angekündigte Übung mit der Präsentation der Dampfspritze:

"Die aus Anlaß des Kreuzkirchenbrandes in Fluß gekommene Frage, ob die Anschaffung von Dampfspritzen für die hiesige städtische Feuerwehr wünschenswerth sei, hat Veranlassung gegeben zu einer heute Vormittag an der Dreikönisgkirche vorgenommenen Probe. Zu dieser hatte die Militärverwaltung in entgegenkommender Weise ihren Löschzug mit der Dampfspritze, sowie die dazu gehörigen Offiziere und Mannschaften zur Verfügung gestellt, während seitens der städtischen Feuerwehr der Löschzug der Neustädter Hauptwache zur Theilnahme an der Probe beordert worden war. Gegen 9 Uhr trafen diese Abtheilungen an der Kirche ein, woselbst sich bald ein Kreis besonders an dieser Frage Interessirter einfand. Außer Herrn Oberbürgermeister Geh. Finanzrath Beutler, dem Veranstalter dieser Probe, waren der Stadtkommandant se. Excellenz Generallieutenant v. Zeschau, sowie mehrere Offiziere, außerdem aber von der Stadtverwaltung einige Stadträthe und Stadtverordnete (von letzteren besonders die Mitglieder des Tiefbau-Ausschusses), sowie die Herren des Kirchenvorstandes u. a. m. anwesend. Die Probe sollte feststellen, in welchem Verhältnisse der Druck der städtischen Wasserleitung zu demjenigen der Militärdampfspritze steht, welche Wassermenge zum Speisen der Dampfspritze erforderlich ist u. s. w. Für die Militärabtheilung gab Herr Major Meißner, für die städtische Feuerwehr Herr Branddirektor Thomas die Kommandos. Die Dampfspritze, der von zwei Straßenhydranten durch vier Schlauchleitungen das Wasser zugeführt wurde, arbeitete beim ersten Angriffe mit drei Strahlen. Der eine wurde direkt von der Straße gegen die Kirche geführt und erreichte den Rand des Daches; der zweite wurde von dem Treppenhause der Kirche durch eine Dachluke abgegeben und war nur ein geringeres stärker als ein ebendorthin gerichteter Strahl der Wasserleitung; der dritte Strahl der Dampfspritze wurde aus der Oeffnung des Glockenstuhls neben einem solchen der städtischen Wasserleitung gegeben, auch in diesem Falle trug erstere nur wenig weiter als die letztere. Anders gestaltete es sich aber, als die Dampfspritze später nur zwei und zuletzt nur einen Strahl abgab. Ein von der Straße aus in die Höhe gerichteter Strahl der Dampfspritze stieg bis zu den drei Figuren über dem nach der Königstraße zu gelegenen Portal, während ein Strahl aus dem Glockenstuhle trotz des dort oben herrschenden starken Windes bis zur Galerie des Thürmers reichte. Diese in dem letzten Theile der Probe erzielte Wirkung der Dampfspritze machte auf alle Anwesenden einen günstigen Eindruck. (DA)"

Dass der Frühling, zumindest meteorologisch begonnen hat, das kann man auch an der eingestzten Personenschifffahrt auf der Elbe sehen und auch stromauf werden die Landungsbrücken angebracht:

"Schandau, 3. März. Heute Vormittag 9 Uhr legten die Personendampfschiffe „Leitmeritz“, „Wettin“, „Stadt Wehlen“ un Pillnitz“ hier an, welche eine Anzahl Landungsbrücken mit sich führten, darunter auch die für die neu zu errichtende Station Bodenbach. Anläßlich dieser ersten heurigen Stromfahrt hatten diese Schiffe ihre Flaggen (Wimpel) gehißt. In Herrnskretschen, woselbst die Kamnitz noch weit in das Thal hineinstaut, begann man dieser Tage mit dem Zusammenfügen der Floßholztafeln, von denen dann mehrere zu größeren Prahmen zusammengebunden werden. Demnach dürfte auch in nächster Zeit der Flößereibetrieb für 1897 eröffnet werden. Voriges Jahr begann der Floßverkehr am 20. Februar und endete am 5. December. – Auf der Höhe des großen Winterberges gedenkt man nächstens mit dem Baue eines Wirthschaftsgebäudes nahe dem Berggasthause zu beginnen. (DA)"

Um was zwischen die Kauleisten zu bekommen brauchen wir nicht unbedingt zum Großen Winterberg latschen. Da gibt es auch zu Hause was Ordentliches:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Fleischbrühe mit verlorenen Eiern. Gebackene grüne Heringe mit Kräuterbutter. Hammelkeule mit Spinat. Reisflammeri mit Johannisbeeren. – Für einfachere: Hafermehlsuppe. Hefenklöse mit Pflaumenmus. (DN)"

Oder wir koksen in der Oper, machen unsere Bocksprünge, sehen danach wie der Struwwelpeter aus und schwören dann die ewige Liebe:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Haschisch. Der Struwwelpeter.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Ewige Liebe.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: Bocksprünge."

Es ist eben große Mist, wenn man als Fremder die Kneipe nicht mehr wieder findet:

"Polizeibericht. Am 27. v. M. hat ein von auswärts hier angekommener Arbeiter in einem Gasthause in Altstadt, wohin er mit einer Droschke zweiter Klasse gefahren ist, sein Gepäck – einen grauen Leinwandsack mit Kleidungsstücken und 200 Mk. in baarem Gelde – eingestellt. Er ist dann, um Arbeit zu suchen, fortgegangen und hat das Gasthaus nicht wiedergefunden. Sachdienliche Mittheilungen wolle man im Fundbureau der königlichen Polizeidirektion machen. (DA)"

Eine Sommerwohnung wird gesucht. Doch Vorsicht, wir schreiben das Jahr 1897 und aus gut unterrichteten Kreisen haben wir erfahren, dass ich in diesem Jahr ein schlimmes zerstörerisches Hochwasser anbahnen soll:

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Mittwoch, 3. März 1897

Zwar warm, aber weiterhin ungemütliche Regenschauer:

"Auf einen vorwiegend heiteren Vormittag folgte am 1. März Nachmittags trübes Wetter mit zeitweisen Niederschlägen. Die Temperatur zeigte geringe Änderungen; ihre Minima betrugen 4 Gr. (Dresden) bis – 1 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 7 Gr. (Dresden) und 1 Gr. (Altenberg), das Maximum war 11,3 Gr. (Leipzig). Schneetiefe am Fichtelberg nur noch 60 Cmtr. Bei anhaltend tiefem Druck im Nordwesten, welcher sich von Irland über Schottland bis an die norwegische Küste erstreckt, hat sich ein Theilminimum vor der Elbmündung gelagert, von dem sich die Depression über die westliche Hälfte des Kontinents bis nach Südbayern herein ausbreitet. Der hohe Druck übersteigt nur noch im Nordosten und Südosten 760 Mm. und erreicht sein Maximum bereits mit 763 Mm. bei Petersburg und Haparanda. Unter dem Einfluß der südöstlichen Strömung ist das Wetter bei uns am Morgen noch zeitweise heiter und trocken verlaufen, doch haben in der Nacht Niederschläge stattgefunden, die sich mit dem weiteren Vordringen des tiefen Drucks von Neuem einstellen dürften.
Aussichten: Niederschläge. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 10 Gr. Wärme, niedrigste 6 Gr. Wärme. Vormittags bedeckt, Nachmittags Regen. Westwind. (DN)"

Unser Königspaar leistete in Mentone einige Pflichtbesuche ab:

"Ihre Majestäten der König und die Königin haben während der letzten Tage in Mentone dem Erzherzog Rainer von Oesterreich, sowie dem Herzog von Cumberland, dem Fürsten von Thurn und Taxis und dem Großfürsten Michael von Rußland Besuche abgestattet. (DN)"

Ihr kunstinteressierte Sohn stattet mit seiner Frau Gemahlin in Dresden Arnolds einen Besuch ab:

"Ihre königl. Hoheiten Prinz und Prinzessin Johann Georg besuchten die Ausstellung der Neun Christusbilder im Kunstsalon der Königl. Hofkunsthandlung Ernst Arnold, Schloßstraße. (DA)"

Oliviers wurden auch besucht, von von und zu:

"Ihre kaiserl. u. königl. Hoheit die Frau Großherzogin von Toskana besuchte heute das Geschäft des Hoflieferanten Olivier in der Prager Straße und machte Einkäufe. (DA)"

Ebenfalls Totalverlust beim Kreuzkirchenbrande ist die Orgel. Über diese muss jedoch, entgegen anders lautender Meinungen, erklärt werden:

"Zu der beim Brand der Kreuzkirche vernichteten Orgel wird uns mitgetheilt: Die Annahme, daß das Orgelwerk eine Arbeit von Silbermann bez. Gebrüder Wagner in Suhl (Thüringen) gewesen sei, ist nur insofern richtig, als 1784, also längst nach dem im Jahre 1753 erfolgte Tode Silbermann´s, von Gebrüder Wagner in der Kreuzkirche eine neue Orgel erbaut worden ist, jedoch so unsolid und fehlerhaft, daß bereits in den nächsten Jahren von dem hiesigen berühmten Orgelbaumeister Kaiser (Schüler Silbermann´s, Erbauer der Annenkirchen-Orgel) nicht unwesentliche Reparaturen bez. Verbesserungsversuche vorgenommen werden mußten und Verbesserungen später auch von dem Sohne Kaiser´s ausgeführt wurden. Alle diese theuren Arbeiten erwiesen sich aber als zwecklos, und so wurde im Jahre 1827 der Orgelbaumeister Gotthold Jehmlich in Dresden beauftragt, fast sämmtliche Haupttheile zu erneuern. Verschiedene Ergänzungs- und Verbesserungsarbeiten wurden später vom Sohne des Genannten ausgeführt. Vor 2 Jahren gelegentlich der Kirchenrenovation ist aber das Werk von den Königl. Sächs. Hoforgelbauern Gebrüder Jehmlich hier nach pneumatischen System der Neuzeit entsprechend umgebaut und auch wesentlich vergrößert worden. Das alte Werk aus dem Jahre 1784 enthielt 48 Register, das neue Werk 67 klingende Register mit ca. 4000 Pfeifen. Von Gebrüder Wagner´s Arbeit war also längst nichts erhalten geblieben, und hat infolgedessen das verbrannte Orgelwerk, welches namentlich bezüglich des Tons als eines der vorzüglichsten in Deutschland von Sachverständigen bezeichnet wurde, als ein Jehmlich´sches Werk zu gelten. (DN)"

Auch Kanzel und Taufstein jener Kirche sind unwiederbringlich verloren:

"Von den Kunstwerken, welche durch den Brand der Kreuzkirche in Dresden verloren gingen, sei auch der Kanzel und des Taufsteines gedacht. Erstere hatte der Tischlermeister Johann Gottlob Hofmann angefertigt und die reiche Bildhauerarbeit dazu war von Wilhelm Müller und Sigmund Wolf hergestellt worden, während die Vergoldung Benjamin Porsch ausführte. Wolf und Porsch fertigten auch den Rahmen und die Vergoldung am Altar. Ein sehr schönes Werk war der Taufstein. Die Zeichnung dazu hatte Professor Casanova geliefert. Obertheil und Zocke bestanden aus schwarzem sächsischen und der Fuß aus weißem carrarischen Marmor. Er wurde in der Werkstätte der Wittwe Nossi von dem Bildhauer Gremly ausgeführt und kostete 600 Thaler. Am 1. März 1791 wurde der Taufstein aufgestellt. Das künstliche eiserne Geländer um den Altarplatz schmiedete der Rathsschlossermeister Pärsch für einen Lohn von 800 Thalern. (DNN)"

Seit gestern jedoch gibt es einen Lichtblick an der Brandstätte, die Uhrglocke schlägt wieder, angeschlagen vom Türmer, welcher auch wieder seinen Dienst versieht:

"Vom Kreuzkirchenthurme herab klang gestern früh 8 Uhr zum ersten Male wieder heller Glockenklang – die eherne Stimme der Stundenuhr, die mit den großen Glocken seit dem Brande verstummte, schlug zum ersten Male wieder die achte Morgenstunde an. Der alte ehrwürdige Thurm hat also, dank dem eifrigen Bemühen der zuständigen Behörden, die alte liebgewordene Glockensprache wiedergefunden. Das Uhrwerk des Thurmes steht freilich noch still, und die Instandsetzung derselben dürfte wohl noch längere Zeit beanspruchen. Der Aufgang zu dem Thurm ist einstweilen interimistisch fertiggestellt worden, sodaß die Thürmer regelmäßig ihren Dienst wieder versehen können. Für das Publikum ist der Thurm natürlich nicht zugänglich. (DN)"

Apropos Türmer. Sowohl Herr Schindler, als auch Herr Sovak sind evangelischer Konfession. Hier irrte Onkel Schnörke. Und angenehm finden wir, dass es den verunglückten Feuerwehrmännern wieder gut geht:

"Die vier bei dem Kreuzkirchenbrande verunglückten Feuerwehrleute haben sämmtlich das Krankenhaus wieder verlassen. Kaiser und Wolf verrichten bereits Dienst, während Mathes und Neumeister sich noch in Privatpflege befinden. – Herr Oberthurmwächter Schindler ersucht uns, gegenüber einer vielfach verbreiteten falschen Meinung mitzutheilen, daß sein Schwiegersohn, der Thürmer Sovak, sowie dessen Ehefrau und Kinder evangelisch-lutherischer Konfession sind. (DN)"

Heute wird in einer städtischen Übung die Militärdampfspritze vorgeführt. Darüber wird noch zu berichten sein:

"Auf heute ist eine Vorführung der Militär-Dampfspritze vor dem Herrn Oberbürgermeister Beutler und dem Branddirektor Thomas festgesetzt. Der Ausfall dieser Probe soll der Beschaffung von städtischen Dampf-Feuerspritzen zu Gute kommen. (DN)"

Jetzt wissen wir, warum über 100 Jahre später die Alberbrücke grundlegend instand gesetzt werden musste. Bei solcher Belastung:

"Heute Nachmittag bewegte sich über die Albertbrücke ein mit 12 Pferden bespannter Wagen, der einen riesig großen Kessel, aus der Maschinenfabrik von Jacobi in Meißen stammend, nach dem Dampfziegeleiwerke zu Neuostra brachte. (DN)"

Ein Blick zum derzeitigen Hochwasser:

"Da das Hochwasser einen beträchtliche Theil des Uebigauer Weges im großen Gehege sammt der linksufrigen Landestelle überschwemmt hat, sind die Fährdampfer gezwungen, oberhalb der Mündung des König-Albert-Hafens zu landen. Bei den jetzigen schönen Tagen benutzen zahlreiche Naturfreunde die Gelegenheit zu einer längeren Wasserfahrt nach der alt-historischen Schloßschänke Uebigau. (DA)"

Vor Wasser geschützt steht die zu Blühen beginnende Kamelie im Pillnitzer Schlosspark, während die Elbinsel fast versank:

"Pillnitz. Die berühmte 200jährige Kamelie im hiesigen königlichen Schloßgarten zeigt auch in diesem Jahre außerordentlich zahlreiche Blüthen, so daß man im bevorstehenden Frühjahre auf Tausende von Blumen rechnen kann. Der Baum ist bekanntlich der größte in ganz Europa und steht in der freien Erde, woselbst er vortrefflich gedeiht. Er ist 7 bis 8 m hoch und hat einen Umfang von 25 bis 30 m. Im Winterhalbjahr wird er regelmäßig mit einem umfangreichen Holzgebäude überbaut, in dem mehrere Familien bequem Platz finden könnten. Eine besondere Heizungsanlage sorgt dafür, daß es dem frischgrünen Baum nicht zu kalt wird. Der Pillnitzer Schloßpark, der übrigens eine große Anzahl sehr seltener Bäume und Pflanzen aufweist, wird auch jetzt schon wieder lebhaft besucht und an den letzten warmen Tagen waren die Fenster der riesigen Treibhäuser geöffnet, so daß man die wundervollen Palmen und zahlreichen anderen tropischen Gewächse sehen konnte. Bei dem jetzigen Hochwasser war übrigens die mitten im Elbstrom gelegene Insel auf der Se. Majestät der König oft der Fasanenjagd obliegt, in großer Gefahr, gänzlich überfluthet zu werden. (DNN)"

Was, der Park wird lebhaft besucht? Na dann aber schnell die Kassenhäuschen besetzt. Wieso Kassenhäuschen? Na wartet mal noch hundert Jahre.
Keine hundert Jahre sondern nur einen Tag müssen wir auf das köstliche morgige Mittagessen warten:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Hühnersuppe. Gezupfter Hecht mit Parmesankäse. Frische Schweinskeule mit Rothkraut. Mandelpudding. – Für einfachere: Lungenragout. (DN)"

Heute gibt es das Aschermittwochkonzert mit einem ordentlichen Knaller. Schade, in diesen Projektchor hätte ich auch gerne mitgesungen:

"Zum Besten der Wittwen- und Waisenkasse der Mitglieder der Königl. Kapelle findet heute in der Königl. Hofoper das übliche Aschermittwochs-Concert statt. Zur Aufführung gelangt, zum ersten Male in Dresden, das Requiem von Hektor Berlioz unter Mitwirkung der Königl. Kapelle, von vier Bläserchören, des großen Philharmonische Chors, der Dreyßig´schen Singakademie, des Gesangsvereins Liedergruß und von Mitgliedern des Hoftheatersingechors und des Herrn Carlén (im Ganzen ca. 500 Sänger und Instrumentalisten). Billets dürften in nur beschränkter Anzahl noch vorhanden sein. (DN)"

Da folgt gleich der Theaterzettel:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang 7 Uhr: Große Musikaufführung: Zum ersten Male: Requiem von Hektor Berlioz.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Maccabäer.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: „´s Nullerl“"

Es wird immer schlimmer. Als Frau kann man sich nicht mehr alleine in die Heide trauen:

"Polizeibericht, 2. März. Am 1. März ist nachmittags in der Dresdner Heide an einer Frau ein Vergewaltigungs- bez. Raubversuch von einem unbekannten jungen Manne verübt worden. Beschreibung des Thäters: 18 Jahre alt, kleine Gestalt, fahles, bartloses und pockennarbiges Gesicht, hat schwielige Hände und an einem kleinen Finger eine Bißwunde. Kleidung: blaugrau gekästelte abgetretene Hose, dunkles Jacket, dunkler weicher Filzhut und Umlegekragen. – Letzen Freitag verunglückte in einer Fabrik der Pirnaischen Vorstadt, wo er 2 Tage vorher als Arbeiter eingetreten war, ein 17 Jahre alter Mensch. Er war der Transmissionswelle zu nahe gekommen, und wurden ihm beide Vorderarme mehrere Male gebrochen. – Am 10. Februar ds. Js. ist von einem hiesigen Güterboden ein ballen weißleinener Webstoff, 146 Cm. breit, 28 Kgr. Schwer, gez. A. R. Nr. 542, gestohlen worden. Der Thäter bez. der Verbleib des gestohlenen Gutes konnte noch nicht ermittelt werden. (DN)"

Aber nicht jeder Hilferuf einer Frau ist ein solcher. Nachsehen ist schon in Ordnung, danach aber am Besten das Weibstück liegen lassen:

"Cotta. In einer der letzten Nächte tönten laute Hilferufe einer weiblichen Stimme in der Nähe der Haltestelle durch die Stille, welche gegen 3 Uhr früh herrscht. Das Mitgefühl der zur Hilfe eilenden Männer schlug aber in das Gegentheil um. Eine schwer bezechte Frauensperson aus einem Oberdorfe wollte in einer Restauration ihre „schiefe Ladung“ noch verbessern, wurde aber an die Luft gesetzt. Die Rufe: „Ottomar, Ottomar! Komme mich zu Hilfe – die Leute wollen mich wat dhun!“ hatten wenig Erfolg, denn Ottomar, der Gemahl der „Dame“ – lag am Bahndamm und war noch etwas – „fetter“  als seine Ehehälfte. Andern Morgens gegen 9 Uhr ging das würdige „Pärchen“ unter sicherem Geleit nach der benachbarten Residenz ab. (DNN)"

Aschermittwoch. Fastenzeit. Aber zu Hause kann und darf man schon fidele Stunden erleben und für die ganz fidelen Stunden danach bietet Spalteholz und Bley den entsprechenden Schutz an. Also das mit dem Fasten, das müssen wir mal noch e bissel üben:

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Dienstag, 2. März 1897

Heute gibt es wieder Wetter. Und was für welches. Mit frühlingshaften Temperaturen, allerdings soll es auch regnen::

"Die Nacht vom 27. zum 28. Februar brachte vereinzelt schwachen Niederschlag, während der folgende Tag bei wechselnder Bewölkung vorwiegend trocken verlief. Die Temperatur wies einen Rückgang auf; ihre Minima gingen von 6 Gr. (Dresden) herab bis – 2 Gr. (Fichtelberg), die Mittelwerthe lagen zwischen 6 und 0 Gr. an denselben Stationen und das Maximum war 9 Gr. (Dresden). Schneetiefe Reitzenhain 30 Cmtr.; Fichtelberg 1 Mtr. Ueber dem nordwestlichen Schottland hat sich eine tiefe Depression unter 740 Mm. (Stornoway 737 Mm.) ausgebreitet, welche rasch in südöstlicher Richtung vordringt und dadurch einen Rückgang des Hochdruckgebietes auf dem Continent hervorbringt. Das Maximum des Luftdrucks lagert in Galizien und Siebenbürgen (Lemberg 747 Mm.) und unter seinem Einfluß besteht am Morgen noch bei südlichen Winden das heitere bis neblige Wetter fort. Von Südwesten her findet jedoch bereits eine Drehung der Winde nach Westen statt, auch treten schon vereinzelte Niederschläge auf, die sich weiterhin bei uns ebenfalls einstellen dürften.
Aussichten: Niederschläge. Thermometrograph nach Celsius. Temperatur: höchste 11 Gr. Wärme, niedrigste 5 Gr. Wärme. Vormittags bedeckt, Nachmittags Regen. Südwind. (DN)"

Wir lassen uns aber die Laune nicht vermiesen, denn heute ist ja Fasching:

"Die Fastnacht, welche heute über die Welt hereinbricht, ist ebensowenig wie das Weihnachtsfest ursprünglich von christlichem Charakter gewesen. Bezeichnete das Weihnachtsfest nach altgermanischer Sitte die Wintersonnenwende, so bedeutete die Fastnacht das „Schwarmfest“, die Feier des beginnenden Frühlings, dem man oft noch in Schnee und Eis zujubelte in der Hoffnung, daß er nun nicht mehr lange ausbleiben könne. Als dann später das Christenthum immer mächtiger wurde und schließlich die alten Heidengötter ganz verdrängte mit ihren oft tiefsinnigen Naturmythen, da wurde aus dem „Schwarmfeste“ unserer Altvorfahren die christliche Fastnacht, der letzte Tag vor der österlichen Fastenzeit, den die Geistlichkeit dem Folge für allerhand Belustigungen freigab. Je nach Volk und Land, Sitte und Zeit bekamen unsere deutschen Städte in der Blüthezeit des 14., 15. und 16. Jahrhunderts ihre besonders ausgeprägten Fastnachtsfeiern, die freilich bald nicht mehr einen, sondern meist mehrere Tage dauerten. So währte z. B. in Frankfurt a. M., in Ulm, in Nürnberg, München und anderen großen Städten Süddeutschlands die Fastnachtsfeier mindestens eine Woche, ja bisweilen noch länger. Meist waren diese Festlichkeiten eine Nachahmung des römische Karneval, dem man es in lokaler Färbung so viel wie möglich nachzuthun pflegte. Volksbelustigungen aller Art, Fastnachtsschmausereien der einzelnen Zünfte, Auf- und Umzüge, Maskeraden, theatralische Aufführungen sind in diesen Tagen angethan, die Stimmung zu erhöhen. Auf den Straßen der Stadt herrscht natürlich die ausgelassenste Lustigkeit, die ganze Einwohnerschaft wird von einem wahren Festestaumel erfaßt und eine Zunft sucht die andere an Glanz der Kostüme und Pracht der Aufzüge zu überbieten. Als schließlich das Getriebe gar zu bunt wurde, sahen sich die Väter mancher Städte genöthigt, die Fastnachtsfestlichkeiten ganz zu verbieten; so ging es z. B. im ehrsamen Nürnberg im Jahre 1539, wo besonders die sogenannten Metzgerreigen, Balle der Fleischergilde, immer glänzender, aber auch immer toller geworden waren. Ueberhaupt nahm in den Städten, was sich namentlich wieder in Süddeutschland bemerkbar machte, die entfesselte Volkslust leicht einen allzuwüsten Charakter an und der alte kirchliche Brauch wurde bald nur zum Vorwand, sich einmal recht auszutoben; erst im späten 16. Jahrhundert besann man sich wieder auf den religiösen Charakter des Tages. Auf dem Lande, in den Marktflecken und Dörfern, hat sich der alte Volksglaube und mit ihm die alten Sitten und Gebräuche länger, oft sogar bis heute erhalten. Man kann wohl sagen, daß Fastnacht, wenn es überhaupt heute noch gefeiert wird in Deutschland, überall anders begangen wird. Meist meidet auf den Dörfern die Feier die Straße und vollzieht sich im Rahmen des Hauses und der Familie. Mit einer mit bunten Bändern geschmückten Ruthe ziehen die Kinder am frühen Morgen, oft im Regen und Schnee, aus, um Verwandte, Freunde und Bekannte aus dem Bett zu holen und mit ihnen allerhand Kurzweil zu treiben, wofür sie dann gewöhnlich ein paar Heller oder Schillinge zum Lohn erhalten. Natürlich spielt auch hier das Essen und das Trinken eine Hauptrolle, und besonders unsere Pfannkuchen, freilich noch nicht in der gleichen Vollendung wie heute, kann man schon sehr frühe als Fastnachtsgebäck nachweisen. Auch an Mummenschanz fehlt es auf dem Lande nicht und wenn die Verkleidung manchmal auch recht einfache und leicht zu erkennende sind, so ist doch die Freude hier nicht minder groß als etwa auf römischen und venezianischen Karneval. In den Städten haben sich die allgemeinen Fastnachtsfeiern in Deutschland jetzt völlig verflüchtigt. Unsere großen öffentlichen Maskenbälle, die eigentlich ebenso wenig charakteristisch wie volksthümlich sind, repräsentiren die letzten Ausläufer und Ueberreste der alten Fastnachtsfeiern, denen sich einst auch im kühlen Norden Arm und Reich, Hoch und Niedrig, Alt und Jung voller Freudigkeit und übermüthigster Lust vorübergehend hingab. (DN)"

Und heute wird uns auch wieder die Stunde geschlagen, Ja, vom Turme der Kreuzkirche:

"Von morgen, Dienstag, früh 8 Uhr an wird die Glocke des Kreuzkirchenthurmes wieder die Zeit durch Glockenschläge verkünden. Die Uhr kann selbstverständlich noch nicht die Stunden anzeigen, da das Feuer das Werk vernichtet hat, aber allen Umwohnern wird schon das Wiederertönen der Glocke hochwillkommen sein. Wir fügen hinzu, daß der Thürmerdienst wieder begonnen hat, daß aber ein Besteigen des Thurmes noch untersagt ist. (DA)"

Und nach wie vor mehrt sich die Zahl der Fotografien vom Kreuzkirchenbrande:

"Ganz vorzügliche Photographien der Kreuzkirche nach dem Brande sind von Herrn Photographen Rich. Böhle, Fürstenstraße 65, hergestellt worden. Dieselben sind in allen hiesigen größeren Kunsthandlunge zu haben. (DA)"

Ein Sorgenkind ist und bleibt die unterirdische Stromzuführung für die Straßenbahn in der König-Johann-Straße:

"Auch am Sonntag Abend in der 7. Stunde kam auf der König-Johannstraße der elektrische Straßenbahnbetrieb dadurch wieder in´s Stocken, daß die unterirdische Stromzuführung plötzlich den Dienst versagte. (DN)"

Eben ein Sorgenkind:

"Während des Baues der Canäle etc. zur unterirdischen Zuleitung des elektrischen Stromes zum Straßenbahnbetriebe in der König-Johannstraße nahmen wir einige Male Gelegenheit, zum Theil an der Hand der in Berlin bereits damals gemachten Erfahrungen, auf die geringe Vortheile dieses Systems, auf die großen Kosten desselben und auf die noch sehr zweifelhafte praktische Anwendung hinzuweisen und für die Anwendung des in Hannover und zum Theil auch hier eingeführten gemischten Systems der Oberleitung und des Akkumulatorenbetriebes einzutreten. Nach Einführung des Betriebes hatte es den Anschein, als ob sich die Sache doch leidlich bewähre, denn die Störungen waren nur geringen Umfanges und wurden immer wenig fühlbar. In den Tagen des Schneefalles mußten allerdings fortwährend eine Anzahl Leute mit Arbeiten an den Canalschlitzen beschäftigt werden, was bei längerer Dauer das System nicht gerade billig erscheinen läßt. In letzter Zeit jedoch sind die Störungen so oft und so umfänglich eingetreten, daß selbst ein hiesiges Blatt. Welches erst ziemlich warm für diese Sache eingetreten war. Jetzt bekennt, daß Letzteres ein „Schmerzenskind“ der Deutschen Straßenbahngesellschaft ist. Diese Gesellschaft, welche sich durchaus nicht nach dieser Art Betrieb gesehnt hat, muß jetzt oft die größten Anstrengungen machen, um den durch solche Störungen hervorgerufenen Mängeln wieder abzuhelfen und die regelrechte Wagenfolge wieder herzustellen. Daß dies ungemein schwer ist, wenn der Betrieb etwa eine halbe Stunde an einer Stelle stockt, liegt auf der Hand und darf dem Publikum nicht dem Personal zur Schuld gelegt werden. Auch gestern Abend in der 7. Stunde. Als der rege Sonntagsverkehr im besten Gange war, stockte derselbe wieder einmal und die von Blasewitz her kommenden Fahrgästeverließen am Pirnaischenplatz die Wagen, um sich größeren Aufenthalt zu ersparen. Durch solche auf der Johannstraße sitzengebliebene elektrische Wagen werden natürlich auch die Wagen der mit Pferden betriebenen anderen vier Linien aufgehalten, – also eine ganz erhebliche Störung des Straßenbahnbetriebes herbeigeführt. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten wurden wieder mehrfache Wünsche gegenüber den beiden Straßenbahngesellschaften laut, von denen solche, die zum wirklichen Vortheil des Verkehrs gereichen, auch vertreten, aber andererseits möchte man auch bedenken, daß durch Vorkommnisse, wie die vorerwähnten, die Gesellschaften geschädigt werden und ebenfalls Grund zu Klagen haben. (DNN)"

In Laubegast ist die Elektrizität noch kein Sorgenkind, weil, die gibt es dort noch nicht. Aber das soll sich ändern:

"Laubegast. Im Laufe dieser Woche werden durch das Gemeindeamt an sämmtliche Haushaltungen Fragebogen ausgetheilt, um den Bedarf an elektrischer Kraft zu Beleuchtungs- oder gewerbliche Zwecken festzustellen. Ist die Betheiligung eine rege, so soll der Frage bezüglich der Errichtung eines Elektricitätswerkes in unseren Ort nahegetreten werden. (DA)"

In Löbtau, wo derzeit das Rathaus entsteht, da wird natürlich auch der künftige Rathausplatz schon gestaltet, mit einem dämlichen Kriegerstein:

"Löbtau. In gleicher Weise wie die Herren Baumeister Pohle und Schreiber, welche 500 Mk. zur Errichtung des Siegesdenkmals auf dem künftigen Rathausplatze gestiftet haben, hat sich Herr Kunath aus Dresden, Steinlieferant für die hiesige Gemeinde, in dankenswerther Weise erboten, den Unterbau für dieses Denkmal auf seine Kosten herstellen zu lassen. (DNN)"

Etwas Gutes kann man doch der Sache abgewinnen. Viele Jahrzehten später, wenn nicht nur das Löbtauer Rathaus, sondern nahezu die ganze Stadt in Trümmern liegt, dann wird das Material dieses "Siegesdenkmals" einen besseren Zweck erfüllen, es wird zur Reparatur der geschundenen Herkulesfiguren im Großen Garten dienen.
Eilmeldung. Teilen, teilen und teilen. Weiterverbreiten, denn bisher hat die kaiserliche Lügenpresse noch nichts davon berichtet: Personendampfer vor Pillnitz gesunken. Viele Menschen ertrunken. Oder ist es doch bloß wieder ein wildes Gerücht? - Dachte ich es mir doch:

"Wir erhalten folgende Zuschrift: „Seit gestern Nachmittag is in der Stadt ein auf uns unerklärliche Weise entstandenes Gerücht verbreitet, dahin lautend, daß einer unserer Personendampfer bei Pillnitz untergegangen und dabei eine Anzahl Passagiere um´s Leben gekommen sei. Wir theilen, um etwaigen falschen Notizen vorzubeugen, hierdurch ergebenst mit, daß an der ganzen Sache kein wahres Wort ist und nicht das Geringste in unserem Betriebe vorgekommen ist, was Veranlassung zur Entstehung eines solchen Gerüchts geben könnte. Dabei wollen wir nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß sich – dank der vorzüglichen Sicherheitsvorkehrungen und der peinlichsten Instruktion unseres Personals – während des nunmehr 60jährigen Bestandes des Unternehmens kein einziger Fall ereignet hat, bei welchem durch Leckwerden des Dampfers Menschenleben in Gefahr gekommen wären. Eine Möglichkeit derartiger Katastrophen kann insofern schwer eintreten, als der Schiffsführer im Falle eines drohenden Schiffsuntergangs nicht nur die Order, sondern bei der Beschaffenheit unseres Flußbetts auch überall die Gelegenheit hat, das Schiff auf seichten Grund zu setzen, wodurch jede unmittelbare Gefahr ausgeschlossen ist. Das Publikum kann sich deshalb mit voller Beruhigung jederzeit, auch bei den höchsten Wasserständen, unserer Verkehrsmittel bedienen, und überlassen wir Ihrem gefl. Ermessen, vorstehende Mittheilung für die Oeffentlichkeit zu verwerthen. Hochachtungsvoll Sächsisch-Böhmische Dampfschiffahrts-Gesellschaft. (DN)"

Na, da können wir uns ja beruhigt dem morgigen Speiseplan widmen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Griesknödelchen. Leber à la minute. Wiener Rostbraten mit mixed pickles. Sachertorte. – Für einfachere: Rindfleisch mit Möhren. (DN)"

Im Opernhaus sind wir heute zur Probe eingeladen. Gemeint ist natürlich das musikalische Werk von Albert Lortzing. Außerdem wird gespielt:

"K. Hoftheater Altstadt: Anfang ½ 8 Uhr: Die Opernprobe.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Das Urbild des Tartüffe.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: „´s Nullerl“"

Tragödie in einem eigentlich feinen Viertel:

"Heute Morgen früh gegen 6 Uhr hat eine seit mehreren Jahren von ihrem Ehemanne getrennt lebende, 31 Jahre alte Frau in der Wohnung ihrer Eltern am Moltkeplatz erst ihr 5 Jahre altes Töchterchen und dann sich selbst erschossen. Ueber diesen betrübendem Fall hören wir, daß die Frau, früher Schauspielerin, unglücklich verheirathet war. Sie trennte sich infolgedessen von dem Manne und lebte fortan bei ihren Eltern, suchte sich aber ihr Brot durch Arbeit – unter anderem einige Zeit als Empfangsdame in einem hiesigen photographischen Geschäfte – zu erwerben. Trotzdem traten wiederholt Sorgen an sie heran. Ihr Schicksal ging ihr aber sehr zu Herzen und erzeugter seit langer Zeit eine tiefe Schwermuth in ihr. Wiederholt hat sie Aeußerungen gethan, sich das Leben zu nehmen. Heute Morgen nun führte sie diesen unseligen Entschluß aus. In der Wohnstube der elterlichen Wohnung hörte der Bruder der Frau plötzlich einen chuß fallen. Er eilte herzu, fand aber die Thür verschlossen und erhielt keinen Einlaß. Zwei kurz darauf abgegebene weitere Schüsse veranlassten die Angehörigen, sich gewaltsam Eintritt zu verschaffen. Man fand die Thüre noch durch eine vorgeschobene Kommode versetzt und sowohl das Kind als die Frau bereits tot vor. Der herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. (DA)"

Auch amtlich berichtet die Polizei heute nur über Todesfälle:

"Polizeibericht. In Vorstadt Striesen hat sich am Sonnabend Nachmittag ein 36 Jahre alter Arbeiter in seiner Wohnung durch Erschießen den Tod gegeben. Der Verstorbene fürchtete wegen eines Vorkommnisses zur Rechenschaft gezogen zu werden. – Auf einem hiesigen Tanzsaale wurde am Sonntag Abend gegen 9 Uhr eine 23 Jahre alte Dienstperson von einem Herzschlage betroffen, sie war sofort tot. – In der Oppellvorstadt hat sich in der vergangenen Nacht ein 28 Jahre alter, von Epilepsie heimgesuchter Cigarrenarbeiter aus dem Fenster einer im dritten Stockwerke  gelegenen Wohnung in den Garten gestürzt, Der Mann fiel auf einen Lattenzaun und durchbohrte sich den Unterleib. Bald danach verstarb er. (DA)"

In Striesen rannte ein Fußgänger in einen Straßenbahnwagen:

"An der Ecke der Augsburger- und Tittmannstraße wurde am Freitag Mittag ein Passant von einem elektrischen Wagen erfaßt und ein Stück fortgeschleift. Der Verunglückte war in den Motorwagen geradezu hineingelaufen, hat aber außer einigen Wunden im Gesicht, die von einem Arzte verbunden werden mußten, erhebliche Verletzungen zum Glück nicht davongetragen. (DN)"

Fehlt noch der Bericht der Feuerwehr:

"Gestern Nachmittag kurz nach 5 Uhr wurde die Feuerwehr nach dem Grundstücke große Schießgasse 3 und nachts kurz nach ½ 12 Uhr nach dem Friedrichstädter Rangirbahnhofe gerufen. Der erstere Alarm war ein blinder, Straßenpassanten hatten den aus den Kellerfenstern dringenden und vom Kaffeerösten herrührenden Rauch als von einem Schadenfeuer ausgehend angesehen und deshalb die Feuerwehr alarmirt. An dem anderen Orte war auf den Bahngleisen über dem Flügelwege in einem ausrangirten Güterwagen. Welcher als Lampenputzraum benutzt wird, durch herausfallen des Ofenrohres Feuer entstanden. Durch dasselbe wurde der Wagon zerstört und eine Anzahl Kleidungsstücke. Handwerkszeug, Lampen und verschiedenes andere vernichtet. In Gemeinschaft der freiwilligen Feuerwehr Cotta wurde die Brandstelle abgelöscht. – Heute Vormittag kurz nach ½ 10 Uhr wurde die Feuerwehr nach dem Grundstück Marschnerstraße 30 gerufen, woselbst in einer Stube im Untergeschosse auf noch unermittelte Weise ein Sopha in Brand gerathen, weiterer Schaden aber nicht entstanden war. Die Feuerwehr löschte den unbedeutenden Brand in kurzer Zeit. (DA)"

Karneval. Wo geht´s heute hin? Drei Säle, drei Möglichkeiten oder ins beschaulichere Briesnitz:

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Montag, 1. März 1897

Neuer Monat, aber auch Montag und deswegen gibt es heute kein Wetter, aber Neuigkeiten von der Hochwasserfront:

"Nach den gestern bei der hiesigen Königl. Wasserbau-Direktion aus Böhmen eingegangenen Hochwasser-Nachrichten ist auf der Elbe und deren Nebenflüssen ein erneuter Wuchs eingetreten, welcher auch innerhalb Sachsens wiederum ein mäßiges Steigen des Stromes veranlaßt hat. In Dresden zeigte der Pegel gestern 8 Uhr Vormittags 202 Cmtr. Über Null, 5 Uhr Nachmittags 216 Cmtr. Über Null. Für heute etwa dürfte ein Wasserstand von 250 Cmtr. Über Null zu erwarten sein. (DN)"

Aus dem Königshause wird uns berichtet:

"Bei Ihren Königl. Hoheiten Prinz und Prinzessin Friedrich August fand gestern Nachmittag Familientafel statt, an der Ihre K. K. Hoheit die Frau Erzherzogin von Toscana und die Prinzen und Prinzessinnen des Königl. Hauses Theil nahmen. (DN)"

Auch auf den Straßen wird mit Beginn des Frühjahrs wieder gebuddelt:

"Aus den amtlichen Bekanntmachungen. Von heute ab wird die Große Plauenschestraße zwischen den Plauenschenplatz und der Feldgasse zwecks Vornahme von Rohrlegungsarbeiten auf die Dauer derselben für den Fahr- und Reitverkehr gesperrt, desgleichen die nördliche Seite der Friedrichs-Allee zwischen der Seestraße und der Schulgasse zwecks Vornahme von Gleislegungsarbeiten. (DN)"

Und sie sind wieder unterwegs, die Radfahrer. Wie schon mehrmals bemerkt, kauft deutsche Räder, die sind wesentlich besser als der ausländische, besonders der amerikanische, Schrott:

"Die milde Witterung der letzten Tage hat die Radfahrer bereits in Menge hervor gelockt, sodaß man von der Allgemeinheit des Sports der diesen Frühjahr und Sommer mit Sicherheit zu Tage treten wird, bereits jetzt eine Vorstellung erhält. Für Viele, die noch keine Räder besitzen oder sich mit einem neuen versehen wollen, ist nun aber auch die Zeit gekommen, ihre Auswahl zu treffen. Hierbei ist en nun eine schon oft besprochene Erscheinung, daß insbesondere in den größeren Städten Deutschlands, wie auch hier in Dresden, die ausländischen, und unter diesen die amerikanischen Fahrräder, trotz der enormen Preise mit Vorliebe gekauft werden. Bei der Bedeutung, welche der Radfahr-Sport für den allgemeinen Verkehr in den letzten Jahren gewonnen hat, erscheint es aber nachgerade als eine Pflicht, immer wieder die Frage zu erörtern, ob für das deutsche radfahrende Publikum heute thatsächlich eine Berechtigung vorliegt, die ausländischen gegenüber den einheimischen Rädern zu bevorzugen. In Deutschland giebt es jetzt eine ganze Reihe von Fahrradfabriken, deren Fabrikate in jeder Richtung der ausländischen Konkurrenz gewachsen sind. U. A. bieten die neuen Modelle für 1897 der Fahrradwerke Salzer und Co., G. m b. H., in Chemnitz eine willkommene Veranlassung einen Vergleich zwischen deutschen und ausländischen Fabrikaten anzuführen. Die genannte Firma bringt für dieses Jahr eine nur 11 Kilogramm schwere Straßen-Renn-Maschine auf den Markt, welche imstande ist, mit den leichten amerikanischen Rädern in Wettbewerb zu treten. Die Eleganz der Erscheinung läßt erkennen, daß es die genannte Firma verstanden hat, die Vortheile der amerikanischen Bauart bei ihren neuen Modellen sich zu eigen zu machen. Die Maschine zeigt peinlich akkurate Arbeit und spielend leichten Gang, sie ist trotz ihrer Leichtigkeit im Rahmen mit Verstärkungen versehen, welche die gleich schweren amerikanischen Räder nicht führen, und ruft bei dem Radfahrer den Eindruck hervor, daß sie auch bei höchster Beanspruchung vorzüglich bestehen muß. Freunde leichter Bauart werden i dieser Nummer 1 einen vollwertigen Ersatz für das amerikanische Rad finden. Als eine Musterleistung ersten Ranges ist ferner das Damenrad Nr. 6 zu bezeichnen. Die praktische und zugleich sehr gefällige Form des Rahmens, die eleganten, kleinen Pedale, die äußerst gediegene Ausstattung in Verbindung mit dem, den „Salzer“-Rädern eigenthümlichen leichten Gang sichern dieser Nummer den Beifall der radfahrenden Damenwelt und der Fabrik zahlreiche Aufträge. Die bekannte Firma C. F. Bernhardt, hier, hat den Alleinvertrieb der Salzer-Fahrräder für Dresden übernommen, so daß dem hiesigen Publikum Gelegenheit geboten ist, sich aus eigener Anschauung ein Urtheil über das Fabrikat zu bilden. Bei solchen Leistungen der einheimischen Industrie hat kein deutscher Fahrer Veranlassung, aus hergebrachter Vorliebe für alles Ausländische ein fremdes Rad zu benutzen, daß es viel mehr eine Ehrenpflicht für jeden Sportsfreund sein muß, bei Ankauf eines neuen Rades vor Allem einen gründliche Vergleich darüber vorzunehmen, was ihm das Ausland und was ihm die deutsche Industrie bietet, und wenn das deutsche Fabrikat dabei durch eine solide Marke, wie es das „Salzer“ Fahrrad ist, vertreten wird, so wird kein Zweifel sein, zu wessen Gunsten die Wahl ausfallen muß. (DN)"

Was kommt im Theater? Die Oper hat geschlossen. Wie immer am Rosenmontag, da die Hauptprobe für das traditionelle Benefizkonzert am Aschermittwoch stattfindet:

"K. Hoftheater Altstadt: Heute geschlossen.
K. Hoftheater Neustadt: Anfang ½ 8 Uhr: Ein Glas Wasser.
Residenz-Theater: Anfang ½ 8 Uhr: „´s Nullerl“"

Aber wir haben ja den Zirkus in der Gerokstraße und da freuen wir uns schon auf das Auftreten von "40 wilden Weibern" aus dem schwarzen Kontinent, welche uns mit Amazonenspielchen beglücken werden:

"Von Mittwoch ab treten im Cirkus Krembser unter Führung des Afrikareisenden John Hood 40 wilde Weiber aus Dahomay auf. Die schwarze Gesellschaft hatte in Berlin, Wien einen starken und dauernden Erfolg aufzuweisen. Ihre Produktionen bestehen in heimathlichen militärischen Exerzitien und Kriegsgefechten. Im Verkehr mit dem Publikum zeigen die Leute gefällige Manieren. Die Abendvorstellungen beginnen von heute an um 8 Uhr. (DN)"

Wow. Das schlägt auf den Magen:

"Für unsere Hausfrauen. Was speisen wir morgen? Für höhere Ansprüche: Suppe mit Semmelklöschen. Gebackene grüne Heringe mit Sardellenbutter. Rindsrouladen mit Serviettenklos. Apfelkuchen. – Für einfachere: Rindfleisch mit Reis und Blumenkohl. (DN)"

Der Kreuzkirchenbrand hat natürlich auch Onkel Schnörkes Leserbriefseite aufgemischt:

"Briefkasten.

*** R. B. „Seitdem leider die altehrwürdige Kreuzkirchenglocke, die schon unseren Vätern die Stunden angegeben hat, nicht mehr schlägt, sind wir Bewohner der Südvorstadt ganz ohne Zeitmesser. Da wäre es wohl angebracht, die Regierung zu bitten, auf dem Technikum eine Uhr mit Schlagwerk anbringen zu lassen, die uns Allen, nicht nur den Studenten, sagte, wieviel es geschlagen hat, die Kosten dafür (einige Hundert Mark) können hier nicht in Betracht kommen. Sollte sich das geehrte Kollegium der technischen Hochschule dafür interessiren, woran wohl nicht zu zweifeln ist, würde der christliche Wunsch wohl bald in Erfüllung gehen und die Bewohner dieser Gegend zu großem Danke verpflichten. Was meinen Sie dazu?“ – Sehr einverstanden.

*** Stammtisch „zur Kanne“, Buchholz. „1) Welchen Athmosphärendruck hat die Dresdner Wasserleitung an der abgebrannten Kreuzkirche? 2) Welche Höhe besitzt das Mauerwerk vom Erdboden bis zur Dachkante am genannten Gebäude?“ – 1) 4,6 Athmosphäre. 2) Ca. 22 Meter.

*** K. G. G., Lugau. Von verschiedenen Seiten wird behauptet, daß der ehemalige bis zu dem Brande auf der Kreuzkirche bedienstete Thürmer katholischer Konfession sei. Ist das wahr?“ – Nach uns gewordenen Mittheilungen ist dies richtig. Derartige Duldung bei der Anstellung von kirchlichen Beamten hat sich beiderseits schon wiederholt gezeigt. So war der berühmte Organist an der katholischen Hofkirche Merkel Protestant.

***Alt. Ab. „Wohin habe ich mich zu wenden, um den Vorträgen über den Sanitätsdienst beiwohnen zu können? Welches Alter muß ich haben und mit welchen Geldkosten ist es verbunden?“ – Melden Sie sich in der Geschäftsstelle des Samariter-Vereins (freiwillige Rettungs-Gesellschaft) zu Dresden, Felherrnstraße Nr. 2, part. Bei Herrn Dir. Jenschen zu einem Kursus an. Erster Vorsitzender des Vereins ist Generalarzt Dr. Rühlemann. Der Unterricht ist unentgeltlich; zu Demselben werden nicht nur alle Diejenigen zugelassen, welche infolge ihres Berufs am häufigsten in die Lage kommen, bei Unglücksfällen zugegen zu sein, sondern auch andere Personen, welche durch Alter, Lebensstellung oder Bildung, sittlichen Ernst, Thatkraft und Besonnenheit eine gewisse gewähr gegen Fehlgriffe und Mißbräuche geben und von denen nicht zu befürchten steht, daß sie die gewonnene Ausbildung zu Erwerbszwecken mißbrauchen werden.

*** Hans Vetter, Roßwein. „Hat die Drahtseilbahn Loschwitz – Weißer Hirsch Anfangs nicht nur Personen, sondern auch Güter, wie Geschirre, mit Pferd und Wagen befördert?“ – Die Drahtseilbahn Loschwitz – Weißer Hirsch beförderte bereits bei ihrer Eröffnung im Oktober 1895 außer Personen auch Güter und Geschirre und steht insofern als Bergbahnanlage bis jetzt unerreicht da. Der Güter- und Geschirrverkehr wurde aber wieder ausgesetzt weil auf der oberen Station die Ausfahrt nach der Straße durch zu hohe Steigung schwerem Fuhrwerk hinderlich war. Diese Straße (Prinzeß-Louisestraße) ist infolge dessen tiefer gelegt, und da die hierzu erforderlichen Arbeiten in kürzester Zeit beendigt sind, so wird in allernächster Zeit der Güter- und Geschirrverkehr wieder aufgenommen.

*** M. J. „Vor ungefähr 3 Wochen las ich in Deiner Zeitung in den Privatbesprechungen: Die schneidigste Damenkapelle spielt im Restaurant Mars la Tour auf der Marschallstraße. Kannst Du mir mittheilen, wo die betreffende Kapelle sich jetzt aufhält?“ – Betreffende Kapelle ist zersplittert, einige Mitglieder befinden sich noch hier; die Direktorin hält sich privatisirend in Berlin auf. (alles DN)"

Im Laubegaster Marienhof ist eine ganze Etage zu vermieten. Über den Mietzins schweigt des Sängers Höflichkeit und auch im Jahre 2016 eine Topadresse und für den normalen Sterblichen nicht zu bezahlen:

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